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Gastkommentar Der Brexit ist die Hölle

Wäre sie kühn, würde May den Brexit für einen schrecklichen Fehler erklären und das Projekt beenden. Das wird nicht passieren. Stattdessen: viel Leid.
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Der Autor ist Professor für Geschichte und internationale Angelegenheiten an der Universität Princeton und Senior Fellow am Center for International Governance Innovation.
Harold James

Der Autor ist Professor für Geschichte und internationale Angelegenheiten an der Universität Princeton und Senior Fellow am Center for International Governance Innovation.

Der Präsident des Europäischen Rats, Donald Tusk, hat kürzlich eine Kontroverse ausgelöst, indem er äußerte, auf jene, die „ohne einen Plan“ den Brexit propagiert hätten, warte „ein besonderer Platz in der Hölle“. Für wütende Brexiteers zeigt diese Äußerung beispielhaft die gefühllose, moralisierende Einstellung der EU-Technokraten in Brüssel.

Die britische Premierministerin Theresa May gab dann auch brav eine Erklärung ab, in der sie Tusk für seine Bemerkung tadelte. Doch Mays Reaktion spielt kaum eine Rolle. Sie hat ihren Termin für die „bedeutsame Abstimmung“ („meaningful vote“) über das Austrittsabkommen bereits verlängert und damit faktisch bestätigt, dass sie bis zur letzten Minute weiter ohne Plan agieren wird.

In diesem Tempo könnten sich die Verzögerungen und Verlängerungen der Brexit-Fristen ewig hinziehen. Was die theologische Formulierung von Tusks Anklage angeht, so lässt sich argumentieren, dass es für Politiker im weitgehend säkularisierten Europa völlig angemessen ist, von der „Hölle“ zu sprechen.

Der EU-Austritt könnte leidvoll werden

Schließlich haben selbst viele christliche Geistliche vom Glauben an ein Leben nach dem Tod in ewiger Verdammnis Abstand genommen. Und die anglikanische Kirche hat die Idee des Fegefeuers bereits im 16. Jahrhundert, während der Reformation, aufgegeben.

Was die Hölle in einem modernen politischen Kontext beinhaltet, bleibt offen. Derweil haben einige italienische Journalisten fälschlich behauptet, dass selbst Papst Franziskus die Vorstellung von der Hölle aufgegeben habe. In Wahrheit hat er die Hölle ins Zentrum seiner Menschheitsvision gestellt. Entsprechend wird man „nicht in die Hölle geschickt; man geht dort hin, weil man sich dafür entscheidet“.

Der Brexit repräsentiert genau diesen Kurs. Wenn die Hölle der Glaube ist, dass man andere nicht brauche und nur für sich selbst sorgen müsse, dann sind die Brexiteers bereits dort angelangt. Wer nur an sich selbst glaubt, sieht keine Notwendigkeit zu verhandeln, weil er davon ausgeht, dass die andere Seite sich einfach seinem Willen beugen werde.

Doch in den internationalen Beziehungen schafft die Annahme, dass man alles selbst regulieren könne, eine Hölle, in der auch andere leben müssen. In diesem Sinne ist die Hölle das, was passiert, wenn die Menschen dem Lockruf von Selbstbestimmung und „Souveränität“ nachgeben und so einen sich selbst verstetigenden Kreislauf angespannter Beziehungen und eines wechselseitig zerstörerischen Unilateralismus schaffen.

Selbstüberhebung ist die größte Falle

Die Geltendmachung der Souveränität scheint endlose Möglichkeiten heraufzubeschwören – so, wie sie das für die Brexiteers eindeutig getan hat –, doch in Wahrheit schränkt sie die eigenen Entscheidungsmöglichkeiten ein. Wer etwa Verträge aufkündigt, ermutigt andere, dasselbe zu tun, und dann wird es immer schwieriger, überhaupt zu einer Einigung zu gelangen.

Und wer sich selbst einredet, frei zwischen endlos vielen unerfüllten Möglichkeiten wählen zu können, lebt dann tendenziell mit dem ständigen Bedauern, was hätte sein können. Dies ist die Falle, die Selbstüberhebung uns bereitet.´

Wenn May kühn sein wollte, könnte sie die folgende Erklärung abgeben: „Der Brexit ist ein schrecklicher Fehler. Die Entscheidung dazu wurde nach einer Lügenkampagne unter Einfluss bösartiger ausländischer Akteure getroffen, und seine Kosten werden den Nutzen offensichtlich weit übersteigen. Daher hat meine Regierung beschlossen, ihn nicht weiterzuverfolgen. Stattdessen bekennen wir uns dazu, mit der EU zusammenzuarbeiten, um den britischen Sorgen Rechnung zu tragen und uns auf eine unberechenbare Zukunft vorzubereiten.“

Eine solche Erklärung ist natürlich unmöglich, weil May den Fährmann durch ihre bereits getroffenen Entscheidungen schon bezahlt hat. Was sie und das Vereinigte Königreich erwartet, ist weiteres Leid. Zunächst einmal wird die düstere Realität aufgedeckt werden, und sie wird in einem schockierenden Kontrast zu dem stehen, was hätte sein können.

Anschließend wird man dann zwangsläufig irgendwen dafür zur Verantwortung ziehen. Doch sind Schuldzuweisungen schon per se eine Strafe. Aber es deutet auch nichts darauf hin, dass die Debatten in Westminster und Whitehall irgendwann ein Ende finden werden, und der Grund dafür wird zunehmend offensichtlich: Der Brexit ist ewige Verdammnis.

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