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Gastkommentar Der Jugendwahn im Arbeitsleben muss ein Ende haben

Die Ausgrenzung der Ü50-Generation aus den Betrieben wird zunehmend zu einem volkswirtschaftlichen Problem. Doch die Lage ist nicht hoffnungslos.
2 Kommentare
Die Telekom-Aufsichtsrätin will ein stärkeren Mix zwischen alten und jungen Mitarbeitern. Quelle: Handelsblatt
Stefanie Kreusel

Die Telekom-Aufsichtsrätin will ein stärkeren Mix zwischen alten und jungen Mitarbeitern.

(Foto: Handelsblatt)

Zuerst die gute Nachricht: Es gibt heute viel mehr ältere Arbeitnehmer als früher. In keiner anderen Altersgruppe war der Zuwachs an Beschäftigten in den vergangenen Jahren so groß wie in der Altersgruppe 50 plus.

Und jetzt die schlechte: Über 50-Jährige, die heute ihren Job verlieren oder sich verändern wollen, haben nach wie vor schlechte Karten – sie finden nur sehr schwer eine neue Stelle. Diese Ausgrenzung einer immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe tut unserer Wirtschaft nicht gut. Wir können sie uns schlicht nicht (mehr) leisten.

Nach Meinung vieler Unternehmen ist ein Arbeitnehmer ab dem 50. Lebensjahr weniger schnell, weniger lernfähig und weniger flexibel. Wirklich? Tatsache ist: Ältere Arbeitnehmer tun sich beim Aneignen von neuem Wissen etwas schwerer als jüngere Arbeitnehmer – aber sie sind deswegen nicht weniger lernfähig. Zudem steigt die Arbeitsproduktivität von Fachkräften mit dem Alter an. Franz Müntefering hat weise erklärt: „Die Alten sind nicht so schnell wie die Jungen, aber sie kennen die Abkürzungen.“

Eine Studie des Max-Planck-Instituts hat außerdem gezeigt, dass ältere Arbeitnehmer seltener gravierende Fehler machen. Offensichtlich ist die 50-Jahre-Grenze also keine Leistungsgrenze, sondern eher eine Konzept-Grenze ohne wirtschaftlichen Nutzen.

Woher kommt das 50-plus-Problem? Im Wesentlichen geht es auf die Sozialpolitik der Achtzigerjahre zurück. Damals versuchte die Regierung, der hohen Arbeitslosigkeit mit Frühverrentung über eine 58er-Regelung entgegenzuwirken. Menschen, die das 58. Lebensjahr vollendet hatten, durften Arbeitslosengeld beziehen, ohne nach einem neuen Job zu suchen. Die 58er-Regelung ist heute Geschichte, die Einstellung „Ältere sollen Platz für Jüngere machen“ in der Wirtschaft blieb.

Mit dem Einsetzen des digitalen Wandels verstärkte sie sich sogar noch: Nach Ansicht vieler Chefs passt das Thema Digitalisierung nicht zu einer analog sozialisierten Generation. Als Konsequenz drängen Unternehmen Angestellte über 55 heute förmlich aus dem Arbeitsleben – entweder über Altersteilzeitregelungen oder über Abfindungen. Das ist auf lange Sicht nicht finanzierbar. Wir bürden den nachfolgenden Generationen damit eine Last auf, die sie nicht tragen können.

Kein Unternehmen kann 50-plus-Mitarbeiter heute mit so viel Geld abfinden, dass sie damit schlimmstenfalls 17 Jahre überbrücken können. Und der Staat kann es sich nicht leisten, die Geschassten bis zur Rente in Hartz IV abrutschen zu lassen. Es würde ein Kostendebakel drohen, weil die Lebenserwartung immer weiter steigt: Gab es im Jahr 2000 nur knapp 6.000 Hundertjährige in Deutschland, so waren es zehn Jahre später schon über 13.000.

Die Wirtschaft schläft

Von den nach dem Jahr 2000 Geborenen darf sich gar die Hälfte Hoffnung auf ein 100-jähriges Leben machen. Diese heute jungen Menschen würden, wenn sie mit 50 Jahren aus dem Erwerbsleben ausschieden, länger Rente als Gehalt beziehen.

Hinzu kommt, dass Wirtschaftsinstitute für 2025 einen Arbeitskräftemangel von 2,9 Millionen Menschen in Deutschland voraussagen, aller Zuwanderung zum Trotz. Mit dem Anheben des Renteneintrittsalters allein ist diesem Problem nicht beizukommen. Wir müssen die Generation 50 plus auf dem Arbeitsmarkt halten! Zumal die meisten über 50-Jährigen ja noch arbeiten wollen. Der Mensch braucht schließlich eine Aufgabe.

Zeitwertkonten könnten ein wirkungsvolles Instrument zur Überbrückung der letzten 20 Jahre im Berufsleben sein, ebenso wie Teilzeitverträge in Kombination mit einer Teilrente. Es gibt in jedem Fall Ansätze für Lösungen, und diese sind dringend nötig.

Die Medizin arbeitet praktisch Tag und Nacht daran, die Dauer des selbstbestimmten Lebens zu verlängern; die Wirtschaft dagegen scheint zu schlafen. Sie sorgt jedenfalls nicht dafür, dass Menschen entsprechend länger arbeiten können.

Dabei haben einige Unternehmen bereits erkannt, dass eine verjüngte Belegschaft kein wirtschaftliches Allheilmittel ist: Teams, die zu annähernd gleichen Teilen aus jüngeren und älteren Mitarbeitern bestehen, arbeiten effektiver und produktiver als komplett jugendliche Teams. Das gilt insbesondere dann, wenn die Aufgaben altersgerecht verteilt sind: Junge Mitarbeiter machen sich vor allem als Ideengeber und als „Macher“ gut, während ältere Mitarbeiter sich als Berater im direkten Kundenkontakt, als Organisatoren und als Strategen profilieren können.

Mehr: Programme zur Frühverrentung werden nicht ausreichen, um die Wirtschaft zu transformieren. Warum Arbeit dringend neu gedacht werden muss, analysiert Handelsblatt-Redakteur Frank Specht.

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2 Kommentare zu "Gastkommentar: Der Jugendwahn im Arbeitsleben muss ein Ende haben"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Bei mir war es in 2015 etwas günstiger; ich war bereits 63 1/2. Ich hätte gerne bis 65 gearbeitet. habe dann aber sehr schnell den angebotenen Ausstieg mit den Rahmenbedingungen gewählt. Inzwischen werden in dem Unternehmen häufig MA mit 61 angesprochen, die dann zwei Jahre Arbeitslosigkeit wählen und dann in Rente gehen. Falls man das nicht annimmt, kann es ungemütlich werden.

  • Es ist schon sehr erstaunlich,
    die Ausgrenzung der Ü50 gab es schon Ende der 1960er-Jahre.
    Angefangen mir der frühen Arbeitslosigkeit im Bergbau und in der Stahlindustrie.
    Dieser ganze Schwachsinn war von den Arbeitgebern, den Gewerkschaften u n d den
    POLITIKERN gerngesehen. So konnte man die Zahlen der echten Arbeitslosigkeit verstecken. Die Kosten trugen die Sozialversicherungen und deren Einzahlern. (kein Beamter). Außerdem folgte man wieder einmal mehr den Vorbildern aus den USA.

    Die Behauptung der schwindenden Leistungsfähigkeit war damals und ist auch heute
    Lug und Betrug.

    Auf diese Weise konnten die Firmen die Höhe der Personalkosten senken, denn jüngere Mitarbeiter waren einfach billiger!!!
    Wieso sind denn sonst heute noch Vorstände und deren Vertreter sowie Aufsichsratmitglieder teilweise weit über 70 Jahre??
    Gleiches gilt auch für Politiker.

    Fazit: Zum obigen Thema bitte kein Märchenstunden mehr.
    DANKE

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