Gastkommentar Der lange Kampf des Präsidenten

Bundespräsident Wulff klammert sich an sein Amt. Dass ihm seine Rehabilitation kaum gelingt, hat mit einer öffentlichen Moral zu tun, die heute weitaus rigider ist als in der alten Bundesrepublik.
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Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Herausgeber der Wochenzeitung „Zeit“.

(Foto: picture alliance / ZB)

Ausländische Kollegen fragen berätselt, wie denn „this Wulff thing“ zu deuten sei? Hier ist ein Versuch auf Deutsch: Die Affäre Wulff ist nicht anders als anderswo, jedenfalls im protestantischen Westen. Frankreich ist eine andere Geschichte – und Italien sowieso, wo Silvio Berlusconi zehn Jahre lang regierte, obwohl er mehr Dreck am Stecken hatte als in ein ganzes Regal von Gerichtsakten passt.

Die Erklärung hat zwei Teile. Erstens einen vertrauten: Nicht das Vergehen, sondern die Vertuschung führt ins Verhängnis. Zweitens etwas Neues, den Wertewandel: Was früher lässlicher Lapsus war, ist heute politische Todsünde.

In der ersten Kategorie führt historisch John Profumo. Der britische Heeresminister hatte 1961 ein kurzes Verhältnis mit dem Model Christine Keeler, die leider auch das Bett mit einem KGB-Mann teilte. Im Unterhaus stritt Profumo alles ab und drohte mit Verleumdungsklagen. Dann gab er die Lüge zu. 1963: Ende der politischen Karriere.

Auf deutscher Seite glänzt als Klassiker Franz Josef Strauß. Der Verteidigungsminister hatte die Staatsanwaltschaft auf den „Spiegel“ gehetzt und im Bundestag seinen Durchgriff auf die dritte Gewalt geleugnet. Damals ging’s allerdings milder zu. Nicht FJS musste zurücktreten, sondern das ganze Kabinett. Adenauer hat es sofort wieder eingesetzt – minus Strauß.

In Amerika ist unser Mann Richard Nixon. Der hatte 1972 die Wiederwahl haushoch gewonnen; dann aber wurde ruchbar, dass der Einbruch in das Watergate-Hauptquartier der Demokraten vom Weißen Haus gesteuert worden war. Nixon zog alle Register, um die Justiz zu stoppen. Der Amtsenthebung entging er nur durch Rücktritt.

Bei Bill Clinton ging es bis zur Staatsanklage. Der Enthebung ist er 1996 knapp entwischt. Auch hier war die Lüge das eigentliche Crimen. Er hatte es mit einer willigen Praktikantin getrieben, sprach dann aber den legendären Satz: „I did not have sexual relations with that woman.“

Der Fall Wulff trifft auf einen gesellschaftlichen Wertewandel
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8 Kommentare zu "Gastkommentar: Der lange Kampf des Präsidenten"

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  • Ullrich Strakow sagt:
    Wer sind die Gewinner und wer sind die Verlierer? Für eine sogenannte Ehrenpension und einen militärischen Zapfenstreich vergißt ein Ex Bundespräsident sich zu wehren oder hat er Angst vor einer Hotel Badewanne mit Barschel ,,Bade Unfall"oder unaufgeklärter ,,RAF"Präzisionsschuß gegen Treuhand Ex Chef Rohwedder oder Ex Banken Chef Herrnhausens High Tech Sprengfallen ,,Unfall" wegen zu schnellen Fahrens.Seine berechtigten Bedenken und seine Aussage,:Wer rettet die Retter"mißfiel den transatlantischen Strippenziehern und medialen Hofschranzen ala Lisa Mohn und Konsorten.Wegen seiner ,,Nähe" zu Maschmeyer dem Beglücker vieler tausender ,,zufriedener" AWD Anleger und andere ,,elitärer " Kontakte hält mein Mitgefühl sich in Grenzen.Mit seinem selbstverliebten Provinz Pfaffen und Casino Kapitalismus Befürworter Gauck als Nachfolger verkommt dieses Amt immer mehr zur Lachnummer und Winke Winke Marionette.Mit freundlichen Grüßen Ihr Befürworter der sozialen Marktwirtschaft!

  • Eins ehr guter Betirag von Joffe.
    Aber trotzdem scheint eben irgend etwas nicht zu stimmen, denn das alels warschon bekannt zu MP-Zeiten.
    Also Wulff stört jemanden und ich glaube, deswegen wurde diese Kampagne ggn ihn jetzt begonnen
    Das soltle Herr Joffe bedenken

  • Kein Wunder, falls der "kleine" Mann von der Staße, dem Geschöpf Staat gegenüber, auch versehentlich, falsche Angaben macht, kann seine Sterbegeldversicherung auflösen. Schließlich kann er eh nichts mehr mit ins Grab nehmen.

  • Der Begriff "fremdschämen" ist durch Wulff noch mal neu definiert worden. Selbst den Zeitpunkt wo er noch mit Ehre zurücktreten konnte, hat er leider verpaßt.

    Ein Provinzpolitiker ist nach dem Peterprinzip bis zum Grade seiner Unfähigkeit zum Bundespräsidenten befördert worden. Es wird jeden Tag peinlicher !

  • Stoiber for President - alle anderen brauchen wir und für Wulff Aussetzung der Zahlungen bis zum Rentenalter von 67 Jahren!

  • Da heute jeder nur noch Angst hat Fehler zu begehen, passiert in diesem Land auch seit 15 Jahren nichts mehr.
    Gott schütze uns vor den Fehlervermeidern.

  • Jemand, der keine Ehre hat, kann sie auch nicht verlieren (siehe bei KT).

  • Ausländische Kollegen fragen berätselt, wie denn „this Wulff thing“ zu deuten sei?

    Hier ist ein Versuch auf Deutsch:

    Die Hetzkampagne gegen Wulffs Ehre war bisher zum Glück nicht erfolgreich. Er hat seine Ehre nicht verloren. Die Mehrheit der Bevölkerung willl, dass Wulff bleibt. Trotz Bild! Nicht alle Bildleser lassen sich so wie Mondschnuppe und andere beeinflussen. Gesunder Menschenverstand eben.

    Seit seiner Lindauer Rede steht Wulff auf der Abschussliste von BIG BROTHER, wie Horst Köhler, Axel Weber und Dominiq Strauss-Kahn.

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    Donnerhall am Bodensee

    27.08.2011 · Wulff rechnet in Lindau mit den Euro-Rettern ab, junge Ökonomen diskutieren mit den Göttern der Disziplin. Es gibt hohe Theorie und heiße Tänze.
    Von Philip Plickert
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    Bundespraesident Wulff besucht Nobelpreistraegertreffen in Lindau © dapd

    Der Bundespräsident: Banken retten Banken, Staaten retten Banken, Staaten retten Staaten. Wer rettet die Retter?

    Mit einem solchen Donnerwetter hatte am Bodensee niemand gerechnet. Bundespräsident Christian Wulff steht am Pult der Lindauer Inselhalle, vor ihm 17 Wirtschaftsnobelpreisträger, rund 370 junge Ökonomen aus aller Welt und hinten im Saal die internationale Presse. Wulff lächelt in den abgedunkelten Saal, viele erwarten eine präsidial-langweilige Eröffnungsrede. Doch dann kommt das Donnerwetter. Wulff nutzt seine Lindauer Rede für eine Generalabrechnung mit dem Irrungen und Wirrungen in der Finanz-, Schulden- und Euro-Krise. „Wir haben weder die Ursachen der Krise beseitigt, noch können wir heute sagen: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Wir sehen tatsächlich weiter eine Entwicklung, die an ein Domino-Spiel erinnert: Erst haben Banken andere Banken gerettet, dann haben Staaten Banken gerettet, dann rettet eine Staatengemeinschaft einzelne Staaten. Wer rettet aber am Ende die Retter?“, fragt Wulff.

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