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Gastkommentar Der Mangel an Strom hemmt den Fortschritt Afrikas

Damit Afrika zu einer neuen Stärke findet, ist vor allem die Integration auf dem Energiemarkt wichtig. Denn noch immer sind 600 Millionen Afrikaner ohne Stromanschluss.
  • Tony Blair
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Tony Blair war von 1997 bis 2007 britischer Premierminister und ist Chairman des Tony Blair Institute for Global Change. Quelle: AP
Tony Blair

Tony Blair war von 1997 bis 2007 britischer Premierminister und ist Chairman des Tony Blair Institute for Global Change.

(Foto: AP)

Die afrikanischen Länder finden zunehmend zusammen. So wurde im abgelaufenen Jahr 2018 ein wegweisendes Freihandelsabkommen geschlossen. So hat etwa Ostafrika bereits große Fortschritte bei der Freizügigkeit gemacht. Und ein Bekenntnis zu einem Binnenmarkt für die Luftfahrt wurde jetzt wiederbelebt und wird potenziell bald schon für bessere Verbindungen zwischen den einzelnen Ländern in Afrika sorgen als je zuvor.

Jeder Schritt hin zu einer größeren Zusammenarbeit und zu einer größeren Einheit auf dem Kontinent ist allein für sich schon bedeutsam für den ganzen Kontinent. Denn zusammengenommen zeigen sie, dass eine neue Generation afrikanischer Politiker verstanden hat, dass Stärke im 21. Jahrhundert die Kraft der großen Zahl widerspiegelt.

Doch ist für ein stärkeres Afrika darüber hinaus noch etwas ganz anderes erforderlich: Der Mangel an Strom hemmt weiterhin die Fortschritte des Kontinents. Und auch hier ist eine Integration unverzichtbar, um Märkte zu vergrößern und zu verbinden, die Kosten für die Verbraucher zu senken und das Wachstum zu steigern.

Trotz der in den letzten Jahren gemachten Fortschritte sind mehr als 600 Millionen Afrikaner noch immer ohne Stromanschluss. Die Solartechnologie hat sich inzwischen zwar verbessert, und ihre sinkenden Kosten machen sie inzwischen zu einer durchaus praktikablen Alternative.

Nationale Energiesektoren müssen reformiert werden

Mit dem wachsenden Zustrom von privatem Kapital gingen ja auch umfassende Reformen der nationalen Energiesektoren einher, die dazu beitragen dürften, die Verfügbarkeit von Strom zu erhöhen. Doch den Energiepreis zu senken und die Energieversorgung der wachsenden Städte und riesigen Landgebiete zu gewährleisten bleibt eine gewaltige – und doch zentrale – Aufgabe.

Alle afrikanischen Politiker, mit denen ich sehr häufig spreche, berichten mir, dass Strom bezahlbar zu machen eine Frage der höchsten Priorität sei, und die meisten Regierungen haben konsequenterweise auch schon ehrgeizige Ziele für die Stromerzeugung und -übertragung festgelegt. Doch erfordert die Umsetzung dieser Ziele auch die Übernahme eines ganzen Spektrums von Technologien, was selbst unter besten Umständen schwierig genug ist, besonders jedoch, wenn Länder versuchen, es allein zu bewältigen.

Tatsache ist aber auch, dass die Ressourcen zwischen vielen Ländern sehr ungleich verteilt sind. Einige haben Gas, andere Wasserressourcen. Einige haben überhaupt gar keine besonderen Ressourcen und bauen Wärmekraftwerke oder müssen teure Flüssigkraftstoffe importieren, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Hinzu kommen Planungsprobleme, die in der Regel entweder zu einem Über- oder zu einem Unterangebot führen.

Die effizienteste Weise, auf dem riesigen Kontinent diese teuren Ungleichgewichte beim Strom zu überwinden, bestünde deshalb offenkundig in der Schaffung eines gemeinsamen Energiemarkts. Ganz ähnlich dem Binnenmarkt für Strom in der Europäischen Union würde der Energiehandel dabei im Idealfall ganz Afrika umfassen können und ein wesentlicher Teil der fortgesetzten Weiterentwicklung der Afrikanischen Union bilden, wie sie etwa der ruandische Präsident Paul Kagame in so bewundernswerter Weise vorantreibt.

Nur knapp die Hälfte der Afrikaner hat Zugang zu Strom

Doch ist ein volumenstarker Energiehandel von Äthiopien bis Lesotho auf absehbare Zukunft sehr unwahrscheinlich. Und ein realistischerer Weg voran bestünde vor allem auf der Ebene der Teilregionen. Eine derartige Gelegenheit bietet sich vor allem durch den fast unabdingbar gewordenen West Africa Power Pool.

Denn kaum mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent hat Zugang zu Strom, und nicht einmal rund drei Prozent des in der Region selbst erzeugten Stroms (basierend auf dem aktuellen Kapazitätsniveau) werden überhaupt über Ländergrenzen hinweg übertragen.

Mit einem integrierten Markt jedoch ließe sich diese Stromnachfrage leicht befriedigen, denn Länder wie etwa Ghana, Côte d’Ivoire und Guinea produzieren Überschüsse, während andere wie etwa Burkina Faso und Mali zu wenig produzieren und auf teure Flüssigkraftstoffe angewiesen sind.

Ein derartiger subregionaler Markt brächte in der Tat beträchtliche Vorteile nicht allein für Familien, sondern auch für Regierungen und Investoren mit sich. Es würden mehr Menschen an das Stromnetz angeschlossen werden, die Energie exportierenden Länder könnten dadurch höhere Einnahmen erwirtschaften, und die Importe würden mit der Zeit preiswerter, verlässlicherer und sauberer.

Laut den Kalkulationen und Energiemodellen des Tony Blair Institute for Global Change und der US-Entwicklungsagentur Power Africa würde ein integrierter Energiemarkt der Region schon innerhalb des kommenden Jahrzehnts den Ländern Afrikas rund 32 Milliarden Dollar allein an Energiekosten ersparen. Mit einer besseren Infrastruktur und zunehmendem Angebot könnte diese Zahl dann noch um ein Vielfaches höher sein.

Die Entwicklung eines subregionalen Marktes in Afrika würde zudem das Wirtschaftswachstum ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen und das Einkommen von Millionen von Menschen erheblich steigern. Privates Kapital würde außerdem durch neue Geschäftsgelegenheiten angelockt, wenn sich die nationalen Märkte bei der Stromerzeugung und -übertragung Skaleneffekten öffnen würden.

Die Entwicklung eines subregionalen Markts ist notwendig

Und aus Sicht des Umweltschutzes würde ein integrierter Markt rund 23 Millionen Tonnen Schweröl einsparen – was in etwa dem Jahresverbrauch aller Dieselfahrzeuge in Großbritannien entspricht.

Doch um das Potenzial des Energiehandels zu realisieren, müssen zunächst einmal vier Voraussetzungen erfüllt sein:

Erstens: Zunächst sind Änderungen beim politischen Vorgehen erforderlich, um nationale Strategien mit einer regionalen Vision zur Abstimmung zu bringen. Diejenigen von uns mit einer langen EU-Geschichte werden die Schwierigkeiten hierbei besser begreifen als die meisten anderen, und einigen westafrikanischen Ländern wird die Abschaffung teurer und ineffizienter, aber politisch beliebter Subventionen schwerfallen.

Politisch motivierte Subventionen müssen gestrichen werden

Die Gewinne aus dem Handel würden die Auswirkungen des Subventionswegfalls in etwa ausgleichen, allerdings dürfte es den Politikern nicht leichtfallen, dies ihren Bevölkerungen zu vermitteln.

Zweitens muss die Infrastruktur in und auch zwischen den Ländern Afrikas ausgebaut werden, um die nationalen Märkte miteinander zu verbinden. Internationale Geldgeber unterstützen heutzutage bereits große Teile dieser wichtigen Arbeit. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Bemühungen zum Abschluss zu bringen, um die voneinander abgeschnittenen Netze zu einem geeinten regionalen Markt zusammenzuführen.

Drittens muss Gas in zunehmender Menge verfügbar gemacht werden. Nigeria ist dafür die wohl wahrscheinlichste Quelle; eine weitere sind dann Importe von preiswertem Flüssigerdgas. Ohne den Aufbau von Reserven müssen viele Länder derzeit auf Flüssigkraftstoffe zurückgreifen, die teurer sind und mehr Kohlendioxid freisetzen.

Und abschließend ist eine Regulierungsharmonisierung unverzichtbar, um für ein geeignetes Umfeld zu sorgen. Gleiches gilt für die Unterstützung erster konkreter Transaktionen – etwa entlang der Westküste Afrikas von der Côte d’Ivoire bis hinauf nach Mauretanien –, die Ländern helfen können, Hürden zu überwinden und die Tür für einen künftigen umfassenderen Energiehandel zu öffnen.

Afrikas Energiezukunft hängt von einem Binnenmarkt ab

Der Aufbau dieses afrikanischen Binnenmarkts ist in dieser Perspektive absolut zentral für Westafrikas Energiezukunft. Im Laufe des nächsten Jahrzehnts könnte er bedeutende Auswirkungen auf das Leben von mehr als 300 Millionen Menschen haben.

Ein solcher Binnenmarkt wäre zudem ein wichtiger Schritt bei Afrikas Bemühen um größere Einheit, stärkere Unabhängigkeit und eine Wirtschaft, die stärker durch Handel und weniger durch Entwicklungshilfe angetrieben wird. Und er würde die Fortschritte, die die afrikanischen Regierungen dabei machen, in der heutigen Welt strategische Stärke zu projizieren, verstärken.

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