Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Der Purpose-Hype ist oft nur aufgesetzt – denn in der Praxis zählt häufig das Geschäft

Immer mehr Unternehmen gehen öffentlichkeitswirksam auf Sinnsuche. Doch Worte und Taten passen oft nicht zusammen. Gegenbeispiele gibt es in Deutschland.
12.03.2020 - 13:26 Uhr Kommentieren
Umweltschädliche oder ethisch bedenkliche Geschäftsmodelle gibt es zuhauf. Quelle: dpa
Sonne in einem Wald im Westen Deutschlands

Umweltschädliche oder ethisch bedenkliche Geschäftsmodelle gibt es zuhauf.

(Foto: dpa)

Weltweit ist es zur Mode geworden, dass Unternehmen nach ihrem „Purpose“ fahnden, also dem Sinn und Zweck, der „Warum“-Frage. Die Bemühungen breiten sich aus wie eine Pandemie. Obwohl es generell richtig ist, dass Firmen neben Umsätzen und Gewinnen auch über den Tellerrand ihres Tuns hinausblicken, haften einzelnen Aspekten des aktuellen Hypes nach Sinnsuche auch Schönheitsfehler an.

Wenn insbesondere große Konzerne derzeit zu der Einsicht kommen, sie müssten einen Purpose verfolgen, stellt sich die Frage: Was haben sie bisher auf diesem Feld gemacht? Oft wirken die aktuellen Anstrengungen aufgesetzt und wenig glaubwürdig.

Es scheint, ein erheblicher Teil der Aktivitäten vieler Unternehmen folgt schlicht dem Zeitgeist, insbesondere, wenn dafür Beratungen und Kommunikationsagenturen eingesetzt werden. Man will die junge Generation nicht verlieren, sich im Talentpool der Zukunft als attraktiver Arbeitgeber in Stellung bringen, urbane Milieus als Zielgruppen von Waren und Dienstleistungen gewinnen oder auch nur im Stande sein, Antworten zu geben auf zunehmend bohrende Fragen von Investoren und Zivilgesellschaft.

Viele der Unternehmen, die sich auf die kollektive Sinnsuche begeben haben, bestehen den Lackmustest nicht. Verzichten Ölkonzerne auf Bohrlizenzen in der Arktis, weil sie zumindest in diesem sensiblen Ökosystem mit ihren Explorationen keinen ökologischen Schaden anrichten wollen? Durchleuchten Firmen ihre Lieferketten wirklich in der notwendigen Tiefe, um sicherzustellen, dass ihre Produkte und Rohstoffe nicht doch „irgendwo“ auf der Welt in menschenunwürdigen Verhältnissen produziert oder geschürft werden?

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    In der Praxis geht weiterhin oft Geschäft vor Gewissen. Umweltschädliche, sozial oder ethisch bedenkliche Geschäftsmodelle werden in nicht ausreichendem Maße an den plakativen Zielen der CSR-Broschüren ausgerichtet. Wo Rhetorik und Handeln aber nicht zusammenpassen, geht Vertrauen verloren.

    Besonders störend empfinde ich die Ideologien einzelner Unternehmen des Silicon Valley. Dort wird regelmäßig der Anspruch zur Rettung der Welt erhoben und gerne wie eine Monstranz vor sich hergetragen. Dabei wissen wir inzwischen alle, welche gesellschaftlichen Kollateralschäden einige der Tech-Giganten mit ihren Geschäftsmodellen anrichten und schweigend in Kauf nehmen. Moral wird hier schlicht instrumentalisiert.

    Wo es keine aktive Suche braucht

    Und ein weiterer Aspekt kommt in der aktuellen Diskussion zu kurz: Viele familiengeführte Unternehmen in Deutschland brauchen keine aktivistische Suche nach Purpose. Sinnhaftigkeit ist schon immer Teil ihrer Identität. Sie stellen sich regelmäßig aufs Neue die Frage, was ihr Auftrag ist.

    Götz Werner ist dafür ein gutes Beispiel. Der Gründer der Drogeriekette dm hat als bekennender Anthroposoph eine Firmenkultur etabliert, die auf Werten wie Verständnis, Menschlichkeit und Respekt basiert. Die Mitarbeiter besitzen entsprechend ein hohes Maß an Gestaltungsspielräumen und sind deshalb besonders erfolgreich.

    Bernhard Simon ist Chef des Logistikunternehmens Dachser. Dachser ist mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Mitarbeitern eines der größten Logistikunternehmen Deutschlands und das größte in Familienhand.
    Bernhard Simon

    Bernhard Simon ist Chef des Logistikunternehmens Dachser. Dachser ist mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Mitarbeitern eines der größten Logistikunternehmen Deutschlands und das größte in Familienhand.

    Einfacher ist es für Firmen, bei denen der Sinn schon im Produkt steckt. Brita etwa stellt Wasserfilter her, die die Wasserqualität optimieren. Gerade in Entwicklungsländern spielt die Trinkwasseraufbereitung eine große Rolle, sodass der Anspruch, überall auf der Welt sauberes und gesundes Wasser zur Verfügung zu stellen, eine sichtbare Relevanz besitzt. Auch Lebensmittelhändler verfügen über einen einleuchtenden Unternehmenszweck, wenn sie beispielsweise einer sehr großen Zahl an Menschen erschwingliche Waren in guter Qualität anbieten.

    Gesellschaftlicher Purpose geht noch einen Schritt weiter. Bei Deichmann, Europas größtem Schuhhändler, gilt seit jeher die Leitlinie: „Das Unternehmen muss den Menschen dienen.“ Deichmann hat sich in diesem Zusammenhang öffentlich auch gegen Ladenöffnungszeiten am Sonntag ausgesprochen. Viele Familienunternehmer sagen: „Wir schaffen Wohlstand für Mitarbeiter und Gesellschafter“, wobei die Reihenfolge bewusst gewählt ist. Sie wissen, dass diese Sichtweise auch zur Stabilisierung der Gesellschaft beiträgt.

    Ehrlichkeit lohnt sich

    Es besteht kein Zweifel: Wer als Unternehmen eine in der Kultur und bei den Mitarbeitern verwurzelte Mission verfolgt, zieht daraus Kraft. Und wer ernsthaft einen Unternehmenszweck verfolgen will, kann sich gut an vielen deutschen Familienunternehmen orientieren, die das sehr häufig, aufrichtig und über lange Zeiträume hinweg umsetzen.

    Richtig an der aktuellen Debatte ist, dass mit dem Hype um Purpose eine Absetzbewegung vom reinen Shareholder-Value-Ansatz verbunden ist. Teile der Globalisierungskritik hängen fundamental mit der oft ungebremsten Verfolgung dieses Ansatzes ab den Neunzigerjahren zusammen. Aber nur wenn die Fokussierung auf Stakeholder-Nachhaltigkeits-Ziele in der DNA der Unternehmen verankert ist, tragen sie Früchte.

    Ansonsten ebbt der Wirbel schnell wieder ab, wenn das Coronavirus oder andere Belastungen der Volkswirtschaften gänzlich andere Themen auf die Agenda setzen. Die Suche nach Sinn wird dann rasch wieder über Bord geworfen wie ein überflüssiger Ballast.

    Mehr: Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse: „Mitarbeitende stellen völlig zu Recht die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit.“

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Der Purpose-Hype ist oft nur aufgesetzt – denn in der Praxis zählt häufig das Geschäft
    0 Kommentare zu "Gastkommentar: Der Purpose-Hype ist oft nur aufgesetzt – denn in der Praxis zählt häufig das Geschäft"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%