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Gastkommentar Der Stakeholder-Kapitalismus setzt sich immer mehr durch – gut so

Auf den ersten Blick gibt es zwei Formen des Kapitalismus – doch diesen fehlt die Balance. Der dritte Weg führt über einen „Stakeholder-Kapitalismus“.
4 Kommentare
Der Autor ist Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des World Economic Forum.
Klaus Schwab

Der Autor ist Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des World Economic Forum.

Welche Art von Kapitalismus wollen wir? Das dürfte die wohl entscheidende Frage unserer Zeit sein. Zur Wahl stehen drei Modelle: Das erste ist der „Shareholder-Kapitalismus“. Dieses Modell betrachtet das Streben nach Gewinn als das Hauptziel von Unternehmen und ist in vielen westlichen Unternehmen vorherrschend.

Das zweite ist der „Staatskapitalismus“. Dieses Modell überträgt dem Staat die Weichenstellung für die Wirtschaft und ist in Schwellenmärkten gängig. Ich möchte für ein Modell des Stakeholder-Kapitalismus werben, das ich erstmals vor einem halben Jahrhundert beschrieben habe. Es betrachtet Unternehmen als Treuhänder der Gesellschaft und ist meines Erachtens die beste Antwort auf die heutigen sozialen und ökologischen Herausforderungen.

Der Shareholder-Kapitalismus dominierte einen Großteil der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. In der Blütezeit dieses Modells lebten Hunderte Millionen Menschen in aller Welt im Wohlstand, während gewinnorientierte Unternehmen neue Märkte erschlossen und neue Arbeitsplätze schufen.

Doch es gab noch eine andere Seite der Medaille. Der Shareholder-Kapitalismus und seine Anhänger berücksichtigten nicht, dass ein Unternehmen sowohl soziale als auch gewinnorientierte Aspekte besitzt. Diese Tatsache und der Druck des Finanzsektors, kurzfristige Ergebnisse zu erzielen, führten dazu, dass sich dieses Modell zunehmend von der Realwirtschaft löste. Viele von uns erkannten, dass diese Form des Kapitalismus nicht mehr nachhaltig ist.

Zunächst gab es einen Greta-Thunberg-Effekt. Die junge schwedische Aktivistin erinnerte uns daran, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem einen Verrat an zukünftigen Generationen darstellt, da es die Umwelt schädigt. Millennials und die Generation Z möchten darüber hinaus nicht mehr für Unternehmen arbeiten, in Unternehmen investieren oder von Unternehmen Produkte kaufen, die kein umfassendes Wertesystem haben.

Zudem erkennen immer mehr Führungskräfte und Investoren, dass ihr langfristiger Erfolg auch von dem ihrer Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten abhängt. In der Folge setzt sich der Stakeholder-Kapitalismus schnell durch – der Höhepunkt eines langen Prozesses.

Neuauflage des „Davoser Manifests“

Ich habe dieses Konzept erstmals 1971 beschrieben und das Weltwirtschaftsforum ins Leben gerufen, um Unternehmen und Politikern bei seiner Umsetzung zu helfen. Bereits zwei Jahre später wurde das „Davoser Manifest“ unterzeichnet, in dem die wichtigsten Verantwortlichkeiten eines Unternehmens gegenüber seinen unterschiedlichen Interessengruppen beschrieben werden.

Jetzt springen – endlich – andere auf den Stakeholder-Zug auf. Wir sollten diesen Moment nutzen, um die vorherrschende Position des Stakeholder-Kapitalismus zu festigen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, ist eine Neuauflage des „Davoser Manifests“: Unternehmen müssen ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen. Sie sollten Korruption keinesfalls tolerieren und die Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten achten. Und sie sollten einheitliche Wettbewerbsbedingungen respektieren, auch wenn sie in der Plattformökonomie tätig sind.

Erstens sollte es eine Kennzahl für die „gemeinsame Wertschöpfung“ geben. Sie sollte die Finanzkennzahlen ergänzen und die Optimierung der ESG-Ziele „Environmental, Social, Governance“ (also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) ermöglichen. Eine entsprechende Initiative ist bereits im Gange.

Die zweite Maßnahme ist die Anpassung der Vergütung von Führungskräften. Seit den 1970er-Jahren sind die Gehälter von Führungskräften in die Höhe geschnellt, hauptsächlich um das Management an den Aktionären „auszurichten“. Im neuen Stakeholder-Modell sollte sich die Vergütung eher an der langfristigen gemeinsamen Wertschöpfung orientieren.

Viele Unternehmen sind inzwischen so groß geworden, dass sie in der Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft stehen. Natürlich muss ein Unternehmen weiterhin seine Kernkompetenzen, seinen Unternehmergeist und seine Fähigkeiten nutzen. Aber es sollte auch mit anderen Interessengruppen zusammenarbeiten, um den Zustand der Welt zu verbessern. Das sollte das oberste Ziel sein.

Gibt es einen anderen Weg? Natürlich gibt es auch beim Staatskapitalismus eine langfristige Vision. Das Modell war in jüngster Zeit insbesondere in Asien erfolgreich. Obwohl es für eine Phase der Entwicklung geeignet ist, sollte es sich im Laufe der Zeit zu einem Stakeholder-Kapitalismus weiterentwickeln, damit es nicht korrumpiert wird.

Mehr: Alle Versuche sind fehlgeschlagen, Managergehälter zu begrenzen. Wenn Vorstände und Aufseher keine Einsicht zeigen, wird der Gesetzgeber ihnen die Kompetenz entziehen. Ein Kommentar.

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4 Kommentare zu "Gastkommentar: Der Stakeholder-Kapitalismus setzt sich immer mehr durch – gut so"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Stupides Rendite-Geiern ist primitives Mittelalter.

    Jeder Wirtschafts-Akteur gebraucht die irdischen Ressourcen - da soll er seinen Vorteil haben, ok. Aber der noch größere Vorteil sollte dem Wohl der Schöpfung zur Ernte dienen.

  • Das hört sich für mich schon mehr nach Planwirtschaft an.
    Die Wirtschaft besteht längst nicht nur aus Konzernen.
    Der Markt und die Kunden sind der Maßstab für das Handeln der Unternehmen.
    Weitere Vorgaben bilden nur Bürokratie und Ineffektivität und kosten freiheitliches Handeln.

    Die Menschen sind intelligent genug um zu entscheiden, bei welchem Unternehmen sie kaufen möchten.
    Sie brauchen keine Bevormundung.

    Es lebe der gesunde Menschenverstand.

  • Ich unterstütze die Aussage von Herrn Behrens, dass wir gesellschaftspolitisch Veränderungen herbeiführen müssen, die Gier und Neid reduzieren.

  • natürlich hat Schwab recht, nur fragt sich, ob das Ausbalancieren der divergierende Ziele ohne Regulierung möglich ist, weil greed dominiert.