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Gastkommentar Der Verzicht aufs Auto ist notwendig für die Mobilitätswende

Zur erfolgreichen Mobilitätswende fehlt den Deutschen derzeit noch der Mut: Die Einführung von E-Autos allein reicht dafür nicht aus.
  • Martin R. Stuchtey
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Der Autor ist Professor für „Nachhaltiges Ressourcenmanagement“ an der Universität Innsbruck.
Martin R. Stuchtey

Der Autor ist Professor für „Nachhaltiges Ressourcenmanagement“ an der Universität Innsbruck.

Man kann durchaus ein konservativ eingestellter Mensch sein und gleichzeitig die kürzlich von der Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther aufgestellte These: „Wir möchten, dass die Menschen ihr Auto abschaffen“, für sinnvoll halten. Diesen Appell auszusprechen ist weder eine unzulässige Bevormundung des Bürgers, noch ist der Appell verantwortungslos gegenüber dem Automobilstandort Deutschland. Auch stellt er keine ideologiegetriebene Form eines grünen Kulturkampfs dar, wie schnell behauptet wurde.

Die These der Berliner Verkehrssenatorin ist im urbanen Bereich ebenso unausweichlich wie seit Langem überfällig. Auf ein Auto zu verzichten ist ja ein freiwilliger Akt. Vor allem aber ist es ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Mobilitätswende. Von der reden wir – politisch von rechts bis links – zwar immer gerne, in der Realität fehlt uns dafür aber offensichtlich der politische Mut.

Wer in Berlin, München, Stuttgart, Hamburg, Köln oder anderen deutschen Großstädten lebt und regelmäßig sein Auto benutzt, weiß, wie viel Zeit man im Berufsverkehr im Stau steht. Daran wird auch die allmähliche Einführung von E-Autos oder des autonomen Fahrens nichts ändern.

Vor allem in ländlichen Regionen ist der Besitz eines Autos hingegen eher unverzichtbar. Aber in Ballungszentren ist es empfehlenswert, auf einen Verhaltenswandel hinzuwirken – weg vom deutschen „my car is my castle“. Die für Deutschland so charakteristische, fast mythologische Verknüpfung von Autobesitz und Selbstverwirklichung ist wirtschaftlich nicht länger tragfähig – sie ist reformbedürftig.

Zumal sich dieser Wandel in der jungen Generation ohnehin vollzieht. Das hat auch ökonomische Gründe. Junge Leute betrachten die Anschaffungs- und Betriebskosten mit Blick auf das verfügbare Einkommen als zu hoch für einen Gegenstand, der im Durchschnitt nur zu zwei Prozent ausgelastet ist – von ständigen Parkproblemen im städtischen Bereich ganz zu schweigen.

Hinzu kommt, dass sich manch ein junger Mensch schon fragt, warum man angesichts des Trends zum autonomen Fahren überhaupt noch einen Führerschein machen soll. Die Mobilitätswende ist Deutschlands Chance, unsere individuelle, gesellschaftliche und industrielle Fähigkeit unter Beweis zu stellen, komplexe Systeme zu entwickeln und zu betreiben – und auch zu exportieren.

Dafür sind wir als Nation eigentlich gut gewappnet. Ein wesentlicher Teil des Know-hows und der weltweiten Reputation der deutschen Industrie beruht auf der Fähigkeit, komplexe Systeme zu bauen: Energie- und Industrieanlagen, Verkehrsinfrastruktur, integrierte Wertschöpfungsketten. Wir müssen dringend an diese stolzen Traditionen wieder anknüpfen.

Das Mobilitätssystem der Zukunft ist ein Paradebeispiel für diese Herausforderung. Dabei haben wir enorme Vorteile, was etwa die Ausgestaltung und Verzahnung unserer öffentlichen Nahverkehrssysteme anbelangt. Es ist ja bemerkenswert, wie sehr sich diese selbst im Berlin des 21. Jahrhunderts nach wie vor auf visionäre Planungen und Bauten aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik stützen.

Fast 100 Jahre später müssten wir eigentlich bereit sein, uns ganz ideologiefrei eine praktische Frage zu stellen: Wo sollen wir denn die Mobilitätswende verwirklichen, wenn nicht etwa in Berlin, München oder Frankfurt? Als Nation dürfen wir auf keinen Fall den Fehler der Dieselkrise wiederholen.

Diese kam bekanntlich dadurch zustande, dass die Bundesregierung aus Furcht vor strukturellen Veränderungen und dem Verlust von Arbeitsplätzen aufhörte, der Automobilindustrie mit Blick auf Emissionsfragen klare Vorgaben zu machen und anschließend auf deren Einhaltung zu drängen. Wer dies bei der Mobilitätswende neuerlich tut, der riskiert durch eine bewusste Verzögerung des unvermeidlichen Wandels im Nachhinein noch sehr viel mehr Arbeitsplätze.

Realistisch betrachtet müssen wir uns eines eingestehen: Deutschland ist nicht zukunftsfähig mit einem Kernprodukt, das in den schnell wachsenden Metropolen der Welt und im Zeitalter des Klimawandels keine Zukunft hat. Gerade um die immer wieder beschworenen Arbeitsplätze in der Automobilindustrie und bei den Zulieferern zukunftssicher zu machen, braucht es daher ein radikales Umdenken.

Zum Glück ist die deutsche Automobilindustrie mittlerweile aus dem Schaden klug geworden, den sie durch das allzu lange Beharren auf dem Diesel selbst verursacht hat. Wie die neue Allianz zwischen Daimler und BMW belegt, haben die Konzerne verstanden, dass sie sich in einem ganz neuen Geschäftsumfeld bewegen. Das Auto ist nicht länger ein Produkt.

Was fortan verkauft wird, ist ein multimodaler Service namens Mobilität. Soll heißen: eine hochtechnologische, plattformgebundene Leistung mit unermesslichem wirtschaftlichem Potenzial für diejenigen, die sie früh und konsequent genug umsetzen. Dementsprechend stellen sich die Automobilkonzerne nun auf ein neues Mobilitätsmodell ein, das unter anderem viel mit Carsharing, Parkraummanagement und Multimodalität zu tun hat.

Sie wissen, dass der unternehmerische Erfolg in Zukunft nicht länger auf dem optimalen Zusammenbauen und Abstimmen vielteiliger Motoren beruht, sondern auf dem Zusammentragen enormer Datenmengen und deren optimierter Auswertung für konkrete Transportangebote.

Deutschland fährt hinterher

Auf diesem Gebiet sind wir Deutschen Nachzügler. Während es den Chinesen in kürzester Zeit gelungen ist, gegenüber den Amerikanern in Sachen Datensammlung aufzuholen, hinken wir Deutsche und Europäer sowohl aufgrund unserer national zerklüfteten Märkte als auch wegen unseres sehr viel restriktiveren Verständnisses der Privatsphäre deutlich hinterher. Der passende Lösungsansatz wäre daher, dass in Europa lebende Mobilitätskunden ihre Daten einem europäischen Plattformbetreiber anbieten.

Unter solchen Vorzeichen ist der Widerstand, den Teile unserer Politik – vor allem seitens des Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer – nach wie vor öffentlichkeitswirksam gegen den Wandel hin zu einem neuen Mobilitätsmodell zelebrieren, alles andere als zielführend. Insbesondere mit Blick auf die Sicherung unseres künftigen Wohlstands. Die Industrie ist deutlich weiter.

Natürlich gibt es bei der Umsetzung der Mobilitätswende hierzulande beim ÖPNV noch Lücken. Diese dürfen aber gerade in Metropolregionen kein Grund dafür sein, übermäßig lange am Primat des Individualverkehrs festzuhalten. Viel sinnvoller wäre es, die anhaltende Niedrigzinsphase zu nutzen, um beschleunigt in den dynamischen Ausbau der Nahverkehrssysteme zu investieren.

Dies gilt umso mehr, als das Loslassen vom Auto auch gesundheitspolitische Vorteile mit sich bringt. Fahrräder, Tretroller und intelligent geplante Laufwege in Städten werden sich in einer alternden Gesellschaft in puncto Kosten im Gesundheitswesen positiv auswirken.

Umdenken rechts und links

Damit die Mobilitätswende zeitnah gelingt, ist aber nicht nur im politischen Umfeld von CDU/CSU und FDP ein Umdenken erforderlich, bei ihnen mit Blick auf das Primat des Autos. Die Notwendigkeit zum Umdenken gilt auch für die SPD, die Grünen und Die Linke.

Dabei geht es insbesondere um eine Beschleunigung der sich oftmals über ein Jahrzehnt und mehr hinziehenden Anhörungs- und Planungsverfahren, die einer zügigen Umsetzung der Mobilitätswende im Wege stehen. Keine der Parteien liefert derzeit die passenden Konzepte für das Jahrhundertprojekt Mobilitätswende.

Die Zeiten, in denen wir Deutsche im Brustton der Überzeugung davon reden konnten, Weltmeister in Sachen Umweltpolitik zu sein, sind vorbei. In den Bereichen Klima-, Trinkwasser- oder Artenschutz oder in der Kreislaufwirtschaft geben längst andere den Ton an. Deutschland verliert damit Markenkapital, Know-how und politischen Führungsanspruch. Wir müssen uns diesen Ruf erst wieder erarbeiten.

Diese Entwicklung ist gerade deshalb so frappierend und frustrierend, weil sich der Umweltschutz in Deutschland auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens stützen kann. In einer solchen Phase des Umbruchs spielen Rückzugsgefechte, wie sie Teile der deutschen Politik nach wie vor führen, vor allem den strategischen Designs der überseeischen Konkurrenz in die Hände.

Wir dürfen uns diesbezüglich nichts vormachen: So stolz viele Deutsche auf unsere Automarken sind, sowohl staatsnahe chinesische Konzerne wie auch die im Silicon Valley beheimateten datenbasierten Megakonzerne haben Pläne in der Schublade, bei denen für deutsche Marken wenig Platz ist. Sie denken eher daran, diese als Brand-Accessoires in ihr eigenes Unternehmensportfolio zu integrieren.

Von dieser internationalen Herausforderung abgesehen, sollten sich alle Politiker in unserem Land ob des Appells der Berliner Verkehrssenatorin, dass „die Menschen ihr Auto abschaffen“ sollten, eine simple Frage stellen: Was nutzt der fortgesetzte Fetisch des Autos, wenn die betroffene Industrie inzwischen ihrerseits messerscharf erkannt hat, dass sie sich längst in einer neuen multimodalen Wirklichkeit bewegt?

Der Standort Deutschland braucht kein zweites Ruhrgebiet und keine Schutzgebiete für Lösungen von gestern. Er braucht den Staat als Kooperationspartner für den Aufbau der Mobilitätssysteme von morgen.

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