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Gastkommentar Deutsche Unternehmen brauchen mehr weibliche Vorstände

Die Wirtschaft provozieren derzeit durch Nichtstun eine gesetzliche Frauenquote für Vorstände. Sie müssen handeln. Auch im Interesse ihres Erfolgs.
  • Heiner Thorborg
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Der Autor ist einer der bekanntesten Personalberater Deutschlands. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Heiner Thorborg

Der Autor ist einer der bekanntesten Personalberater Deutschlands.

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Wenn Albert Einstein das gesagt hat, muss es wohl stimmen – und trotzdem handeln viele der Topleute in deutschen börsennotierten Gesellschaften genau nach dieser Definition.

Als es um die Offenlegung von Vorstandsgehältern ging, wurde das in den Beletagen deutscher Unternehmen ignoriert. Nun steht die Pflicht dazu im Handelsgesetzbuch. Dito, als der Wunsch nach mehr Frauen in Führungspositionen noch freiwillige Selbstverpflichtung war.

Die deutsche Wirtschaft reagierte wie ein Klub trotziger kleiner Jungs. Ergo kam ein Gesetz, das 30 Prozent weiblicher Aufsichtsräte vorschreibt und eine Zielgrößenverpflichtung. Heute müssen Unternehmen, die börsennotiert oder mitbestimmungspflichtig sind, konkrete Pläne zur Erhöhung des Frauenanteils formulieren und darüber öffentlich in ihrem Lagebericht informieren.

Doch nach Angaben des Bundesfrauenministeriums melden acht von zehn der betroffenen Unternehmen bei der Zielgröße für Frauen im Vorstand „null“, darunter Dax-Unternehmen wie Bayer, Linde oder Heidelberg Cement. Man muss keine seherische Begabung haben, um vorherzusagen: Wenn die Unternehmenslenker weiter auf stur schalten, kommt auch die gesetzliche Frauenquote für den Vorstand.

Tatsächlich ist sie wohl bereits in Arbeit. „Wir werden den Druck erhöhen. Wer weiterhin die Zielgröße ‚null‘ meldet und dies nicht plausibel begründet, muss mit Sanktionen rechnen”, so Frauenministerin Franziska Giffey. „Die zähe Entwicklung in den Vorständen grenzt an eine Verweigerungshaltung“, findet sie und droht: „Gemeinsam mit dem Bundesjustizministerium werden wir dazu in Kürze einen Gesetzesentwurf vorlegen.“

Offensichtlich bewegt sich der Zuwachs an weiblichen Vorständen mit der Geschwindigkeit der Kontinentalverschiebung. Zum 1. Januar dieses Jahres arbeiteten laut einer Analyse von EY insgesamt 61 Managerinnen im Vorstand der 160 Dax-, MDax- und SDax-Konzerne – elf mehr als vor einem Jahr. Der Frauenanteil unter den operativ tätigen Chefs stieg so von 7,3 auf 8,6 Prozent. Das mag der höchste Wert sein seit Beginn der Untersuchung im Jahr 2013, ist aber dennoch traurig.

Das Argument auf der Unternehmensseite gegen die Bestellung weiblicher Vorstände wiederholt sich so vorhersehbar wie Weihnachten im Dezember: Es gebe zu wenig qualifizierte Frauen. Das ist schlicht unwahr. Es mag vielleicht nicht genug Ingenieurinnen mit ausreichend General-Management-Erfahrung für eine Vorstandsposition als Chief Operating Officer in einem Hightech-Betrieb geben, aber wenn es um Themen wie Personal, Finanzen, Marketing oder Recht und Compliance geht, gibt es sehr wohl qualifizierte Damen.

Ich persönlich engagiere mich seit Jahren für mehr Frauen in Toppositionen, und zwar nicht, weil der Gleichheitsgedanke ethisch so hübsch anmutet, sondern, weil divers geführte Unternehmen nachweislich erfolgreicher und wettbewerbsfähiger sind. Was in einer diversen, globalisierten, bunten Welt auch kaum verwundert.

Gleichzeitig war ich immer gegen die gesetzliche Quote für die Aufsichtsräte und habe in der deutschen Wirtschaft unermüdlich dafür geworben, doch bitte proaktiv zu handeln, mehr Frauen zu fördern und so die Paragrafenreiterei zu verhindern. Gesetze bedeuten immer eine Ausweitung der Bürokratie, und: Jeder Eingriff in die Vertragsfreiheit der Konzerne ist per se kritisch.

Wer einmal damit anfängt, Positionen nach gesellschaftlichem Proporz zu vergeben wie die Sitze im Rundfunkrat, kennt bald kein Halten mehr. Warum nicht eine Quote für die zweite und dritte Ebene im Betrieb? Eine für Senioren? Eine für Behinderte? Eine für Ausländer? Und warum sollten die Segnungen des Proporzdenkens nur für Großunternehmen gelten und nicht auch für den Mittelstand? Schließlich werden da doch die meisten Jobs geschaffen.

Hier stehe ich nun erneut – und kann nicht anders, als den vornehmlich männlichen Aufsichtsratschefs zuzurufen: Wollen Sie die gesetzliche Frauenquote im Vorstand verhindern, müssen Sie schnell tätig werden und nicht gegen die Politik arbeiten, sondern mit ihr. Wer nicht steuert, kann am Ende nur noch reagieren und Gesetze erfüllen. Jetzt wieder auf stur zu schalten, Null-Ziele zu melden und dann andere Ergebnisse zu erwarten als bisher, ist schlicht unverantwortlich.

Mehr: Siemens-Personalchefin Janina Kugel steht vor dem Abschied, auch die Zukunft von Energie-Vorständin Lisa Davis ist offen. Das Quotenziel des Aufsichtsrats ist in Gefahr.

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