Gastkommentar Deutschland gibt Enthaltsamkeit auf

Lange Zeit kaum denkbar - mittlerweile kein Tabu mehr: In Deutschland steigen Löhne und Preise. Damit holt die Bundesrepublik eine längst überfällige Entwicklung nach - und bringt Europa wieder ins Gleichgewicht.
  • Gustav Horn
35 Kommentare

Deutschland bewegt sich. Noch vor wenigen Jahren machte sich scheinbar lächerlich, wer behauptete, dass eine schwache Lohnentwicklung mehr Schaden als Nutzen für die Volkswirtschaft stiften würde. Es wurde argumentiert, dass die Lohnsteigerungen hinter dem Zuwachs an Produktivität und den Lohnsteigerungen in anderen Ländern zurückbleiben müssten, damit die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands steige. Heute, nur wenige Jahre und zwei aufeinanderfolgende Krisen später, findet es selbst der Bundesfinanzminister in Ordnung, wenn die Löhne in Deutschland stärker steigen als im übrigen Euro-Raum.

Gustav Horn ist Chef des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Quelle: dpa

Gustav Horn ist Chef des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

(Foto: dpa)

Geradezu sensationell klingt in manchen Ohren die Aussage der Bundesbank, es sei hinnehmbar, wenn die Inflationsrate in Deutschland zeitweilig über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von knapp zwei Prozent liege. Dies bedeutet nichts anderes, als dass auch die Lohnsteigerungen entsprechend höher ausfallen können. Auch die EU-Kommission stimmt ein. Woher kommt dieser markante Sinneswandel?

Es ist die harte Realität, deren Lehren sich hier entfalten. Schon in der Finanzkrise 2008 und 2009 wurde nach den Maßstäben des Sachverständigenrates keine Lohnzurückhaltung mehr geübt. Trotz einer massiven Krisenentwicklung blieben die Gehälter der Beschäftigten bei zum Teil drastisch verkürzter Arbeitszeit weitgehend konstant. Das führte dazu, dass in Deutschland im Unterschied zu den meisten anderen Volkswirtschaften die Einkommen der privaten Haushalte und damit deren Ausgaben für Konsum weitgehend stabil blieben. Dies ist eine der wesentlichen Quellen für die überaus kräftige Erholung der Wirtschaft in Deutschland. Zum ersten Mal seit langem war Deutschland bei Wachstum und Beschäftigung erfolgreicher als die meisten anderen Volkswirtschaften - und das ganz ohne schwächelnde Löhne.

Wie wir mittlerweile wissen, sind die Krisen aber noch nicht zu Ende. Der Finanzmarktkrise folgte die Krise des Euro-Raums. In dieser kommt eine Hypothek zum Tragen, die sich seit Beginn der Währungsunion aufgebaut hat. Es ist die Hypothek über Jahre hinweg stabilitätswidriger Preissteigerungen. Die jetzigen Krisenländer wie Griechenland, Spanien und Portugal überschritten - wie oft zu Recht beklagt - das EZB-Inflationsziel deutlich. Das verminderte ihre Wettbewerbsfähigkeit immer mehr und führte zu erheblichen Leistungsbilanzdefiziten. Mit anderen Worten, ihre Verschuldung im Euro-Raum - privat und öffentlich - nahm ständig zu. In einer Zeit, in der die Finanzkrise die Unsicherheit ohnehin massiv erhöht hatte, führte dies zu einem teilweise massiven Verlust des Vertrauens in die Bonität der Schuldner. Die Schuldenspirale nahm ihren Lauf.

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35 Kommentare zu "Gastkommentar: Deutschland gibt Enthaltsamkeit auf"

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  • Liebe Leute,
    tut doch nicht so, als könnten wir uns aussuchen, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Entweder wir verringern sie in einem geordneten Prozess freiwillig und verlagern langsam Arbeitsplätze im Export in die Binnenwirtschaft, oder unsere Wettbewerbsfähigkeit bricht durch ein Zusammenfall des Euros über Nacht in sich zusammen. Ihr könnt aussuchen, was euch besser gefällt, aber ein anderes Szenario gibt es nicht. Deutschland kann nicht dauerhaft unter seinen Verhältnissen leben und gegen Inflationsziele verstoßen!

  • Das bringt Europa wieder ins Gleichgewicht stimmt. Wir nähern uns den Fußkranken an und machen schön auf Erhöhung der Arbeitslosigkeit, damit wir hier mit der anstehenden Rezession zu den anderen aufschließen. Die Lohnerhöhung ist deutlich über dem Poduktivitätsfortschritt und kann kostenmäßig nicht überwälzt werden. Endlich kriegt der Musterschüler an den Weltmärkten ordentlich ein`s übergebraten. Und wenn dann alle nicht mehr konkurrenzfähig sind bauen wir Spaßbäder, um uns in der freigesetzten Arbeitszeit zu bespaßen. Allein schon um die Kürzung der Sozialleistungen zu verdauen, die bei einem Konjunktureinbruch kommt. Gewerkschaft wir danken dir !

  • Horn und Sachverstand?

    Man setzte sich mit der Vita und den Ansichten auseinander, dann weiss man woher der Wind weht.

  • Ob dieser "Oekonom" wohl den Gewerkschaften nahesteht? Unfassbar eigentlich, dass es so weit gekommen ist, einen solchen Vorschlag ueberhaupt ernsthaft diskutabel zu machen:

    Da wird doch tatsaechlich gefordert, dass wir unsere Wettbewerbsfaehigkeit der Suedlaender zuliebe verringern. Wie weit muss ein Oekonom schon rein fachlich gesunken sein, um schon gar nicht mehr zu erwaehnen, was das heissen wuerde. Es waere ein Weg, die deutsche Wirtschaft absichtlich zu schaedigen, damit es den anderen dann relativ uns besser geht. Die Inflation wuerde die Ersparnisse und Ruecklagen der Buerger auf kaltem Wege enteignen. Die Arbeitnehmer wuerden den groessten Teil ihrer Lohnzuwaechse an einen raffgierigen Staat abfuehren, der Rest viele entweder der Inflation selbst zum Opfer oder waere - sofern real - ein Beitrag unsere komparativen Kostenvorteile zu verspielen. Das wiederum haette, wie schon im vergangenen Jahrzehnt beobachtbar zur Folge, das Kapital abwandert und Arbeitslosigkeit entsteht.

    Der eigentliche Denkfehler besteht darin, dass die deutsche Wettbewerbsfaehigkeit die Kehrseite der unsaeglichen und undemokratisch beschlossenen Rettungsmanie ist, die die politische Klasse in Deutschland und Europa betreibt. Richteten sich die Deutschen auch noch selbst zugrunde waere Schluss mit der Europaideologie der politischen Klasse. Die deutschen Politiker und die Profiteure des EU-Systems sind ohnehin die einzigen, die ihre Nation freiwillig aufgeben wollen. Die anderen wollen das nicht (ich lebe in UK und muss mir jeden Tag die sarkastischen Kommentare ueber den "Kontinent" anhoeren). Sie machen solange mit, wie Deutschland zahlen kann. Danach ist eh Schluss. Und das waere auch gut so.

    Diese Gewerkschafts-Einfachoekonomie ist eine pseudointellektuelle Bluete einer verordneten Selbstaufgabeideologie. Armes Deutschland.

  • Bei dem Geschwafel von dem Horn bin ich imemr sehr vorsichtig

  • @machiavelli: Derjenige, der besser gewirtschaftet hat, wenn auch nicht optimal, ist also schuld an der ökonomischen Misere der Südländer. Stimmt auch, oder? Wegen uns verkaufen die Griechen keine Autos mehr, die Spanier sind bei Baumaschinen völlig abgehängt, und wer will schon portugiesische Flugzeuge? Also: Dämlicher kann eine Analyse nicht sein, Machiavelli. Und zur Erinnerung: Wir hatten in der Vergangenheit weit höhere Leistungsbilanzüberschüsse. Fazit: Etwas mehr ökonomischer Sachverstand schadet nicht!

  • Ich kann den Überlegungen durchaus zustimmen. Ich möchte lediglich drei Aspekte ergänzen:

    1) Die deutschen Gehaltsempfänger wurden nicht nur nicht durch Lohnzuwächse am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt, auch sorgt der exportfreundliche schwächere Euro für unverhältnismäßig teure Importe - vorzugsweise Energiekosten. Dem deutschen Michel faßt man ergo gleich von beiden Seiten in die Tasche.

    2) Sollten schuldenfinanzierte "Konjunkturprogramme" (die noch nie funktioniert haben, z.B. "new Deal" oder "Japanese desease")die Zukunft Europas sein, werden die Deutschen das Schicksal Grichenlands letzten Endes teilen. Deutschland kann Euroland nicht "retten".

    3) Die Ausführungen des Artikels setzen sich nicht mit dem Umstand auseinander, daß die deutsche Wettbewerbsfähigkeit mit Blick auf die BRIC-Staaten "verbessert" worden ist. Euroland und der ökonomische Schlendrian der ewigen Weichwährungsländer wird nun dafür sorgen, daß die PIIGS-Staaten uns Grenzen setzen. Es ist eine Frage der Zeit, bis alle im Euroraum vom Weltmarkt gefegt werden.

  • Schäuble hätte doch nur zu gern (und tut alles dafür), dass sich eine Lohn-Preis-Spirale entwickelt, ohne dass sich die Zinsen erhöhen, die Inflation steigt und die von ihm gemachten Schulden und das Ersparte der Bürger weginflationiert wird!

  • zitat....HIer ist die Begründung (nehmen Sie sich die Zeit, es wird ihr Denken verändern!)

    Hat er nicht, weil Beispiele voller Wiedersprüche, bzw. aus der Gesamtheit gerissen. (Altien, über Frankreich)

  • Machiavelli, unsere Sozialisten finden IMMER einen Schuldigen der fuer das eigene Versagen einstehen muss. Alle Wirtschaftsexperten, NICHT Politiker, sind sich einig, das Nordeuropa witrschaftlich, finanziell und kulturell nicht mit Suedeuropa zusammenpassen.
    Griechenland konnte sich nur durch betruegerische Massnahmen dem EURO anschliessen und hatte seit dem auch nur mit versteckten Bilanzen gespielt. ....Aber es sind ja immer die anderen Schuld!!!
    Machiavelli, weisst du ueberhaupt wovon du sprichst???

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