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Gastkommentar Deutschlands KI-Strategie ist noch zu national ausgerichtet

Auch in Deutschland wird Künstliche Intelligenz als nationales Projekt angegangen. Doch eine KI-Außenpolitik wird in Zukunft immer wichtiger.
  • Ludwig Siegele
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Der Autor ist Technology Editor des „Economist“ und berät derzeit als Mercator Fellow den Planungsstab des Auswärtigen Amtes. Quelle: picture alliance
Ludwig Siegele

Der Autor ist Technology Editor des „Economist“ und berät derzeit als Mercator Fellow den Planungsstab des Auswärtigen Amtes.

(Foto: picture alliance)

Endlich hat Deutschland eine Strategie zur Künstlichen Intelligenz (KI). Auf den ersten Blick hat sich das Warten gelohnt. Als „smart follower“ konnte Berlin von den Plänen der anderen lernen. Das Papier, das auf dem Digital-Gipfel vorgestellt wurde, ist mehr als eine Auflistung von Forschungsvorhaben. Es enthält viel Wichtiges und Richtiges, etwa über den Zugang zu Daten, den wichtigsten Zutaten der aufstrebenden Technologie.

Kritiker merken an, dass ethische Fragen zu kurz kommen – etwa wie verhindert werden kann, dass KI-Systeme bestimmte Gruppen von Menschen diskriminieren. Viel gravierender jedoch ist eine bisher wenig diskutierte Lücke: Die Strategie ist sehr national ausgefallen. Welche Rolle KI in der Außenpolitik spielen soll, wie sie die internationalen Beziehungen verändert, behandelt das Papier nur am Rande.

Damit liegt Deutschland im Trend. KI wird in den meisten Ländern meist durch die nationale Brille gesehen. Experten sprechen bereits von einem künftigen „KI-Nationalismus“: Staaten verfolgten vor allem ihre eigenen techno-politischen Interessen. Sie blockieren Datenflüsse und fördern nationale Champions. Erste Anzeichen für ein KI-getriebenes Wettrüsten sind erkennbar.

Warum es dazu kommen könnte, erklärt sich durch die wirtschaftliche Kraft von KI. Sie lässt sich am besten verstehen als „kollektive Intelligenz“: Sie ist oft ein digitales Extrakt von Daten, die von Menschen erzeugt werden. Aus diesen werden mit großer Rechenkraft Verhaltensmuster extrahiert, die den nächsten großen Automatisierungsschub auslösen – von automatischer Gesichtserkennung bis zu autonomen Waffensystemen.

Weil KI praktisch überall zum Einsatz kommen kann, wird sie mit Elektrizität verglichen. KI wird das Wirtschaftswachstum mindestens genauso ankurbeln. Experten schätzen, dass KI die Weltwirtschaftsleistung bis 2030 um fast 16 Billionen Dollar vergrößern wird, etwa das Fünffache des aktuellen deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Aber es wird nicht nur Gewinner geben: KI könnte die Welt aus ihrem Gleichgewicht bringen. Dank seines Datenreichtums hat China, vielleicht auch Russland die Chance, die USA wirtschaftlich und militärisch herauszufordern. KI könnte sogar die Wettbewerbsfähigkeit von Demokratie und Diktatur verändern. Die Technologie ermöglicht es, gigantische Informationsmengen zentral zu verarbeiten – eine Aufgabe, an der autoritäre Regime bisher oft gescheitert sind.

Wo so viel auf dem Spiel steht, wundert es nicht, dass sich Staaten auf ihre Interessen besinnen. Einige glauben, dass sich der KI-Nationalismus wieder legen wird, wenn Gewinner und Verlierer erkennbar sind. Der Handelskonflikt zwischen China und den USA, bei dem es im Kern auch um technologische Vorherrschaft geht, deutet auf ein anderes Szenario hin: die Welt wird sich in zwei KI-Camps aufspalten, und kleinere Länder müssen sich einem davon zuordnen.

Drei Dinge, die Deutschland angehen sollte

Wie soll Deutschland darauf reagieren? Erstens: Deutschland muss sich zum Ziel setzen, eine starke KI-Industrie aufzubauen. Dies kann nur gemeinsam mit den EU-Partnern gelingen. Unsere Datenmengen sind viel zu klein, um mit den KI-Supermächten China und USA mithalten zu können. Also muss Deutschland seine Anstrengungen viel stärker mit anderen EU-Ländern und der Kommission in Brüssel koordinieren.

Zweitens: Deutschland und Europa müssen darauf hinarbeiten, dass die wichtigsten Bausteine der KI globale Gemeinschaftsgüter bleiben. Derzeit werden viele Forschungsergebnisse schnell öffentlich. Damit die KI-Allmende nicht verkümmert, sollten Berlin und Brüssel sich in Organisationen engagieren, die sich die Verbreitung von Erkenntnissen und Standards in der KI auf die Fahnen geschrieben haben.

Drittens: Wenn Europa tatsächlich einmal für einen „Dritten Weg“ in der KI zwischen chinesischem Überwachungskapitalismus und amerikanischem Plattformkapitalismus stehen will, wie viele in Berlin und Brüssel hoffen, dann muss diese Worthülse mit Inhalten gefüllt werden. Die Datenschutz-Grundverordnung der EU, deren Prinzipien derzeit in vielen Ländern kopiert werden, kann da nur ein Anfang sein.

Genauso kann die KI-Strategie der Bundesregierung nur die erste Version sein, auf welche schnell die Versionen 2.0 und 3.0 folgen müssen. „KI-Politik wird der wichtigste Bereich jeder Regierungspolitik“, schreibt Ian Hogarth, ein britischer KI-Experte, in einem viel gelesenen Aufsatz mit dem Titel „KI-Nationalismus“. Das ist natürlich eine Übertreibung – aber keine allzu große.

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