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Gastkommentar Die Arbeitswelt 4.0 braucht Freiheitsrechte statt Zwangskorsette

Eine digitalisierte Arbeitswelt braucht keine Verordnungen aus dem Industriezeitalter, sondern moderne Konzepte – sonst bleibt die Innovation auf der Strecke.
  • Frank Meik, Thomas Sattelberger
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Frank Meik ist Kurator der Carl-Friedrich-von- Weizsäcker-Stiftung und Direktor für den Bereich Zukunft der Arbeit; Thomas Sattelberger ist innovations- und forschungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der FDP. Sie erreichen sie unter: gastautor@handelsblatt.com.  (Bild: imago/argum)
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Frank Meik ist Kurator der Carl-Friedrich-von- Weizsäcker-Stiftung und Direktor für den Bereich Zukunft der Arbeit; Thomas Sattelberger ist innovations- und forschungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der FDP. Sie erreichen sie unter: [email protected] (Bild: imago/argum)

Alle reden von digitaler Transformation der Arbeitswelt, von Arbeit 4.0, von damit verbundenen disruptiven Veränderungen. Ein gesellschaftlicher Konsens wäre überfällig!

Doch Fronten verhärten sich. Gewerkschaften pochen rigide auf Schutzrechte, fordern Mitbestimmung auch für kommende digitale Arbeitsformen wie Crowdwork. Wirtschaftsverbände verlangen hartleibig flexiblere Arbeitszeiten, machen aber keinen „Fair Deal“-Vorschlag für „New Work“.

Wir müssen jetzt handeln, wollen wir nicht Knecht dieser Entwicklung sein. Technologische und soziale Innovation sind Zwillinge. Wenn Staatsbürokratie E-Government verhindert, würgt sie auch Bürgerbeteiligung und individuellen Bürgerfokus ab. Wo die Diktatur nackter Zahlen herrscht, werden Firmen schwerlich Innovationskultur aufbauen.

Technische Innovation schafft neue Arbeitswelten. Die sind Humus für Innovation. Wir brauchen offene Räume bei Arbeitszeit und Arbeitsstätte. Wir müssen wegkommen von Stechuhr und Präsenzkultur, hin zu Frei(heits)räumen für digitales, mobiles Arbeiten.

Unsere Arbeitsstättenverordnung stammt aus dem Industriezeitalter. Für Supermarkt-Kassiererinnen und Fließbandarbeiter taugen neue Konzepte des Arbeitsschutzes und mobiler Arbeit nicht. Schutzrechte für Industriearbeit sind nötig. Auch das Normalarbeitsverhältnis „Fünf Tage, siebeneinhalb Stunden“ ist für digitale Arbeit überholt, ebenso wie die alten Ruhepausenregelungen.

Fusionen und Übernahmen, große Kundenprojekte, marktorientierte Reorganisationen, Gründungen – Hochleistungsorganisationen ticken anders als Verwaltungen. Arbeitsschützer könnten wohl jeden in der Start-up-Szene zur Anzeige bringen. Unser Staat leistet sich politisch inkorrekte Schattenwelten und stranguliert den großen Rest umso fester. Stattdessen brauchen wir Wochen- und Monatsarbeitszeiten.

Asiaten, Briten, Skandinavier und Amerikaner experimentieren längst mit datenbasierten Verfahren, um Produktivität zu steigern. Royal Dutch Shell setzt beispielsweise Innovationsteams zusammen, indem Algorithmen die „social footprints“ der Mitarbeiter auswerten und Teamzusammensetzungen vorschlagen. In Deutschland verhindert die Datenschutzkeule soziale Innovation, bevor sie entstehen kann.

Fehlentwicklungen gilt es abzustellen. Aber doch nicht unbekannterweise im Vorhinein! Deswegen brauchen wir Experimentierräume für People Analytics. Bald!

Grauzone der Scheinselbstständigkeit

Hunderttausende hochqualifizierte Freiberufler, Softwareentwickler, Digitalberater leisten heute oft mehrjährige Innovationsarbeit in häufig innovationsarmen Unternehmen. Auftraggeber wie Auftragnehmer leben dabei jedoch ständig in der Grauzone der Scheinselbstständigkeit.

Unter Andrea Nahles gerieten solche Freelancer zum Kollateralschaden des berechtigten Verbots, Scheinselbstständige in Schlachtereien und Logistikbetrieben auszubeuten. Absurde Konsequenz: Besorgte Unternehmen vergeben ihre Aufträge lieber ins Ausland oder fordern Freelancer auf, sich von Zeitarbeitsfirmen anstellen zu lassen.

Dieses Zwangskorsett abhängiger Beschäftigung muss ersetzt werden durch Freiheitsrechte – etwa ab einer bestimmten Einkommensgrenze.

Warum diskutieren wir über diese drei Ansatzpunkte nicht ohne ideologische Verkrampfung? Weil sich einige sorgen, damit die Büchse der Pandora zu öffnen.

Das Arbeitsministerium versucht immer wieder herunterzuspielen, dass durch die Digitalisierung viele Tätigkeiten wegfallen werden in Produktion und Logistik, in kaufmännischer Verwaltung, Sachbearbeitung bei Banken und Versicherungen. Auch bei Rechtsanwälten oder Steuerberatern werden Roboter künftig viele administrative Tätigkeiten erledigen, auch gehobene.

Selbst die in ihren Schlussfolgerungen vorsichtigsten deutschen Studien gehen davon aus, dass bis 2030 zwar zwischen vier und sechs Millionen Erwerbstätige demografisch bedingt den Arbeitsmarkt verlassen werden. Zugleich jedoch werden sich Millionen Arbeitnehmer zum Teil radikal neu qualifizieren müssen. Überspitzt gesagt: Die Supermarktkassiererin Richtung Softwareentwicklung, der Fließbandarbeiter Richtung Drohnentechnik.

Wer heute als Klempner der Macht neue digitale Arbeit verhindert, versündigt sich an der Zukunft.

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