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Gastkommentar Die Autobranche muss die Vergangenheit hinter sich lassen

Ein sofortiger Stopp der Entwicklung neuer Verbrennungsmotoren wäre für deutsche Autokonzerne ökologisch und ökonomisch der richtige Weg. Denn der Verbrenner war gestern.
19.07.2020 - 16:07 Uhr 4 Kommentare
Roland Hipp ist Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland.
Roland Hipp

Roland Hipp ist Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland.

Auf seinem persönlichen Erfolgsgraphen klettert Herbert Diess gerade hinab in den Grand Canyon. Dem VW-Chef fällt ein rassistischer Werbespot auf die Füße; ausgerechnet das Flaggschiff seiner Elektro-Strategie, den ID3, plagen Softwareprobleme; die Bundesregierung verweigert der Branche die auch von Diess forsch geforderte Kaufprämie; schließlich raubt der Aufsichtsrat ihm auch noch die Verantwortung für die Kernmarke.

Doch die Pechsträhne könnte bald ein Ende haben. Die Wolfsburger Turbulenzen können Diess’ Strategie den nötigen Schub geben – und den Konzern dabei zu einem Vorreiter des ökologischen Wandels machen.

Allüberall heißt es, die Coronakrise beschleunige laufende Veränderungen: Digitalisierung, Onlineshopping, Homeoffice – das Virus treibt Trends. Und es hinterlässt massive wirtschaftliche Schäden. Die Folgen kratzen längst an der Tür, auch in Wolfsburg. Um den Absatzeinbruch aufzufangen, müsse Volkswagen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben „deutlich kappen“, kündigte Herbert Diess laut „Automobilwoche“ kürzlich vor dem Management an. Sparen heißt weglassen, heißt fokussieren.

VW könnte sich nun auf die Zukunft konzentrieren und die Vergangenheit hinter sich lassen. Die Firma, sein Chef und das Land würden von dieser Beschleunigung profitieren.

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    Vor anderthalb Jahren kündigte Chefstratege Michael Jost vermeintlich Bahnbrechendes an: Bis 2026 werde VW die letzte Motorenplattform für Verbrenner entwickeln. Doch anders ausgedrückt heißt das auch: Noch bis Anfang der 2030er-Jahre sollen auf Basis dieser Plattform weitere Diesel und Benziner entwickelt, noch bis 2040 Millionen dieser Autos produziert und verkauft werden.

    Verbrennungsmotoren sind gestern

    Für den Klimaschutz ist das verheerend – für VWs Wettbewerbsfähigkeit ein Fehler. Die Entwicklung der Plattform und der zugehörigen Motorengeneration wird Milliarden kosten. Milliarden, die Volkswagen dann bei der Entwicklung seiner Zukunft fehlen. Wenn jetzt F&E-Budgets gekürzt werden, muss Diess beim Gestern kürzen. Verbrennungsmotoren sind gestern.

    Seit seinem Amtsantritt beklagt Diess regelmäßig, der Konzern reagiere zu langsam auf den rasanten Branchenumbruch. Unbeschwert von einem alten Geschäft mit Verbrennungsmotoren und mit einem klaren Fokus auf durchdigitalisierte E-Autos ist Tesla den deutschen Herstellern um Jahre enteilt. Investoren trauen Tesla viel zu: An der Börse ist der US-Newcomer inzwischen so viel wert, wie die drei großen deutschen Hersteller zusammen.

    VW tut sich schwer, diesen Rückstand aufzuholen. Auch weil das Unternehmen mehrgleisig fährt: Es drängt zum E-Auto, aber vom Verbrenner will es nicht lassen. Diesen Luxus des Sowohl-als-auch kann sich der Konzern nicht länger leisten. Diess muss die nächste Verbrennerplattform stoppen!

    Die Autobranche plant in Sieben-Jahres-Zyklen. 2012 rollte Volkswagen die siebte Generation des Golf auf die Straße. Die technische Basis bildete der Modulare Querbaukasten (MQB), eine flexible und kostensparende Plattform, die kurz zuvor beim Audi A3 ihr Debüt feierte. Der im vergangenen Jahr vorgestellte Golf 8 basiert auf einer leicht veränderten Version der Plattform, genannt MQB evo. Wieder sieben Jahre später, also 2026 soll der MQB evo nun einen weiteren Nachfolger bekommen.

    EU-Grenzwerte werden in naher Zukunft nachgebessert

    Branchenkenner gehen davon aus, dass die nochmalige Weiterentwicklung der Plattform inklusive einer neuen Motorengeneration Volkswagen mindestens fünf Milliarden Euro kosten wird. Das wäre ein gutes Drittel der gesamten F&E-Ausgaben für die Automotive-Sparte. Weitere Milliarden würden für die Anpassungen der Werke fällig.

    Schon jetzt hat Volkswagen wie Daimler und BMW Schwierigkeiten, die europäischen Flottengrenzwerte einzuhalten. Ein wenig helfen wird der Verkauf von Plug-in-Hybriden, für die Hersteller noch immer völlig alltagsfremde Verbrauchswerte anrechnen dürfen. Doch selbst damit drohen den deutschen Herstellern hohe Strafen.

    Es ist absehbar, dass die EU-Grenzwerte in naher Zukunft nachgebessert werden. Entsprechend wächst der Druck auf die Hersteller, mehr E-Autos zu verkaufen. Nur eine klare Konzentration auf elektrische Antriebe statt Verbrenner oder gar schmutzige Scheinlösungen wie Hybride kann sicherstellen, dass künftig knappere Gewinne nicht in Strafzahlungen fließen, sondern in zukunftsfähige Angebote.

    Herbert Diess ist angetreten, Volkswagen in eine elektrische und klimaverträgliche Zukunft zu führen. Lässt er zu, dass das Virus diese Transformation ausbremst, wäre seine Mission gescheitert. Damit Volkswagen zu einem Teil der Lösung wird, muss Diess das Geschäftsmodell des Konzerns infrage stellen. Ziel kann nicht länger sein, immer mehr Autos zu verkaufen. Es muss darum gehen, immer mehr Menschen eine saubere, attraktive Mobilität ohne Auto zu ermöglichen. Das ist eine andere Debatte, aber eine, in der eine weitere Verbrenner-Plattform keinen Platz hat.

    Mehr: Wochenlang standen die Bänder bei Daimler, BMW und Volkswagen während der Krise still. Dabei war der Druck auf die Autoindustrie bereits vor Corona enorm.

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    4 Kommentare zu "Gastkommentar: Die Autobranche muss die Vergangenheit hinter sich lassen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Solange die Rohstoffe der Batterien per Uralt-LKW und Schiffsdiesel aus dem fernen Afrika zu uns gebracht
      werden und der Strom durch Kohle Verbrennung erzeugt wird sollte man von Sauberen Elektro-Autos
      lieber nicht reden.
      Über den Sondermüll mangels Idee zum Batterie-Recycling redet man genau so wenig wie über den fehlenden
      Restwert wenn der Wagen dann mal 10 Jahre alt ist und der Preis der notwendigen neuen Batterie den Marktwert überschreitet.
      Also alle 10 Jahre ein neues E-Auto kaufen, die alte Batterie endlagern, und den Rest mit hohem Energieaufwand recyclen..... super für die Umweltbilanz.
      Wirkungsgrad und Energieverlust durch die dezentrale Energiegewinnung und den Stromtransport vom Kraftwerk zur Ladestation taucht auch in keiner Rechnung auf.
      Weiter so Herr Hipp ? Echt jetzt?
      Setzen sie sich dafür ein das tempo 150 und Leistungen von 200PS ausreichend sind. setzten sie durch das innerstädtisch keine 2,5tonnen-500PS SUV mehr fahren dürfen.
      Aber die Elektrowelle ist einfacher zu reiten....

    • Die Ansichten vom Greenpeace-Chef Hipp verdeutlichen die technologische Engstirnigkeit der gesamten Grünen Bewegung. Wir produzieren in Deutschland 50% unseres Stromes aus umweltfreundlichen Energien wie Photovoltaik und Wind. Jedes kW was wir heute mehr verbrauchen, muß also zugekauft werden. So lange wir also keinen Überschuss an umweltfreundlichen Energien haben, so lange tankt jedes E-Auto Kohlestrom, Atomstrom oder Strom aus Gaskraftwerken. Logisch, oder?
      Zweitens ist es zwingend erforderlich, dass die Politik endlich die einseitige Fokussierung auf die Elektro-Technologie ablegt und moderne Diesel- und Benzinmotoren -auch mit E-Fuels- als Notwendigkeit begreift. Denn auch die Klimabilanz eines E-Autos ist nicht besser. Von den Fragen der Entsorgung von Batterien, dem menschlichen Leid und der Kinderarbeit bei der Förderung von Rohstoffen und der Umweltzerstörung durch den hohen Wasserverbrauch bei der Gewinnung von Lithium, ganz zu schweigen.
      Technologieoffenheit heißt auch, dass ein Wettbewerb um die besten Technologien möglich sein muß. Die einseitige Förderung von E-Autos ist nicht zielführend.

    • Dieser Kommentar des Greenpeace Direktors scheint mir stark ideologisch beeinflusst: E-Autos mit ihren tonnenschweren giftigen Batterien sind doch die größten Umweltsäue. Deshalb wird sich diese Antriebsart auch nicht durchsetzen können. Warum es ökonomisch geboten sein soll jetzt mit Verve auf die Fertigung von E-Autos umzusteigen wird vorsichtshalber erst gar nicht erläutert. Hier demonstriert sich der Glaube an die E-Mobilität als Art der Religionsausübung.

    • Wir befinden uns in einer Transformationsperiode. Man kann den Wechsel in der Mobilität nicht so leicht erzwingen. Insofern werden auf absehbare Zeit auch Verbrenner - seien es klassische Benziner oder Wasserstoffmotoren - nachgefragt werden. Wenn VW die klassischen Benzin- und Dieselmotoren auslaufen lassen will, sollten sie zumindest auf Wasserstoff als Alternative für Langstreckenfahrer setzen.

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