Gastkommentar Die deutsche Digitalisierung stockt, weil die Bundesregierung falsch beraten wird

Deutschland kommt im digitalen Wandel nicht voran. Kernproblem: Für das komplexe Thema gibt es kaum geeignete Berater. Ein Gastkommentar.
  • Sandro Gaycken
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Der Autor ist Direktor des Digital Society Institute der European School of Management and Technology (ESMT). Quelle: picture alliance / Britta Peders
Sandro Gaycken

Der Autor ist Direktor des Digital Society Institute der European School of Management and Technology (ESMT).

(Foto: picture alliance / Britta Peders)

Die Bundesregierung bemüht sich intensiv, in Sachen Digitalisierung gute Beratungen zu bekommen. Das ist alles andere als einfach. Denn ihre Berater sind alle nur eingeschränkt nutzbringend. Dass die Regierung sie nicht richtig bewertet, ist einer der Gründe unseres komplizierten Ringens mit der Digitalisierung.

Die erste Kategorie Berater sind die IT- und Telekommunikationskonzerne. Sie zu fragen ist Merkel-Logik: Der Markt weiß, was real möglich ist und funktioniert. Das hat aber nur eingeschränkt funktioniert: Die Silicon-Valley-Konzerne haben Regulierung verhindert, Datenschutz verzögert und berechtigte Bedenken hinsichtlich ihrer Sicherheit zerstreut. Telekom und SAP haben in verschiedenen Spielformen wiederholt nur zu mehr Produkten geraten – von Telekom und SAP.

Die zweite Kategorie Berater wären beinahe die großen deutschen Technologiekonzerne geworden – wenn sie sich denn nicht geweigert hätten. Denn sie können es selbst nicht. Die Probleme von Konzernen und Ministerien sind sogar deckungsgleich: zu bürokratisch, zu viele Neinsager, oft realitätsfern, zu wenig echte Digitalkompetenz und kaum ein Blick für das große Ganze. Mit ihren Digitalisierungsinitiativen, Inkubatoren, Company-Buildern werden zwar einige von ihnen besser, aber man lernt erst noch.

Auch wissenschaftliche Experten waren bisher wenig hilfreich. Zehn Experten bringen oft 15 Meinungen ein. Geisteswissenschaftler und Soziologen sind dabei meist zu abgehoben und verklausuliert in Fachdebatten verstiegen, in der Praxis kaum anwendbar. Andere, technische Experten haben meist nur Vertikalexpertisen und hängen eine Laienzuhörerschaft schnell ab.

Der neueste Schrei ist eine Melange aus den Big Four, Start-up-Unternehmern und Digitalisierungsberatern, die ja wie Pilze aus dem Boden schießen. Die Big Four aber haben sich in der Digitalisierungsberatung im Großen und Ganzen kaum mit Ruhm bekleckert: Tortendiagramme sollen mal diese, mal jene tolle Zahl belegen, Organisationsformen werden vorgeschlagen, neue Prozesse – aber echtes Verständnis der tiefer liegenden Wirkungen und Ursachen, der echten Probleme, vor allem aber auch von Technik, das fehlt meist.

Start-up-Unternehmer sind auf andere Weise problematisch. Sie können Apps bauen und wissen, was man warum anklickt. Aber es sind eben meist nur Kleinunternehmer aus den Consumer-Electronics – die kaum etwas von Politik, Konzernmechanismen oder den weitreichenden Implikationen des Digitalen verstehen.

Viele Probleme, viele Experten

Die Naivität an diesen Stellen ist oft atemberaubend – Silicon-Valley-Konzerne nicht ausgeschlossen. Auch in „Council“-Form wie in dem „Innovation Council“ von Dorothee Bär wird das nicht besser – eine Bande von Schellenäffchen, die sich aus Erfolgen mit Kleintechnologien und Webservices zu Innovationspäpsten küren, aber über ihre begrenzten Horizonte hinaus kaum Sinn stiften dürften.

Genauso ist es bei den spezialisierten Digitalisierungsberatungen, die jetzt alles, was mit einem Computer zu tun hat, bewerten und korrigieren sollen. Auch hier wird übersehen, dass diese Berater nur eine ganz bestimmte Fläche des Problems bearbeiten können und dass sie auch nichts anderes machen als das, sich also nicht in die Breite ausbilden, sondern eher die Vertikale vertiefen und verhärten. Dass sie Digitalisierung at large auch nur verstehen sollen, ist eine aberwitzige Vorstellung.

Bei all diesen Varianten von Hotshot-Beratern wird zu viel und zu gerne Buzzword-Bingo gespielt. Blockchain und Artificial Intelligence etwa werden von allen kategorial angepriesen, ohne dass man für die meisten Kontexte aber überhaupt weiß, was das bedeutet oder wofür man das braucht.

Die Bundesregierung ist und bleibt also eher schlecht beraten. Das Basisproblem für dieses Dilemma ist eigentlich leicht zu erkennen: Es ist die zu hohe Komplexität des Themas. Es kann nicht nur einer das Problem der Digitalisierung lösen, denn es ist nicht nur ein Problem.

Es sind viele Tausend Probleme, die sehr unterschiedliche Expertisen benötigen. Klug geführte, unabhängig und kritisch moderierte Dialoge müssen eingesetzt werden.

Außerdem muss das Kunststück der Politik, Interessen zu kennen, abzuwägen und so gegeneinanderzusetzen, dass man unabhängige und gesellschaftlich breite, relevante Meinungen aus den Vertikalen abschöpfen kann, in der Digitalisierung erst neu gelernt werden.

Solange man nicht einmal sieht, dass die Digitalisierung unseres Lebens, von Arbeit, Gesundheit, von Export, Industrie und Großtechnologien, etwas anderes ist als ein Online-Schuhhandel oder ein Taxidienst, sind wir davon natürlich noch weit entfernt.

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3 Kommentare zu "Gastkommentar: Die deutsche Digitalisierung stockt, weil die Bundesregierung falsch beraten wird"

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  • Sehr sauber analysiert und in der Folgerung nachvollziehbar. Nicht behandelt allerdings die Seite, die sich beraten lassen will: Regierung, Verwaltung, Parlament.
    Merke: Wer nicht in der Lage ist zu beurteilen, wo ihn der Schuh drückt, wird wohl nicht in der Lage sein, dem Schuhmacher die richtigen Fragen zur Abhilfe zu stellen.

  • Sehr treffender Beitrag mit präziser Analyse der Akteure.

    Es fehlt in Deutschland der Erkenntnis - obwohl es eigentlich jeder im Privaten mitverfolgt - dass die Digitalisierung weit mehr als die Automatisierung bestehender Abläufe ist, die wir eigentlich schon in den 2000ern in Angriff hätten genommen haben müssen.

    Die Digitalisierung ist die Phase nach der Industrialisierung, in der wir uns leider immer noch befinden: Produktion --> Absatz --> After-Sales-Erträge --> Obsoleszenz --> Ersatz durch neues Produkt.

    Digitalisierung hingegen bedeutet:
    Nutzen für den Kunden --> Zurverfügungstellung eines Devices --> Analyse des Verhaltens --> Verbesserung des Angebotes.

    Dies macht deutlich, dass es um einen Umbau der Wirtschaft gehen muss, der in den USA schon in vollem Gange ist und sich auch mit den wertvollsten Unternehmen an der dortigen Börse dokumentiert, Apple ist dabei das älteste Unternehmen (1976), SAP - ebenfalls 1976 gegründet - hingegen das jüngste in Deutschland, wo viele Innovationen über 100 Jahre alt sind.

    Wir brauchen Forschungsintensivierung mit klarem Fokus, Offenheit für Neues statt Besitzstandswahrung der Bestehenden, Entschlackung von Vorschriften aus dem 19. und 20. Jahrhundert, Wertschätzung und Unterstützung des Unternehmertums auch im Fiskalischen und einen Austausch auf allen Ebenen im europäischen Kontext.

    Wir hatten sie alle, die Emil Rathenau, Carl Benz, Gottlieb Daimler, Werner Siemens - uns fehlen die Jeff Bezos, Elon Musk, Steve Jobs, Larry Page, Sergey Brin, Mark Zuckerberg - und wir müssen uns vor den chinesischen "Gründern mit undemokratischem Staatshintergrund" schützen.

    Last but not least: Im Innovation Council sind u.a. vertreten: Frank Thelen (Investor bei Lilium Aviation), Daniel Wiegand (Chef von Lilium Aviation) - und auf einmal spricht alle Welt von Flugtaxis statt von Digitalisierung - ein Schelm, der Böses dabei denkt ;-)

  • Das Schlimme ist, so wahr dieser Atrikel auch ist, so wenig wird davon Notiz genommen. AI (KI im Deutschen) und Blockchain mögen nur Engegenerthemen sein, von denen kaum einer etwas versteht, ganz zu schweigen von Quantencomputern. Größtenteils mangelt es doch schon an Kenntnissen zu Themen wie Phishing (In der "Welt" erschien gestern oder vorgestern ein Artikel zu 2-Faktor-Verschlüsselung mit dem Yubikey, als wäre es der neueste S*** gegen Phishing) oder auch warum Vectoring der absoluter Nonsense ist (wir waren 1980 schonmal weiter mit dem Glasfaserkabelausbau). Aber nunja O2 schafft neuerding es nichtmal mehr LTE Standard im Zentrum von Berlin bereitzustellen, aber mit 5G wird alles besser ... Witz.

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