Gastkommentar: Die Globalisierung erweist sich bei den Sanktionen gegen Russland als das schärfste Schwert
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor für Makroökonomie an der Berliner Humboldt-Universität.
Foto: imago images/Montage HandelsblattLiberale Demokratien befinden sich weltweit auf dem Rückzug, immer mehr verwandeln sich in illiberale Demokratien, Das zeigen die Analysen der britischen Denkfabrik Chatham House. Viele sehen daher auch den Krieg des autokratischen Russlands gegen die Ukraine als eine weitere Bedrohung der Demokratien.
Der Krieg könnte jedoch ein Wendepunkt im globalen Systemwettbewerb sein, der die wirtschaftlichen Stärken von Marktwirtschaften und Demokratien unterstreicht. Voraussetzung dafür ist, dass die westlichen Demokratien die richtigen Lehren ziehen, die wirtschaftliche Globalisierung reformieren und die regelbasierte globale Ordnung stärken.
Vor 30 Jahren sorgte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit seiner These vom „Ende der Geschichte“, wonach sich liberale Demokratien langfristig als dominante politische Ordnung durchsetzen, für eine kontroverse Diskussion.
Seine These sehen heute einige als widerlegt an, zumal Länder wie China mit autokratischen Systemen enormen wirtschaftlichen Erfolg haben und westliche Demokratien – von Ungarn über Polen bis Brasilien – immer häufiger fundamentale Freiheiten einschränken.
In der Tat haben westliche Demokratien, allen voran die USA und solche in Westeuropa, in den vergangenen drei Jahrzehnten zwei große Fehler gemacht. Der eine ist die Annahme, liberale Demokratien würden sich in einer immer globaleren Welt von selbst durchsetzen, weil sie und ihre Marktwirtschaften den größeren wirtschaftlichen Wohlstand schaffen und damit Freiheiten ermöglichen.