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Gastkommentar Die Industrie ist tot, es lebe die Industrie

Abgesänge auf das verarbeitende Gewerbe sind verfrüht. Traditionelle Stärken müssen allerdings mit datenbasierten Geschäftsmodellen kombiniert werden, meint Enzo Weber.
21.07.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Professor Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Quelle: PR
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Professor Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

(Foto: PR)

Digitalkonzerne sind die mit Abstand wertvollsten Unternehmen der Welt. Viele Neuerungen gehen heute aus digitalen Innovationen hervor. Wertschöpfung wird aus Netzwerken generiert, aus Daten und Algorithmen. Geschäftsmodelle wandeln sich dynamisch. Das war schon vor Corona so, die Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt.

Die deutsche Industrie sucht man auf Listen mit Krisengewinnern und Superstar-Firmen meist vergeblich. Schon zwei Jahre vor Corona geriet die Branche in einen Abschwung, obwohl die Gesamtwirtschaft damals noch weit von einer Rezession entfernt war. Der Abschwung ging einher mit einer tief greifenden Transformation: Digitalisierung, E-Mobilität, Künstliche Intelligenz und Dekarbonisierung.

Durch die Pandemie wurde daraus eine transformative Rezession, in der Umbruchsprozesse ein neues Niveau erreichten. Ist die deutsche Industrie also ein Auslaufmodell? Eine Cashcow, mit der sich bisher gut Geld verdienen ließ – aber eben nur bisher? Sind Tech-Multis und Digital-Start-ups die Zukunft, traditionsreiche Industriekonzerne und verarbeitender Mittelstand die Vergangenheit?

Eine ausgemachte Sache ist das keineswegs. Industrielle Wertschöpfung ist nach wie vor die zentrale Stärke Deutschlands, eine über lange Zeit gewachsene Stärke. So etwas kann man weder am Reißbrett entwickeln noch einfach auf ein anderes Geschäftsmodell kopieren. Es muss sich ja auch keineswegs um eine altbackene Stärke handeln, denn für digitale Geschäftsmodelle werden Sensorik, Automatisierungstechnik, Maschinenbau & Co. benötigt – die raffinierte Hardware der Digitalisierung.

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    Das aber sind genau jene Komponenten, auf denen die Stärke der deutschen Industrie beruht. Zwar arbeitet heute nur noch rund jeder siebte Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe, aber die Industrie fragt zahlreiche – auch digitale – Dienstleistungen nach. Und der weltweite Industrieabschwung kommt gerade an sein Ende, zuletzt stiegen Produktion und Exporte wieder stark an, gebremst nur durch Lieferengpässe.

    Das Disruptionspotenzial ist gewaltig

    Allerdings sollten wir uns der aktuellen Herausforderungen bewusst sein. Auch mit noch so starken traditionellen Geschäftsmodellen, etwa mit dem typisch deutschen Fokus auf hochqualitative Massenfertigung, kann man schnell ins Hintertreffen geraten. Neue Antriebstechniken, 3D-Drucker, massendatengetriebene Echtzeitsteuerung – das Disruptionspotenzial in der Industrie ist gewaltig. Innovationen in Markt und Technik, getrieben etwa von datenbasierten Geschäftsmodellen, können etablierte Standards leicht hinwegfegen.

    In vielen Branchen ist das bereits passiert, weitere werden folgen. Gewachsene Stärken sollte man deswegen aber nicht über Bord werfen. Stattdessen muss beides kombiniert werden: hardware- und datenbasierte Geschäftsmodelle. Industrie 4.0 ist eben nicht nur 4.0, sondern auch Industrie. Und die hat in Deutschland ihre Kraft zur Innovation schon oft unter Beweis gestellt, messbar etwa in den vielen Patenten.

    Das gilt für neue Produktionsverfahren ebenso wie für die Entwicklung innovativer Produkte, die aber meist nicht die Bekanntheit digitaler Weltmarken haben. Hidden Champions findet man bei uns zuhauf. Allerdings geht es aktuell nicht um Veränderungen nach bekanntem Muster, sondern um eine tief greifende Transformation, vergleichbar mit der industriellen Revolution. Um diesen Sprung zu schaffen, sind besondere Maßnahmen erforderlich.

    Das beste Wirtschaftsprogramm für das Deutschland der 2020er-Jahre ist daher ein Digitalisierungsschub in der industriellen Wertschöpfung. Digitale Technik und digitale Kompetenzen sind dabei zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb kommt es auf zweierlei an: erstens umfassende digitale Investitionen. Die muss einerseits der Staat direkt tätigen, etwa im Bereich des Breitbandnetzes. Fortschritt wird aber nur aus einer Vielzahl von innovativ und individuell gedachten Investitionen in der Wirtschaft vor Ort entstehen.

    Investitionsförderprogramm 4.0

    Um diese entscheidend voranzubringen, brauchen wir ein Investitionsförderprogramm 4.0. Das Programm müsste zum Beispiel Sonderabschreibungsmöglichkeiten auf Digitalgüter vorsehen, egal, ob Hardware oder immaterielle Güter. Über diese Abschreibungen würde sich die Steuerlast verringern, ein Teil der Investitionen ließe sich so unmittelbar finanzieren – ein Anreiz für Digitalisierungsinvestitionen in der Breite der Wirtschaft, nicht nur bei Hightech-Leuchttürmen.

    Das Förderprogramm 4.0 könnte zügig umgesetzt werden. Man sollte sich einfach an den Bestimmungen des Einkommensteuergesetzes für Sonderabschreibungen bei Anlageinvestitionen kleiner und mittlerer Unternehmen orientieren.

    Zweitens brauchen wir eine digitale Ausbildung. Gerade die mittelständische Industrie ist mit dem beruflichen Ausbildungsmodell in Deutschland eng verbunden. Industrie 4.0 bedeutet daher auch digital transformierte Aus- und Weiterbildung. Unser duales Ausbildungssystem mit seiner Kombination von Theorie und Praxis bietet weltweit anerkannte Vorteile. Wenn sich Berufe und Anforderungen aber stark wandeln, kann es durch seine Spezialisierung zur Achillesferse werden.

    Insbesondere im Bereich kleiner und mittlerer Unternehmen brauchen wir daher ein Ausbildungsprogramm 4.0: finanzielle Förderung der digitalen Ausstattung, didaktische und technische Schulung des Ausbildungspersonals sowie gezielte Beratungsangebote. Bei Ausstattung und neuen didaktischen Konzepten sollten auch Berufsschulen in das Programm einbezogen werden.

    Untätig zu bleiben kommt teuer

    Studien belegen, dass im Zuge der Digitalisierung übergreifende Fähigkeiten in Kommunikation, Abstraktionsvermögen und im Umgang mit IT zentrale Bedeutung bekommen – die Berufsschulen sind der Ort, solche Kompetenzen zu vermitteln. Ein Ausbildungsprogramm 4.0 würde einen Impuls setzen, damit die berufliche Bildung wieder attraktiver wird, statt an Boden zu verlieren.

    Wie aber soll das alles bezahlt werden, gerade nach den Corona-Schulden? Sicher ist: Die Kosten, untätig zu bleiben, wären deutlich höher. Denn der deutsche Fiskus kann auf die Steuereinnahmen aus einer florierenden Industrie nicht verzichten. Investitionen und Bildung gehören zu den effektivsten Einsatzmöglichkeiten öffentlicher Gelder, die Ausgaben finanzieren sich über hohe Rückflüsse selbst.

    Nein, das ist nicht die naive Vorstellung eines fiskalischen Perpetuum mobile, man muss schon die entscheidenden Ansatzpunkte finden. Aber wo, wenn nicht in der Zukunftsfähigkeit eines deutschen Erfolgsmodells, sollen diese Ansatzpunkte liegen?

    Im Zeichen der digitalen Transformation müssen wir den Mut zur Disruption haben, damit das deutsche Wertschöpfungsmodell im Kern erfolgreich bleibt. Der beste Weg, durch rapiden Wandel nicht abgehängt zu werden, ist, neuen Entwicklungen den eigenen Stempel aufzudrücken. In der Neustartphase nach der Coronakrise werden die Weichen für die wirtschaftliche Zukunft gestellt. Diese Chance bekommen wir nur einmal. Deshalb müssen wir sie entschlossen nutzen.

    Der Autor: Prof. Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

    Mehr: Die wichtigsten innovativen Projekte deutscher Konzerne

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