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Gastkommentar Die Politik Italiens ist ein Negativbeispiel für ganz Europa

Die Regierungen in Rom grenzen sich seit Jahren immer mehr von Europa ab. Doch das ist kein Alternativkurs – es ist Zeugnis eines Niedergangs.
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Harold James: Neue Ideen von Sicherheit und Wirtschaft gefragt
Harold James

Der Autor ist Professor für Geschichte und Internationale Politik an der Universität Princeton und Senior Fellow am Center for International Governance Innovation.

Als Ursprung des Römischen Reiches und der Renaissance hat Italien die kulturellen Entwicklungen in Europa und im westlichen Eurasien seit Langem maßgeblich mitgeprägt. Es dient aber ebenso seit Langem als Beispiel für politischen Niedergang.

Heute ist Italien erneut zu einem abschreckenden Beispiel geworden. Seit den Parlamentswahlen im vergangenen März hat die politische Szene des Landes die internationalen Beobachter zunächst fasziniert, dann zunehmend entsetzt. Die Bildung einer Regierungskoalition aus Rechts- und Linkspopulisten hat viele veranlasst, sich zu fragen, ob eine solche Koalition dem Zufall geschuldet oder ein Symptom des politischen und intellektuellen Konkurses der neoliberalen Globalisierung ist.

Es wird oft behauptet, dass Italiens Abweichen vom übrigen Europa (beim Pro-Kopf-Einkommen etwa) entweder mit der Ratifizierung des Vertrags von Maastricht im Jahr 1993 oder mit der Einführung des Euros im Jahr 1999 begonnen hat. Aber diese Chronologie verbirgt einen tieferen Wandel im modernen Italien.

Immerhin zerfiel Anfang der 1990er-Jahre auch das alte italienische Zweiparteiensystem, und sowohl die Mitte-rechts-Christdemokraten als auch die Mitte-links-Sozialisten, die in den Korruptionsskandal Tangentopoli (Stadt der Schmiergeldzahlungen) verwickelt waren, lösten sich auf.

Hinter den Schlagzeilen über die weiter zunehmende und sich ausbreitende Korruption in Italien stand die Tatsache, dass ältere Vorstellungen von gemeinsamer Verantwortung nicht länger galten. So führte die Auflösung der beiden wichtigsten italienischen Parteien zu noch mehr – und stärker institutionalisierter – Korruption, verkörpert durch den ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.

Der Immobilienentwickler, Unterhaltungs- und Medien-Tycoon Berlusconi kombinierte das Spektakel fortlaufender Seitensprünge und glamouröser junger Frauen mit einer populistischen Politik, die auf Steuersenkungen für die Bürger und die Sympathie für autokratische Petrostaaten wie etwa Russland beruhte. Berlusconis politischer Stil – eine bizarre Kombination aus clowneskem Narzissmus und hemmungsloser Käuflichkeit – war Trumpismus avant la lettre.

Die politische Revolution Italiens war jedoch nicht dem Zufall geschuldet, sondern bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf eine Zeit in den Siebzigern zurückgehen, die die Italiener die „bleiernen Jahre“ nennen, eine Periode sozialer und politischer Unruhen, die von einer Welle linker und rechter Anschläge des politischen Terrorismus geprägt war.

Eine aggressive Form der Männlichkeit

Dieser tiefgreifende gesellschaftliche Wandel Italiens gab vielen Männern das Gefühl, ständig angegriffen zu werden, und führte zu verzweifelten Versuchen, auch in der Politik (siehe Berlusconi), ihren Machismo zu demonstrieren. Aufgewachsen mit den sozialen Privilegien der Nachkriegszeit, drohten sie plötzlich zur Bedeutungslosigkeit verurteilt zu werden.

Viele von ihnen reagierten mit Wut und Gewalt. Einige suchten die Gemeinschaft neofaschistischer Bewegungen, die eine aggressive Form der Männlichkeit heraufbeschworen, während andere sich Gruppen der extremen Linken mit ihren eigenen Gewaltkulten anschlossen.

Die Ausweitung neuer Freiheiten auf breitere Bevölkerungsschichten, andererseits, lässt den Schluss zu, dass alles möglich ist, aber nur, wenn man die Mittel dazu hat.

Der Schriftsteller Edoardo Albinati beschreibt den Zerfall der italienischen Bourgeoisie und den Niedergang der traditionellen Religion und gibt dabei widerwillig zu, dass die „Sporen des Marxismus“ ihn zu folgendem Schluss geführt haben: Es ist das Geld, das die Illusion von mehr Freiheit schafft und damit zunehmend die moderne Welt definiert.

Es ist eine offene Frage, ob es einen Ausweg aus dem ungebremsten Streben nach persönlichen Vorteilen geben kann, das der heutigen sozialen und politischen Misere auch in Italien zugrunde liegt.

Das Römische Reich war nach seinem Fall nicht mehr zu retten, und es dauerte fast tausend Jahre, bis die italienische Halbinsel in der Renaissance ihr klassisches Erbe wiederentdeckte. Um heute eine neue Renaissance herbeizuführen, wäre es notwendig ist, den Kult der Freiheit zu entmystifizieren und die Normen der gemeinsamen Verantwortung in Politik, Wirtschaft und im sozialen Leben zu stärken.

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