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Gastkommentar Die sauberste Stahlindustrie der Welt muss sich fragen: Haben wir noch eine Zukunft in Deutschland?

Zu hohe Umweltauflagen könnten energieintensive Branchen zwingen, ins Ausland zu gehen. Darunter auch die Stahlindustrie.
  • Tim Hartmann
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Der Autor ist Vorsitzender der Vorstände von Dillinger und Saarstahl. Quelle: Dillinger
Tim Hartmann

Der Autor ist Vorsitzender der Vorstände von Dillinger und Saarstahl.

(Foto: Dillinger)

Die saarländische Stahlindustrie steht unter existenziellem Druck. Dafür gibt es strukturelle Gründe, die durch konjunkturelle Unsicherheiten weiter verschärft werden. Bei Saarstahl wird ab September Kurzarbeit gefahren – die Lage ist also ernst. Wir unternehmen viel, um uns an das veränderte Umfeld anzupassen.

Innerhalb der saarländischen Stahlindustrie werden wir erneut Schritte unternehmen, um die Effizienz zu steigern und die Kosten zu senken. Das wird ein anstrengender, teilweise auch schmerzhafter Prozess, der die saarländische Stahlindustrie grundlegend verändern wird. Aber am Ende werden wir betriebswirtschaftlich gut aufgestellt sein.

Dabei haben wir in den vergangenen Jahren einiges erreicht. Insbesondere haben wir innovative Produkte entwickelt, die auf der ganzen Welt gefragt sind. Wir machen die Energiewende erst möglich. Beispiel Offshore-Wind: In diesem Jahr wird die Herstellung von Blechen für Gründungsstrukturen von Offshore-Windrädern ein Viertel unserer Produktion bei Dillinger ausmachen. Dafür haben wir rund 600 Millionen Euro investiert.

Doch zum Überleben wird all das nicht reichen. Denn die Stahlindustrie – in ganz Deutschland – trägt gegenüber außereuropäischen Wettbewerbern Mehrbelastungen in den Bereichen Energie-, Umwelt- und Arbeitskosten. Hinzu kommen steigende Kosten, um die Klimaziele zu erreichen.

Allein das CO2-Zertifikatesystem wird in naher Zukunft zu jährlichen Mehrkosten von über 100 Millionen Euro in unseren Unternehmen führen – weit weg von jeder wirtschaftlichen Realität. Dabei wird hier bereits der sauberste Stahl der Welt produziert. Allein am Stahlstandort Dillingen haben wir seit 2008 mehr als 500 Millionen Euro in den Umwelt- und Klimaschutz investiert.

Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt kann ohne diese Kosten und damit billiger produzieren. Immer mehr Stahl mit einem deutlich höheren CO2-Footprint drängt auf den Weltmarkt und auch auf den europäischen Markt. Der saubere heimische Stahl kann dagegen nicht bestehen.

Eine absurde Situation. Die sauberste Stahlindustrie der Welt muss sich fragen: Haben wir noch eine Zukunft am Standort Deutschland? Und können wir es unternehmerisch noch vertreten, in den Standort Deutschland zu investieren? Oder müssen wir über kurz oder lang CO2-intensive Industrien dahin verlagern, wo Klimaschutz einen geringeren Stellenwert hat? Für den Klimaschutz wäre damit nichts gewonnen, dem Klima ist es egal, wo es zerstört wird.

Umso größer wäre der Schaden für den Industriestandort Deutschland. Am Stahl hängen in Deutschland direkt und indirekt rund 3,5 Millionen gut bezahlte, sozialversicherungspflichtige Jobs – im Saarland allein rund 20 000. Eine nationale Industriepolitik braucht eine starke Stahlwirtschaft. Es ist kein Zufall, dass ein Drittel aller branchenübergreifenden Patente mit Stahlbezug aus Deutschland kommt.

Wir dürfen unsere Augen vor der Realität nicht verschließen. Wasserstoff etwa wird als Klima-Wundermittel diskutiert, ist allerdings in der großindustriellen Anwendung erst in der Pilotphase, verursacht hohe Umstellungskosten und ist mit einem deutlich höheren Energiebedarf verbunden.

Wenn Deutschland Technologieführer bleiben soll und wir nicht das Problem irgendwo in die Welt verlagern wollen, müssen wir jetzt handeln und dafür sorgen, dass es auch in 30 Jahren eine Stahlindustrie in Deutschland gibt. Mit der Bereitstellung von bezahlbarem CO2-freiem Strom und den entsprechenden Netzen kann Politik helfen. Und mit einer Förderlandschaft, die – um CO2-optimierte Innovationen wie die Wasserstofftechnologie möglich zu machen – neben Erstinvestitionen wie Umstellungskosten auch laufende Mehrkosten abdeckt, um international wettbewerbsfähig zu sein.

Mit dem klaren Bekenntnis zur Fortsetzung der Safeguard-Politik, um zumindest auf dem europäischen Markt sauberen Stahl nicht schlechterzustellen als Importstahl mit deutlich höherem CO2-Footprint. Und indem sie einen Rahmen schafft, der hiesigen Unternehmen den Austausch über vielversprechende Technologiepfade ermöglicht, ohne dafür kartellrechtliche Risiken eingehen zu müssen. In anderen Branchen sind solche Foren längst Alltag.

Die saarländische Stahlindustrie steht – seit nunmehr über 400 Jahren – zum Standort Deutschland. Wir wollen nicht ins Ausland verlagern. Aber die Politik darf uns auch nicht in eine Situation versetzen, die uns dazu zwingt, diese Haltung zur Diskussion zu stellen! Nationale Industriepolitik und Klimapolitik müssen verheiratet werden. Nur eine funktionierende Industrie wird auch weiterhin Wohlstand sichern und Akzeptanz für Klimapolitik schaffen.

Mehr: Europas Stahlkonzerne leiden unter schwacher Nachfrage.

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