Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Die SPD ignoriert die eigentlichen Ursachen ihres Niedergangs

Olaf Scholz ist nicht das Problem der Sozialdemokraten, sondern der Zustand der Partei an sich. Ein SPD-Kanzler ist noch immer wenig wahrscheinlich.
20.08.2020 - 08:32 Uhr Kommentieren
Der Autor leitet das Meinungsforschungsinstitut Forsa.
Manfred Güllner

Der Autor leitet das Meinungsforschungsinstitut Forsa.

Trotz der an sich richtigen Nominierung von Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten der SPD ist das Kanzleramt für ihn immer noch in eher weiter Ferne. Zwar halten Scholz 44 Prozent aller Wahlberechtigten für das Amt geeignet, doch nur eine Minderheit (25 Prozent) wünscht sich ihn auch als nächsten Kanzler. Und wenn man sich zwischen Scholz, Markus Söder und Robert Habeck als Kanzler entscheiden könnte, würden sich nur 16 Prozent für Scholz, 38 Prozent aber für Söder und 19 Prozent für Habeck entscheiden.

Söder genießt – anders als Edmund Stoiber bei seiner Kandidatur 2002 – auch im protestantischen Norden Ansehen und läge selbst dort vor Scholz, während Scholz im katholischen Bayern mit acht Prozent weit abgeschlagen hinter Söder rangiert. Söder liegt auch in der politischen Mitte, wo sich die Mehrheit aller Wahlberechtigten und auch die der früheren SPD-Wähler verortet, mit 45 Prozent klar vor Scholz mit 14 Prozent.

Doch das eigentliche Problem der SPD ist nicht ihr alternativloser Kanzlerkandidat, sondern der Zustand der Partei an sich. So glauben trotz aller Beteuerungen von Scholz, dass sich die Partei „zusammengerauft“ habe, nur acht Prozent aller Wahlberechtigten und auch nur 14 Prozent der SPD-Anhänger, dass er eine geschlossene Partei hinter sich habe.

Hinzu kommt, dass auch in der Coronakrise nach wie vor nur wenige (sieben Prozent) der SPD zutrauen, mit den Problemen im Land fertigzuwerden. Fast siebenmal mehr aber (46 Prozent) trauen das der Union zu. 2017 erhielt die SPD wegen dieses negativen Urteils nur noch 9,5 Millionen Stimmen – ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl. Im Vergleich zu 1998 (20,1 Millionen Stimmen) bedeutet das einen Wählerschwund von 53 Prozent. Und die aktuellen Umfragewerte der SPD entsprächen sogar nur noch 7,4 Millionen Wählern.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Um das von Parteichef Norbert Walter-Borjans angestrebte Ziel von 30 Prozent – das wären 14 Millionen Wähler – zu erreichen, müsste die SPD also 6,6 Millionen neue Anhänger gewinnen. Wie die aktuelle große Zunahme der Union in der Wählergunst zeigt, ist das nicht völlig unmöglich.

    SPD-Abwanderer sind größtenteils in der politischen Mitte

    Anders als die SPD scheint aber vor allem die CSU verstanden zu haben, dass verlorenes Vertrauen nicht durch Anbiederung an die Ränder des politischen Spektrums zurückgewonnen werden kann. Die CSU ist wieder auf dem Weg zu einer 50-Prozent-Partei, weil sie sich ganz klar von der AfD abgrenzt und sich um das kümmert, was die Mehrheit der Menschen in der politischen und gesellschaftlichen Mitte wirklich bewegt.

    Die SPD aber sucht auch mit Duldung ihres Kanzlerkandidaten wieder mit Umverteilungs- und Gerechtigkeitsthemen eine linke Mehrheit. Nur lässt sie dabei außer Acht, dass die 13 Millionen seit 1998 verlorenen Wähler weder überwiegend dem linken politischen Spektrum entstammen noch in nennenswerter Zahl zur Linkspartei gewandert sind.

    Die SPD-Abwanderer verorten sich in ihrer großen Mehrheit in der Mitte und sind zur Union, zu den Grünen oder ins Lager der Nichtwähler gewandert. Die seit 2017 systematisch vollzogene endgültige Abkehr von einer pragmatischen Reformpolitik hin zu einer ideologielastigen Linkspolitik verprellt deshalb diese früheren Schiller-, Schmidt- oder Schröder-Wähler, anstatt sie an die Partei zu binden.

    Auf möglichst viele dieser „Mitte-Wähler“ aber wäre die SPD angesichts des Wandels von einer Industrie- zu einer immer digitaler werdenden Dienstleistungsgesellschaft mehr denn je angewiesen, da die Zahl ihrer einstigen Kernwähler – gewerkschaftlich organisierte Industrie-Facharbeiter – immer weiter schrumpft.

    Bei erfolgreichen Wahlen konnte die SPD diesen Rückgang ihrer Stammwählerschaft durch neu gewonnene Wähler aus der bürgerlichen Mitte nicht nur kompensieren, sondern ihre Wählerzahl dadurch sogar vergrößern. Mit ihrem Linksschwenk in der Nach-Schröder-Ära aber verprellt die SPD nicht nur diese Mitte-Wähler, sondern auch noch die ihr bisher treue Kernschicht der „arbeitenden Klasse“, die heute in durchaus beachtlicher Zahl zur AfD oder ins Lager der Nichtwähler wandert.

    Bei den im offiziellen Podcast der SPD – „The Talking Red“ – angeführten sieben Gründen für die schlechten Umfragewerte wird aber auf all das nicht hingewiesen. Als Gründe werden unter anderem genannt: der „Rally ’round the flag“-Effekt, der „horse race journalism“ oder eine „Restaurant-Metapher“.

    Dass die SPD die eigentlichen Ursachen ihres Niedergangs ignoriert und verdrängt, hatte allerdings schon in der früheren Bonner „Baracke“ wie jetzt auch im Berliner „Willy-Brandt-Haus“ Tradition. Wenn aber in der SPD weiterhin eher „Winkel-Analytiker“ und weniger an Fakten orientierte Strategen am Werk sind, dürfte es Olaf Scholz schwer haben, Kanzler zu werden.

    Mehr: Lars Klingbeil zur Kanzlerkandidatur: „Scholz kann das Land führen“.

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Die SPD ignoriert die eigentlichen Ursachen ihres Niedergangs
    0 Kommentare zu "Gastkommentar: Die SPD ignoriert die eigentlichen Ursachen ihres Niedergangs"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%