Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Die Verkehrswende geht uns alle an

Die Frage ist nicht, ob der Umbruch zur Elektromobilität kommt. Die Frage ist, ob er mit der deutschen Autoindustrie kommt oder ohne sie.
Kommentieren
Der Autor ist Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Quelle: dpa
Roman Zitzelsberger

Der Autor ist Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg.

(Foto: dpa)

Seit Jahresbeginn demonstrieren wöchentlich Hunderte Stuttgarter gegen Dieselfahrverbote. Seit April dürfen Besitzer von Euro-4-Fahrzeugen nicht mehr in die Stadt, und ab Herbst könnten auch Euro-5-Fahrzeuge betroffen sein.

Die Stuttgarter „Gelbwesten“ sind wütend, weil sie ihre Dieselautos nicht mehr benutzen dürfen, aber hinter der Wut steckt Angst um ihre Jobs und ihre Existenz. Von der Politik fühlen sie sich alleingelassen.

Die Emissionsgrenzwerte sind lange bekannt, und es war abzusehen, dass die eingeleiteten Maßnahmen nicht ausreichen würden, um sie in den Innenstädten einzuhalten. Doch das Problem wurde verdrängt und ausgesessen, die Leidtragenden sind Beschäftigte und Dieselfahrer.

Seit Januar hat die Stadt Stuttgart zahlreiche Anträge auf Ausnahmegenehmigungen abgelehnt. Die Begründung hätte zynischer nicht sein können: Wer mehr als 1130 Euro netto verdient – das entspricht dem gesetzlichen Mindestlohn –, dem sei es zuzumuten, ein neues Auto zu kaufen. Mittlerweile wurde die Grenze zwar auf 1415 Euro angehoben.

Angesichts der Mietsteigerungen in und um Stuttgart heißt das für viele Menschen aber immer noch: Sie müssen ohne Auto auskommen in der Autostadt. Was macht eine alleinerziehende Mutter aus Böblingen, die nach Stuttgart zur Arbeit muss? Diese Menschen werden im wahrsten Wortsinne abgehängt.

Ihre Wut ist absolut verständlich. Gerade die IG Metall ignoriert das nicht, denn wir sind vor allem die Interessenvertretung der arbeitenden Menschen. Dazu gehört auch, dass wir bei Fehlern von Managern und dem Versagen der Politik nicht tatenlos zuschauen.

Das heißt aber nicht, dass wir alle Anliegen der „Gelbwesten“ teilen. Im Gegenteil: Ihre Forderung „Freie Fahrt für den Diesel“ greift zu kurz. Sie verkennt, dass der Umbruch hin zu alternativen Antrieben jenseits des Verbrenners kommen wird – ob einem das gefällt oder nicht.

China wird uns in die E-Wende treiben

Unvermeidlich ist dieser Umbruch aus zwei Gründen. Der eine ist der dringend gebotene Klimaschutz. Ein Viertel der Treibhausgasemissionen stammt aus dem motorisierten Verkehr, 60 Prozent davon werden von Personenkraftwagen ausgestoßen. Der Verkehr ist der einzige Sektor, der in Deutschland seit 1990 keinen Beitrag zur CO2-Reduktion geleistet hat. Im Gegenteil: Die Emissionen haben sogar zugenommen.

Wenn wir das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 einhalten und die menschengemachte globale Erwärmung auf unter zwei Grad begrenzen wollen, bedeutet das: Im Verkehrssektor wird der Individualverkehr den größten Anteil der dafür nötigen CO2-Reduktion tragen müssen, gerade weil hier bislang nichts passiert ist.

Dieses Ziel wird nur erreichbar sein mit einem anderen Verkehrsverhalten und nur, wenn wir in großem Stil herkömmliche Verbrennungsmotoren durch CO2-neutrale oder CO2-reduzierte Antriebe ersetzen. Die Hauptorientierung für die nächsten zehn Jahre wird dabei vermutlich auf batterieelektrischem Fahren liegen.

Daneben werden für unterschiedliche Anwendungen auch Hybrid-, Brennstoffzellen- und mit synthetischen Kraftstoffen angetriebene Fahrzeuge eine Rolle spielen. Klar ist: Batterieelektrik ist nur dann sinnvoll, wenn sowohl für die energieintensive Batteriefertigung als auch für den Betrieb im Straßenverkehr ausreichend regenerativer Strom zur Verfügung steht.

Der zweite Grund, warum der Trend stark in Richtung Elektromobilität gehen wird, ist China: Aktuell werden weltweit rund 95 Millionen Fahrzeuge im Jahr produziert, Prognosen gehen von einer Steigerung auf bis zu 123 Millionen aus.

Aber dieses Wachstum findet weniger in Europa mit seinen etwa 15 Millionen neu zugelassenen Pkws statt als vielmehr in China, wo schon heute nahezu das Doppelte abgesetzt wird. Dort wird die Technologie der Zukunft vorgegeben. Und China hat entschieden, dass die Autos der Zukunft batterieelektrisch fahren werden.

Der Umbruch ist unabdingbar

Im nächsten Jahrzehnt werden Elektrofahrzeuge einen großen Teil des Wachstums ausmachen. Und dieser Umbruch wird schneller gehen als gedacht: Vor anderthalb Jahren ging man noch davon aus, dass bis 2030 etwa 40 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland ganz oder teilelektrifiziert sind. Mittlerweile sprechen Experten eher von 50 Prozent. Das ist eine deutlich steilere Rampe.

Wer jetzt sagt: „Elektroautos sind Quatsch, ich glaube nicht daran“, verhält sich wie Kaiser Wilhelm, dem um 1900 folgendes Zitat zugeschrieben wird: „Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“

Die Frage ist nicht, ob der Umbruch in der Antriebstechnologie kommt. Die Frage ist: Kommt er mit der deutschen Automobilindustrie und ihren Beschäftigten oder ohne sie? Ein Weiter-so mag zu kurzfristigen Gewinnen der Autohersteller führen. Doch notwendige Innovationen bleiben dabei auf der Strecke. Die Folge wäre ein Desaster für die Beschäftigten und deren Recht auf gute Arbeit.

Wir brauchen eine strategisch durchdachte Industriepolitik, die die Innovationsfähigkeit der Unternehmen steigert und gleichzeitig gute Arbeitsbedingungen sicherstellt. Das bedeutet, dass wir auch künftig in allen Schritten der Wertschöpfung beim Autobau ganz vorn dabei sein und auch die Fertigung von Batteriezellen vor Ort industrialisieren müssen.

Der Umbruch wird nur zu bewältigen sein, wenn alle Akteure verstehen, dass gute, nachhaltige Mobilität, Umwelt- und Klimaschutz und eine funktionierende Wirtschaft mit guten und sicheren Arbeitsplätzen drei Dinge sind, die zusammengehören. Allein in Baden-Württemberg arbeiten knapp 470.000 Beschäftigte direkt oder indirekt für die Automobilindustrie. Die Mehrzahl davon sind IG-Metall-Mitglieder.

Sie bilden die Hochburg unserer Organisationsmacht. Ihre Beschäftigungsrisiken zu minimieren ist zentrale Aufgabe der IG Metall. Nur wenn wir sie lösen, werden wir auch in Zukunft mächtig genug sein, um gute Arbeitsbedingungen auch in anderen Branchen durchzusetzen.

Natürlich gehört zu einer sozial-ökologischen Verkehrswende mehr als die Umstellung des Individualverkehrs auf den Elektroantrieb. Die Städte müssen fahrradfreundlicher werden. Wir brauchen ausreichend Pendlerparkplätze und integrierte Verkehrssysteme, die den Wechsel vom Individual- zum Kollektiv- oder öffentlichen Personennahverkehr attraktiver machen.

Digitalisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz eröffnen hier ganz neue Möglichkeiten. Macht es überhaupt Sinn, jetzt mit dem Auto in die Stadt zu fahren, oder steige ich besser in die S-Bahn um, weil das Verkehrsaufkommen erhöht ist? Muss ich tatsächlich noch mein eigenes Fahrzeug besitzen, oder ziehe ich ein Fahrzeug auf Abruf vor, das bereitsteht und vielleicht auch schon autonom fährt?

Kurzfristig brauchen wir Lösungen, die die Mobilität derjenigen sichern, die sich nicht eben mal schnell ein neues Auto leisten können. Wer seinen Wagen so nachrüsten lässt, dass er die Grenzwerte einhält, muss vom Fahrverbot ausgenommen werden – dafür fordern wir die Einführung einer „blauen Plakette“.

Und mittelfristig brauchen wir auch den Diesel, weil er deutlich weniger CO2 ausstößt als vergleichbare Benziner. Die Stickoxid- und Feinstaubgrenzwerte werden von den Dieselmotoren der neuesten Generation im Übrigen auch problemlos eingehalten.

Fehlerhafte Umweltpolitik

Die IG Metall tritt ein für eine sozial-ökologische Mobilitätswende, die die Beschäftigungsrisiken ernst nimmt und Unternehmen wie Politik in die Pflicht nimmt. Angesichts der nicht zu Ende gedachten „Umwelt- und Verkehrspolitik“ der Bundesregierung müssen wir als Interessenvertreter der Beschäftigten viel mehr als bisher zum Impulsgeber für die entscheidenden Schritte Richtung Zukunft werden.

Aus der Tarifpolitik wissen wir, dass gute Argumente allein oft nicht reichen, damit man auf uns hört. Gesellschaftlicher Fortschritt muss erkämpft werden und ist eine Frage der Machtverhältnisse. Aber dass die IG Metall in der Lage ist, zukunftsweisende Richtungsentscheidungen durchzusetzen, hat sie vergangenes Jahr mit ihrer Arbeitszeitpolitik bewiesen.

Mit Möglichkeiten für mehr selbstbestimmtes Arbeiten – wie zum Beispiel einem Wahlrecht auf zusätzliche freie Zeit statt mehr Geld – haben wir den Nerv der Beschäftigten getroffen. Die Regelung wird in der Metall- und Elektroindustrie rege genutzt und dient mittlerweile auch anderen Branchen als Vorbild.

Nun geht es darum, die gesellschaftliche Debatte für eine sozial-ökologische Mobilitätswende voranzutreiben – in den Betrieben, den Kommunen und auf der Straße. Denn eines muss klar sein: Millionen Beschäftigte und Hunderttausende Autofahrer sollen nicht für die Versäumnisse der Politik und der Konzerne haften.

Manche Manager in den Chefetagen denken schon jetzt darüber nach, wie man sich die Investitionskosten der anstehenden Transformation durch Kürzungsprogramme bei den Beschäftigten zurückholen kann. Davor können wir nur warnen. Nur wenn es gelingt, die Verkehrswende sozial sicher und fair zu gestalten, werden die Menschen sie mittragen.

Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Die Verkehrswende geht uns alle an

0 Kommentare zu "Gastkommentar: Die Verkehrswende geht uns alle an"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote