Gastkommentar: Die Zinserhöhungen würgen die Start-up-Szene ab
Der Investor glaubt, dass der höhere Leitzins die Situation für die Start-up-Szene erschweren wird.
Foto: HandelsblattEigentlich waren sich alle einig: Volkswirte, Versicherer und Banken haben die jüngste Erhöhung des Leitzinses in der Euro-Zone auf breiter Front begrüßt. Beruhigung der Märkte, Erhöhung der Finanzstabilität und so. Doch in diesem Chor zufriedener Stimmen ist bislang untergegangen, was die Zentralbankentscheidung für die Start-up-Szene Europas und Deutschlands bedeutet.
Um es kurz zu machen: nichts Gutes. Der höhere Leitzins wird das schaffen, was Corona und Ukrainekrieg nicht vermochten: die Lebendigkeit eines Wirtschaftssektors abwürgen, auf den die politischen Eliten der Euro-Zone bei Sonntagsreden und ähnlich heiteren Anlässen immer so stolz sind – zu Recht übrigens.
Warum ist das so? Stärker noch als andere Branchen sind Start-ups von Finanzierungen abhängig. Von Finanzierungen, die jüngst bereits teurer geworden sind und nun noch einmal teurer – und damit seltener – werden. Schließlich wird es sich jeder zweimal überlegen, sein Geld in Hochrisikoanlagen zu stecken, wenn man anderswo bequeme Renditen damit erwirtschaften kann.
Wenig ist für den Standort Europa so wichtig wie ein blühendes Start-up-Ökosystem
Der höhere Leitzins wird eine schwierige Situation weiter erschweren. Selten kamen 0,5 Prozentpunkte so ungelegen. Denn die Entscheidung der EZB fiel ja nicht im luftleeren Raum: Gestiegene Produktionskosten und sinkende Konsumlust haben die ohnehin geringen Spielräume für Neugründungen schrumpfen lassen. Fällt jetzt auch noch Risikokapital in größeren Dimensionen weg, wird es düster.
Sich woanders das Geld holen wäre eine Idee, aber wo? Bei den Kunden? Schwierig, wenn die selbst mit Inflation und Zukunftsangst zu kämpfen haben. Bei den Banken? Kunden werden angesichts der Risiken entweder milde lächelnd abwinken oder eine Zinstabelle rüberschieben, mit der kein Start-up wirtschaften kann.
Wer beispielsweise ein Umlaufvermögen von 100 Millionen Euro in den letzten Jahren mit Zinszahlungen von 600.000 bis einer Million Euro günstig finanzieren konnte, muss nun mit etwas Pech dafür fünf Millionen Euro hinlegen.
In den meisten Branchen würde so etwas den operativen Gewinn (Ebit) killen. In einer Branche, die aus strategischen Gründen zumeist Wachstum vor Gewinn gesetzt hat, ist es eine ökonomische Unmöglichkeit.
Selbst schuld, höre ich es jetzt rufen: Was da in den letzten Jahren alles an angeblichen Milliardenbewertungen hochgejazzt worden ist, hat längst eine Kurskorrektur verdient. Das Argument ist naheliegend, aber falsch.
Es stimmt, wir haben Überbewertungen im Markt und durchaus nicht wenige. Aber zum einen trifft diese kalte Dusche nicht nur hochgepumpte Bewertungen, sondern alle. Es gibt Abertausende solide arbeitender, Wert schöpfender Start-ups, die keine überzogenen Bewertungen haben, aber jetzt ein handfestes Problem.
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Diese Mehrheit für die Auswüchse einiger büßen zu lassen ist nicht nur ungerecht, sondern auch höchst fahrlässig: Wenig ist für den Innovationsstandort Europa – und damit für unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit – so wichtig wie ein blühendes Start-up-Ökosystem.
Der Staat hat im Jahr 2009 auch der Autobranche geholfen
Zum anderen überkorrigiert die EZB nur ihre eigene Nachlässigkeit: Die EZB hat in der letzten Finanzkrise die Leitzinsen massiv gesenkt, um den Süden Europas zu stützen. Das war eine sinnvolle Maßnahme, um einen drohenden Kollaps letztlich der gesamten Euro-Zone abzuwenden.
Sie hat dann aber in den Jahren nach der Krise ihre Politik des billigen Geldes nicht langsam zurückgefahren, wie es vielleicht die Vernunft geboten hätte. Diese Politik hat Überbewertungen begünstigt.
Und jetzt, nachdem die Konjunktur durch eine mehrjährige Pandemie gestrauchelt ist und seit nunmehr einem Jahr einem Krieg in Europa trotzt, jetzt, ausgerechnet jetzt muss hart an der Zinsschraube gedreht werden!
Was also tun? Ich bin kein Freund von Staatshilfen. Aber die Situation hat sich geändert, und das Einzige, was meiner Meinung nach jetzt hilft, ist eine Zinskorrektur für die, die es wirklich brauchen. Der Staat sollte nun für Start-ups und Neugründungen ein Zinsentlastungsprogramm mit günstig refinanzierbaren Krediten auflegen – und diese schnell und unbürokratisch zur Verfügung stellen.
Schon einmal hat es in Deutschland in kritischer Situation staatliche Stützung eines kritischen Sektors gegeben – 2009 wurde mit der Abwrackprämie die Autoindustrie auf den Beinen gehalten. Ist das ideal? Nein. Aber die Situation ist es auch nicht.
Wir müssen nicht über die Frage streiten, ob die Leitzinserhöhung sinnvoll war oder nicht. Wir müssen stattdessen die Frage beantworten, ob wir jetzt helfen oder weiter abwürgen wollen.
Der Autor: Marcus Diekmann ist Transformationsberater und Start-up-Investor.