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Gastkommentar Diese drei Ideen könnten Städte vor dem Verkehrsinfarkt retten

Der Lieferverkehr gehört zu den größten Belastungen für die Innenstädte. Das muss aber nicht sein: Drei Ansätze für eine bessere Citylogistik.
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Diese drei Ideen könnten Städte vor dem Verkehrsinfarkt retten Quelle: dpa
Stau in Berlin

Eine gute innerstädtische Logistik könnte die Verkehrsbelastungen mindern.

(Foto: dpa)

Verkehrschaos und Luftverschmutzung plagen zunehmend die Innenstädte. Die Kommunen reagieren: Dieselfahrverbote, Citymaut, die Ausweitung verkehrsfreier Zonen, neue Fahrradwege und zum Teil auch die Zulassung von E-Scootern sollen die Auswirkungen des Verkehrs eindämmen.

Einzig die Belieferung der Innenstädte, die sogenannte Citylogistik, gilt bislang noch als „notwendiges Übel“. Wer lebendige Städte will, muss eben akzeptieren, dass die Brötchen zum Bäcker und die Kleidung zum Einzelhändler in den Innenstädten gelangen müssen.

Dennoch: Es gibt eine Reihe effizienter Hebel, um die Citylogistik zu verbessern und damit die Innenstädte zu entlasten. Schließlich wird der Warenverkehr heute in Großstädten auf rund ein Viertel des Gesamtverkehrsaufkommens geschätzt.

Zu diesem gehören Logistikdienstleister, die die lokale Wirtschaft versorgen, ebenso wie Paketdienste, die im Auftrag von Online-Händlern ihrer Arbeit nachgehen. Und das mit wachsender Tendenz: Im Jahr 2022 sollen deutschlandweit rund 4,3 Milliarden Pakete ausgeliefert werden, eine Milliarde mehr als 2017.

Idee 1: Emissionsfreie Antriebe

Intelligent gestaltete Warenverkehre können einiges zur frustfreieren Mobilität beitragen. Ein Ansatz beispielsweise wären emissionsfreie, leichte Lkws, die in der City eingesetzt werden. Die Crux: Sie sind bislang kaum zu bekommen. Während E-Autos inzwischen in Serie produziert werden, haben die Lkw-Hersteller zu lange auf die Schadstoffoptimierung der Dieselmotoren gesetzt.

Bernhard Simon ist Chef des Logistikunternehmens Dachser. Dachser ist mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Mitarbeitern eines der größten Logistikunternehmen Deutschlands und das größte in Familienhand.
Bernhard Simon

Bernhard Simon ist Chef des Logistikunternehmens Dachser. Dachser ist mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Mitarbeitern eines der größten Logistikunternehmen Deutschlands und das größte in Familienhand.

Die Folge: E-Lkws rollen nur in homöopathischen Mengen von den Bändern. Die Logistikdienstleister sind durchaus schon bereit, in batteriebetriebene Fahrzeuge zu investieren, sie können es aber schlicht nicht. Ich halte im Übrigen die E-Mobilität im Warenverkehr noch nicht für die endgültige Lösung. Die Wasserstoff-Brennstoffzelle als alternative Antriebstechnologie der Zukunft verspricht mehr. Es ist zu hoffen, dass die Lkw-Hersteller zumindest diese Technologie nicht verpassen.

Ein weiterer smarter Ansatz, der für bestimmte, leichtere und wenig voluminöse Waren Sinn macht, ist der Einsatz von Pedelecs – Lastenfahrräder, die die Warenbelieferung auf der letzten Meile übernehmen. Pionierversuche dazu laufen gut. Wir werden uns an diese Form der Innenstadtverkehre in den nächsten Jahren gewöhnen. Sie werden ganz selbstverständlich zum Stadtbild gehören. Pedelecs lassen sich mit handhabbaren E-Antrieben leicht und emissionsfrei motorisieren und heute schon mit bis zu 250 Kilogramm beladen – und die Entwicklung geht weiter.

Idee 2: Logistik als Aufgabe der Stadtplanung

Zu alternativen Lieferkonzepten für die Innenstadt gehört jedoch zwingend ein weiteres Element: Innerstädtische Mikrohubs, von denen aus die Logistiker ihre Fuhren kleinteilig distribuieren können. Solche zentralen Verteilstellen müssten künftig ein Bestandteil zukunftsorientierter Stadtplanung von Großstädten werden. Aktuell ist das leider noch zu selten der Fall.

Die südspanische Stadt Malaga ist da ein Vorreiter, indem sie einen Teil eines städtischen Parkhauses in einen solchen Mikrohub umgewidmet hat. In Stuttgart zum Beispiel bündeln wir unsere Sendungen zur innerstädtischen Verteilung auf einem ehemaligen Grundstück der Dinkelacker Brauerei. Dort haben wir 200 Quadratmeter Logistikfläche zur Verfügung.

Mit der Vermietung solcher Flächen können sich Kommunen sogar neue Geldquellen erschließen. Es ist dabei klar, dass nicht jeder Logistiker ein eigenes innerstädtisches Hub braucht oder bekommen kann. Deshalb sind auch Kooperationsmodelle denkbar.

Idee 3: Mobilitätsmanager in den Kommunen

Apropos Kommunen: Es fehlen in den Stadtverwaltungen ausgebildete Experten mit der Aufgabe, die sich um reibungslosere Verkehrskonzepte kümmern. Alle größeren Städte bräuchten Mobilitätsmanager, die sich auch im Bereich der Citydistribution auskennen und neue Konzepte und Technologien umsetzen.

Die TU Dresden forscht derzeit an einem hochinteressanten Projekt. In Echtzeit wird die komplette Verkehrslage der Stadt Dresden digital abgebildet. Aus solchen Modellen ergeben sich enorme Chancen, den Verkehrsfluss zu verbessern und Staus zu vermeiden.

KI-basierte Systeme berechnen auch aus historischen Daten, wie Leitsysteme die Verkehrsteilnehmer am besten lenken. Big Data steuert die Verkehrsschilder und gibt den Navis in den Fahrzeugen die richtige Streckenführung. Die Einführung solcher innovativer Verkehrsleitsysteme braucht aber auf Behördenseite die erwähnten Mobilitätsexperten.

Die intelligente Nutzung von Parkraum und Ladezonen würde auch in den Bereich einer solchen kommunalen Mobilitätsbehörde fallen. Die jährlichen Kosten für die Parkplatzsuche summieren sich allein in Deutschland auf über 40 Milliarden Euro, wenn man die Kosten für Suchzeit, Abgasbelastung und Kraftstoffverbrauch berücksichtigt.

In Ballungsräumen beträgt der Anteil des Parksuchverkehrs am gesamten Straßenverkehr rund 30 Prozent. Besonders die Citylogistik leidet an den chaotischen Parkverhältnissen, weil Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der Lieferungen nicht zu gewähren sind.

Ein digitales Parkraummanagement für Innenstädte müsste Ladezonen vorsehen, für die die Verwaltungen ebenfalls Geld verlangen könnten. Für buchbare Zeitfenster in Ladezonen wären Logistikdienstleister gerne bereit, Gebühren zu bezahlen. Denn der entsprechende Zeitgewinn rechnet sich.

Darüber hinaus könnten die Städte die bestehende Infrastruktur flexibler und intelligenter nutzen und den Warenverkehr stärker in die Stunden am frühen Morgen und späteren Abend verlegen, wenn die Citys nicht bereits vom restlichen Verkehr dicht sind.

Emissionsfreie leichte Lkws, Pedelecs, KI-gesteuerte Verkehrsleitsysteme, digitales Parkraummanagement und eine flexiblere, intelligentere Nutzung der bestehenden Infrastruktur – die Warenverkehre in Innenstädten lassen sich mit vielen Stellhebeln nachhaltig verbessern. Wir sollten erst diese Möglichkeiten ausschöpfen, statt zu viel über Verbote nachzudenken.

Mehr: Eine gemeinsame Citylogistik brächte erhebliche Entlastung. Weil sich die Paketdienste verweigern, ist der Staat gefragt. Doch noch gibt es nur Testläufe.

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