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Gastkommentar Drei Lektionen zur verschleppten Digitalisierung des Gesundheitssystems

Deutschlands Gesundheitssystem hinkt bei der Digitalisierung hinterher. Die Politik muss die Disruption endlich vorantreiben.
  • Brigitte Mohn
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Brigitte Mohn ist Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung. Quelle: Jan Voth [M]
Die Autorin

Brigitte Mohn ist Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung.

(Foto: Jan Voth [M])

Wird über die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens gesprochen, ist oft von „Disruption“ die Rede – als blickten wir nicht auf eine bereits zwei Jahrzehnte währende Geschichte der digitalen Umgestaltung zurück. Seit über 15 Jahren diskutieren und planen wir.

Die elektronische Gesundheitskarte sollte 2006 eingeführt sein, bisher jedoch spüren weder Patienten noch Mediziner oder die Kassen etwas von dieser Errungenschaft. Im internationalen Vergleich zeigt sich: Unser Gesundheitssystem hinkt hinterher. Die Politik muss endlich mutig die Segel Richtung „Digitalisierung“ hissen, statt im sicheren Hafen einen Kurs zu diskutieren, der versucht, alle Partikularinteressen zu berücksichtigen.

Die verschleppte Disruption hält drei Lektionen bereit, die es nun zu beherzigen gilt:

Erstens: Der Patient gehört auf die Brücke des Schiffs. Er ist nicht nur das Objekt des medizinischen Geschehens. Vielmehr sind es seine Präferenzen und seine Daten, die den Behandlungsprozess steuern. Mit der elektronischen Patientenakte ist er nicht mehr nur pro forma Eigentümer, sondern Besitzer seiner Gesundheitsdaten.

Ungeachtet der nationalen wie internationalen Diskussion darüber, ob persönliche Daten der zugehörigen Person als Eigentum zugeordnet werden können: Der Datenhoheit des Patienten sollte auch die Rechtsordnung Rechnung tragen, indem die Verfügungsrechte des Patienten über seine Daten auf allen rechtlichen Ebenen anerkannt werden.

Der Patient wird vom „blinden Passagier „zum „Kapitän“ des Behandlungs- hoffentlich auch des politischen Prozesses. Bei allem berechtigten Bemühen der unterschiedlichen Akteure um „Patientensteuerung“ sollten die Patienten also vor allem dazu befähigt werden, sich selbst zu navigieren.

Die Gesundheitspolitik muss das Monopol der Krankenkassen und Kassenärzte auf die Systemdaten, aber auch die internen Silos innerhalb der Institutionen auflösen. Brigitte Mohn – Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung

Schmal ist dabei der Grat zwischen einer mit Überforderung erkauften Selbstbestimmung auf der einen und dem Vertrauen in einen wohlmeinenden Paternalismus auf der anderen Seite.

Zweitens: Digitale Infrastrukturen sind von der Netzabdeckung bis hin zur Telematik im Gesundheitswesen ein Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie sind somit zentrale Aufgabe des Staates, die er auch im Gesundheitswesen nicht an die Akteure der Selbstverwaltung – also die Krankenkassen und Ärzte – abwälzen kann.

Die Digitalisierung des Gesundheitssystems ist demnach eine politische Gestaltungsaufgabe, die das Ziel verfolgen muss, dass die künftigen digitalen Gesundheitsangebote den Patienten an seinem ‚point of need‘ abholen. Aus der „Akte“ soll eine digitale Behandlungsplattform werden. Sie soll den gesamten Behandlungsprozess unterstützen und damit auch zum zentralen Kanal für Patienteninformationen werden.

Diese behandlungsrelevanten Inhalte sind ebenfalls Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und können nicht dem Markt oder Zufall allein überlassen bleiben.

Und schließlich: Wir wissen mittlerweile, dass für eine offene digitale Gesellschaft Transparenz und Informationsfreiheit unabdingbare Voraussetzungen sind. Diese europäische Werthaltung bildet gewissermaßen das Gegenmodell zu Daten- und Wissensmonopolen à la China oder Google.

Studien der Weissen Liste von der Bertelsmann Stiftung, die seit über 10 Jahren Informationslösungen an der Schnittstelle von Patienten, Leistungserbringern und Kostenträgern erforscht und realisiert, zeigen: Patienten wollen mehr wissen über die Behandlungsqualität oder das Angebot der medizinischen Leistungserbringer. So verlangen beispielsweise neun von zehn Befragten, dass Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen ihre Qualität offenlegen.

Die Gesundheitspolitik muss den Kulturwandel beim Umgang mit den Daten im Gesundheitswesen vorantreiben. Sie muss das Monopol der Krankenkassen und Kassenärzte auf die Systemdaten, aber auch die internen Silos innerhalb der Institutionen auflösen – unter Berücksichtigung des Datenschutzes der Patienten.

Dabei müssen mit Blick auf Big Data und Künstliche Intelligenz die Gewichte zwischen Datenschutz und Informationsfreiheit auch mit einem kritischen Blick auf den Grundsatz der Datensparsamkeit neu ausbalanciert werden. Der konkrete Patientennutzen und die notwendige Rechenschaftslegung der Gesundheitsanbieter sind Leitprinzipien einer solchen Abwägung.

Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens geht es um mehr als um die längst überfällige Anpassung von Hardware und Prozessen. Die digitale Transformation ist eine gesellschaftliche Herausforderung, verbunden mit dem Auftrag, die Patienten zu möglichst souveränen (Mit-)Gestaltern ihrer Versorgung zu machen.

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