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Gastkommentar Durch den Stopp von Mietzahlungen senden Konzerne ein fatales Signal

Milliardenunternehmen wie Adidas reihen sich in die Gruppe der Bedürftigen ein und setzen Mietzahlungen aus. Das Verhalten ist mehr als befremdlich.
  • Andreas Haug
01.04.2020 - 10:22 Uhr 1 Kommentar
Andreas Haug ist Partner bei Eventures. Quelle: Kelsey Schweickert (M)
Der Autor

Andreas Haug ist Partner bei Eventures.

(Foto: Kelsey Schweickert (M))

Etablierte Konzerne wie der Sportartikelhersteller Adidas oder die Modekette H&M kündigen an, laufende Mietverträge brechen zu wollen und wegen der Zwangsschließung ihrer Filialen in der Coronakrise sofort keine Miete mehr zu zahlen.

Schon gibt es die ersten Anwälte, die auch Start-ups mit Hinweis auf das Leistungsverweigerungsrecht einen solchen Vertragsbruch als clevere Idee zur raschen Verbesserung der Liquidität empfehlen – so geschehen von einem Kölner Anwalt bei der „Bits & Pretzels Virtual Founders Breakfast“-Videokonferenz mit mehr als 35.000 Teilnehmern.

Auch für seinen Youtube-Kanal versucht der Anwalt mit der reißerischen Verheißung „Ihr dürft Zahlungen verweigern“, Abonnenten anzuwerben. Der Rat des Advokaten: Man solle einfach Zahlungsverpflichtungen aus „Dauerschuldverhältnissen“ erst mal nicht nachkommen – also Mieten, Strom-, Telefonrechnungen, Abos oder Kredite zunächst nicht mehr zahlen.

Ja, es gibt Gesetze, die man missbräuchlich auslegen kann. Regierung, Bundestag und Bundesrat haben binnen weniger Tage in nie zuvor gekannter Entschlossenheit und Geschwindigkeit ein Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie verabschiedet.

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    Dieses Gesetz ermöglicht Verbrauchern, Kleinst- und Kleinunternehmen eine Existenzüberbrückung, wenn das wirtschaftliche Überleben unmittelbar gefährdet ist. Die Intention dieses Gesetzes ist unmissverständlich. Dass die Manager von Milliardenunternehmen sich in die Gruppe der Bedürftigen einreihen, ist mehr als befremdlich.

    Ein solches Verhalten ist völlig inakzeptabel, weil es nicht nur extrem egoistisch und kurzsichtig ist, sich in einer Krise direkt auf Kosten Dritter zu bereichern – es multipliziert auch das Problem und infiziert alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft. Es führt zu einem kaskadenartigen Systemkollaps.

    Verträge sind einzuhalten – „pacta sunt servanda“, wie es schon bei den Römern hieß. Man kann sicherlich in Extremsituationen nachverhandeln, aber eben nur im Konsens mit dem Vertragspartner.

    Unsere Gesellschaft hängt von der Wirtschaft ab – und Wirtschaft basiert auf Vertrauen. Wenn nun alle Wirtschaftsteilnehmer geschlossene Verträge und Verpflichtungen willkürlich brechen, entziehen wir unserem System die Grundlage und stürzen nicht nur ökonomisch, sondern unmittelbar auch gesellschaftlich ins Chaos. Wo das Recht nicht mehr respektiert wird, herrschen Anarchie und die Faust des Stärkeren. Alles, worauf unser Wertesystem basiert, steht dann zur Disposition! 

    Unsolidarisches Verhalten

    Grotesk wird es, wenn dieselben Juristen im gleichen Atemzug empfehlen, staatliche Corona-Hilfspakete in Anspruch zu nehmen. Erst auf die Solidarität der Gemeinschaft bauen, indem man Soforthilfe, Kurzarbeiterregelungen, KfW-Darlehen et cetera beantragt, um dann im nächsten Schritt seine eigenen Vertragsverpflichtungen gegenüber Wirtschaftspartnern zu brechen und damit andere in die Existenzkrise zu stoßen.

    Ein solches Verhalten ist unsolidarisch, moralisch verwerflich, illegal und systemerodierend. Und es steht im krassen Widerspruch zu der Hilfsbereitschaft und der Dankbarkeit für das medizinische System, die sich plötzlich auf den Balkonen unserer Gesellschaft immer stärker entwickeln.

    Die Krise justiert unser Wertesystem. Start-ups können dabei die Transformation beschleunigen, indem sie den Wettbewerb mit mutigen Innovationen und einem gelebten gesellschaftsverträglichen Wertesystem für sich entscheiden.

    Ein großer Teil der neuen Gründergeneration steht für Vielfalt, Kultur, Transparenz und Wissen. Sie fühlt sich der Gesellschaft verpflichtet, handelt solidarisch und übernimmt Verantwortung. Vielleicht das Fundament einer neuen „Sozialen Marktwirtschaft 4.0“.

    Die Zeit des Maximierungswahns und des brutalen Turbokapitalismus neigt sich dem Ende. Die neuen Unternehmereliten wollen Vorbild sein und mit ihren Produkten oder Services der Gesellschaft nutzen.

    Für viele zählt der Purpose, nicht allein der Cashflow. Die Zeit, in der Konzerne vor allem auf Renditen achteten und Recht, Vertrauen sowie den Wertkonsens aus purem Egoismus ignorierten, ist vorbei. Da helfen auch keine Konzern-Kulturprogramme, denn in der Krise zeigt sich das wahre Gesicht.

    Die Start-up-Szene wird sich klar gegen ein solches unsolidarisches Verhalten positionieren, nicht den Empfehlungen von Winkeladvokaten folgen und eben nicht mehr in Sneakern von Adidas oder Hoodies von H&M herumlaufen. Ein PR-GAU der Etablierten.

    Im Netz tobt bereits die Protestwelle. Schneller haben sich Marken noch nie ins Abseits manövriert. Und die Verbraucher werden dies bei ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen.

    Mehr: Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Coronakrise in unserem Newsblog.

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Durch den Stopp von Mietzahlungen senden Konzerne ein fatales Signal"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Vielleicht sollte hier im Handelsblatt einmal erklärt werden, warum und wie Mieteinnahmen grundsätzlich eine Basis unserer Gesellschaft darstellen - also nicht nur in der Art und Weise des spekulativen Handelns - sondern tatsächlich im Lebensweg einer Immobilie.
      Wir könnten ja schließlich annehmen, dass die so genannten Großen um diese Bedeutung wissen müssten.

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