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Gastkommentar Durchschnittswerte erfassen nicht immer das, was man wissen will

Durchschnittwerte sind keine Ursachen. Wir sollten anfangen, die Ereignisse selbst zu zählen, und uns nicht auf Statistiken verlassen, die den Durchschnitt bilden, meint Wolfgang Münchau.
10.07.2021 - 09:58 Uhr 1 Kommentar
Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com. Quelle: Klawe Rzeczy
Der Autor

Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Die Aussage, dass die Temperatur der Erde um zwei Grad steigen könnte, erfasst nicht all das, was damit im Zusammenhang steht. Der Durchschnittswert „zwei Grad“ erklärt nicht, was er in Bezug auf Wetterextreme und die Auswirkungen auf das Leben der Menschen bedeuten würde. Warum reden wir also immer noch über Durchschnittswerte?

Der Klimawandel wird durch einen Anstieg der globalen Temperaturen verursacht. Er wird nicht durch einen Durchschnitt verursacht. Der Durchschnitt ist eine Statistik, eine von vielen. Manchmal ist er sogar ein soziales Konstrukt. Wir messen den Durchschnitt, weil wir es können, weil es einfach ist, und in manchen Fällen, weil es erlaubt, Ansichten zu manipulieren.

Der Durchschnitt ist nicht die Ursache von irgendetwas. Wenn Sie wollen, dass die Menschen die Auswirkungen des Klimawandels begreifen, ist es das Allerschlimmste, wenn Sie anfangen, von einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von zwei Grad zu sprechen.

Experten verwenden Durchschnittswerte und andere Statistiken, um komplexe Datensätze zu verstehen. Aber wenn man in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit über den Klimawandel spricht, sollte man sich auf Extreme konzentrieren, nicht auf Durchschnittswerte: hohe Temperaturen, Überschwemmungen, Stürme und Dürren.

Ich erinnere mich, dass ein Zeitungskolumnist einmal sinnierte, dass ein globaler Temperaturanstieg von zwei Grad für Großbritannien ganz nett wäre – eine Aussage, die schon für sich genommen falsch ist. In Großbritannien würde das zu massiven Überschwemmungen und Umsiedlungen führen.

Nicht die Durchschnittstemperatur ist verantwortlich für extreme Wetterereignisse

Die extremen Wetterereignisse und die Folgen davon haben nicht stattgefunden, weil die Durchschnittstemperaturen gestiegen sind, sondern, weil die tatsächlichen Temperaturen gestiegen sind. Die höchste gemessene Temperatur in der kanadischen Provinz British Columbia lag in der vergangenen Woche bei 49,6 Grad Celsius – und war die höchste jemals gemessene lokale Temperatur.

Zeitweise loderten in British Columbia mindestens 184 Feuer. Quelle: AP
Waldbrand in Kanada

Zeitweise loderten in British Columbia mindestens 184 Feuer.

(Foto: AP)

Extreme Hitze und Winde haben am vergangenen Wochenende zu extremen Waldbränden geführt. Schweres Wetter erzeugt schweres Wetter. Das ist es, was gemessen werden muss. Die durchschnittliche Temperatur in Kanada in diesem Jahr ist eine vergleichsweise irrelevante Statistik.

Das Problem mit Statistiken, besonders in politischen Debatten über Themen wie den Klimawandel, ist nicht, dass Menschen absichtlich lügen. Auch wenn das ebenfalls vorkommt.

Ich glaube, dass die meisten Menschen, die sich auf Statistiken berufen, dies in gutem Glauben tun. Ihr Fehler ist, dass sie nicht wissen, was sie tun, und dass sie komplexe Argumente auf der Basis von fadenscheinigen Daten und bedeutungslosen Statistiken aufbauen.

Einige der schlimmsten Übeltäter sind Wirtschaftswissenschaftler und politische Analysten. Bewaffnet mit einem 0815-Statistik-Kurs sind sie besonders anfällig dafür, die Werte einfach zu übernehmen.

Durchschnitt erfasst nicht immer das, was man wissen muss

Nach dem Brexit-Referendum habe ich immer ein Beispiel für die Lücke zwischen zwei Statistiken angeführt: eine, die von Ökonomen über die durchschnittlichen Einkommen in Großbritannien verwendet wurde, die in den Jahren vor dem Brexit gestiegen waren.

Die andere wurde von Soziologen über das verfügbare Haushaltseinkommen verwendet, das nach Teilen der Bevölkerung auf einer Einkommensskala geordnet war. Letzteres zeigte, dass nur die Allerärmsten und die Allerreichsten besser abschnitten.

Die mittlere Gruppe – die in der Mitte der Einkommensskala – erlebte einen Rückgang des verfügbaren Einkommens im vergangenen Jahrzehnt. Diese Statistik ist sicher nicht die einzige Erklärung, aber sie verhindert, dass man im Narrenparadies stecken bleibt, in dem der Durchschnitt signalisiert, dass alles in Ordnung ist.

Auch die Inflation ist eine Durchschnittskennzahl. Die Zentralbanken haben gute Gründe, die Durchschnittsrate zu stabilisieren und nicht den Preis von Erdbeeren. Aber sie haben immer Schwierigkeiten wegen einiger volatiler Preise.

Deshalb verwenden die Experten Metriken wie die Kerninflation. Das sollten sie auch. Der Durchschnitt ist eine sehr durchschnittliche Statistik. Er ist gelegentlich nützlich, aber wenn man ihn am meisten braucht, ist es wahrscheinlich, dass er nicht erfasst, was man wissen muss.

Ereignisse und nicht Statistiken betrachten

Beim Klimawandel sind das Problem mit den steigenden Temperaturen die dynamischen Effekte. Was passiert, ist, dass der Temperaturanstieg mit einem komplexen dynamischen System interagiert und Dominoeffekte erzeugt.

Die Folgen sind zum Teil extreme Temperaturen, Dürren, Wassermangel in einigen Teilen der Erde, extreme Regenfälle und Überschwemmungen in anderen, ein Rückgang der Artenvielfalt und massive Schäden an unseren Ozeanen.

Das UN-Büro für Katastrophenvorsorge hat einen Anstieg der Naturkatastrophen um 83 Prozent zwischen dem 20-Jahres-Zeitraum 1980-99 und 2000-19 verzeichnet. Die Zahl der großen Überschwemmungen hat sich verdoppelt, und die Zahl der schweren Stürme ist um 40 Prozent gestiegen.

Also, das nenne ich Statistik. Sie sagen mir immer noch nicht alles, was ich wissen muss, zum Beispiel, ob die Fluktuation zwischen den beiden Zeiträumen höher ist als zwischen den vorherigen Zeiträumen.

Aber wir sollten besser anfangen, die Ereignisse selbst zu zählen, und uns nicht auf Statistiken verlassen, die den Durchschnitt bilden.

Der Autor ist Direktor von www.eurointelligence.com

Mehr: Die Industrie warnt vor erheblichen Risiken der EU-Klimastrategie.

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1 Kommentar zu "Gastkommentar: Durchschnittswerte erfassen nicht immer das, was man wissen will"

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  • Wichtiger und sehr lesenswerter Gastkommentar von Herrn Münchau.

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