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Gastkommentar Ein Plädoyer für die Sichtbarkeit von Frauen

Männer spielen in Unternehmen, Medien und Forschung meist die erste Geige. Das muss sich ändern, fordert Marie-Christine Ostermann.
09.07.2021 - 13:00 Uhr 2 Kommentare
Marie-Christine Ostermann ist geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittelgroßhändlers Rullko und Mitgründerin von Startup Teens. Sie gehört laut Handelsblatt-Ranking zu den Top-100-Frauen, die Deutschland voranbringen. Quelle: imago/Horst Galuschka
Die Autorin

Marie-Christine Ostermann ist geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittelgroßhändlers Rullko und Mitgründerin von Startup Teens. Sie gehört laut Handelsblatt-Ranking zu den Top-100-Frauen, die Deutschland voranbringen.

(Foto: imago/Horst Galuschka)

Sichtbarkeit scheint die neue Währung unserer Zeit zu sein. Bist du nicht sichtbar, findest du nicht statt. Ist dem wirklich so?

Fakt ist, wir klagen oft über zu wenige Frauen in Führungspositionen, zu wenige Frauen, die in Deutschland ein eigenes Unternehmen gründen und zu wenige Frauen in bestimmten Branchen. Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben, aber einer der Gründe ist, dass es zu wenige Frauen gibt, die sichtbar sind.

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass Männer in unserer heutigen Welt sichtbarer sind als Frauen. Zum Weltfrauentag veröffentlichte „Der Spiegel“ eine eigene Auswertung, die zeigte, dass Männer sehr viel häufiger in Berichten erwähnt werden als Frauen. Egal, ob es sich um Politiker:innen, Prominente oder „ganz normale Menschen“ handelt. In die Auswertung flossen rund 40.000 Texte eines Jahres ein. Das Ergebnis: 107.000 Männer, aber nur 28.000 Frauen kamen zu Wort.

Auch die MaLisa-Stiftung, die 2016 von Maria und Elisabeth Furtwängler ins Leben gerufen wurde, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen, untersuchte im Rahmen der Covid-Berichterstattung, wie viele männliche und weibliche Expert:innen in den Medien zitiert wurden. Sie analysierten TV-Formate von ARD, ZDF, RTL und Sat 1 sowie die Onlineberichterstattung von Printmedien.

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    Das Ergebnis war ähnlich ernüchternd: In Zeitungen, Onlinemedien und im TV kommen deutlich weniger Virologinnen als Virologen zu Wort.

    In den TV-Formaten war lediglich eine von fünf Expert:innen weiblich, rund 22 Prozent. Noch schockierender: In den Onlineberichten sank die Zahl auf nur noch sieben Prozent. Als Mediziner:innen kamen in der Covid-Berichterstattung ebenfalls vor allem Männer zu Wort – obwohl die Hälfte aller Ärzt:innen weiblich ist.

    Wie kann es sein, dass kaum weibliche Expert:innen zu Wort kommen? In Zusammenhang mit der MaLisa-Auswertung wurde unter anderem die Virologie-Professorin Melanie Brinkmann von der Technischen Universität Braunschweig zitiert: „Man könnte mal in Erfahrung bringen, wie viele Professuren/Gruppenleiterpositionen in der Virologie mit Frauen besetzt sind. Das sind nicht allzu viele. Zudem sind viele Frauen zurückhaltender als Männer, trauen sich oft weniger zu und wollen nicht im Rampenlicht stehen. Frauen denken oft: ,Es gibt doch bestimmt jemanden, der besser geeignet ist als ich.‘“

    Ein Stalker verfolgt mich bis heute

    Sehr treffende Argumente! Wir haben zu wenig Frauen in Führungspositionen. Das ist in vielen Branchen so, auch in der Medizin. Das verringert schon mal von Grund auf die Chancen, dass Frauen in den Medien sichtbar werden. Das Argument lasse ich gelten.

    Was ich nicht gelten lasse, ist das Argument: „Es gibt doch bestimmt jemanden, der besser geeignet ist als ich.“ Liebe Frauen: Wie sollen wir denn sichtbarer werden, wenn wir aus Angst davor, etwas Falsches zu sagen, gar nichts sagen?

    Von 2009 bis 2012 stand ich als Bundesvorsitzende von „Die jungen Unternehmer“ das erste Mal im Rampenlicht. In dieser Zeit trat ich in zahlreichen Talkshows auf – daher kann ich einschätzen, wie es ist, live im deutschen Fernsehen zu diskutieren. Man braucht Know-how, aber auch Schlagfertigkeit. Letzteres ist eine Frage der Übung. Mein erster TV-Auftritt war sicher nicht so souverän wie spätere. Aber irgendwo müssen wir ja mal anfangen.

    2014 und 2015 engagierte ich mich in der nordrhein-westfälischen FDP als Landeschatzmeisterin. Ich war weiterhin sehr präsent in den Medien. Genau zu dieser Zeit fiel ich erstmals einem Mann auf, den ich seither nicht mehr loswerde. Ein Stalker. Bis heute, also seit sieben Jahren, schrieb er mir mehr als 2200 E-Mails, schickte bergeweise Briefe und Pakete. Ich bin zwischenzeitig sogar umgezogen.

    Die Prozesse gegen den Stalker zogen sich über viele Jahre hin. Im Mai 2020 wurde zum wiederholten Mal entschieden, dass er für acht Monate ins Gefängnis muss. Im Herbst 2020 wurde er rechtskräftig zu weiteren sechs Monaten Haft verurteilt – bis Mai 2021 blieb er auf freiem Fuß. Auch aus dem Gefängnis heraus belästigte er mich weiter und schickte mir insbesondere seit Veröffentlichung des Buchs „Zukunftsrepublik“, dessen Mitherausgeberin ich bin, massenweise Post.

    Der rüde Ton schreckt ab

    Die Justiz motivierte das nicht, irgendetwas zu beschleunigen. Auch die Nachricht, dass er zum zweiten Mal einsitzt, bekam ich erst auf Nachfrage der Medien bei der Staatsanwaltschaft. Soll ich mich deswegen aus dem öffentlichen Raum zurückziehen und mich nicht mehr gesellschaftlich engagieren? Ganz bestimmt nicht! Über das Problem zu reden und weiterzukämpfen ist der bessere Weg. Das tue ich.

    Seit ein paar Monaten habe ich LinkedIn für mich entdeckt. Im Businesskontext die Plattform, auf der ich mich wohlfühle. Und da der Stalker mich über mein berufliches Engagement entdeckt hatte, sprach ich auch auf LinkedIn über ihn. Ich nutzte meine Sichtbarkeit dafür, das Thema öffentlich zu erörtern. Im Nachgang zu meinem Post kontaktierten mich verschiedene renommierte Zeitungen, auch das Handelsblatt.

    Deshalb greife ich in diesem Beitrag auch das Thema Sichtbarkeit von Frauen ganz bewusst auf. Ich nutze meine Sichtbarkeit dafür, die Themen zu diskutieren, die mir wichtig sind, beispielsweise Entrepreneurship Education, Unternehmertum und eine Umgestaltung unseres Bildungssystems für die Visionäre von morgen.

    Viele Frauen, mit denen ich spreche, scheuen Sichtbarkeit nach wie vor. Aus unterschiedlichen Gründen. Die Argumente reichen vom sogenannten Imposter-Syndrom, also massiven Selbstzweifeln, bis hin zu: „Ich will meine Arbeit für mich sprechen lassen.“ Aber auch der raue bis rüde Ton wird als Grund genannt, warum Frauen sich nicht auf Social-Media-Kanäle trauen.

    Sichtbarkeit bringt Macht

    Was diese Frauen dabei völlig unterschätzen ist einerseits die Macht, die Sichtbarkeit mit sich bringen kann, und andererseits der Effekt, den Sichtbarkeit auf jüngere Frauen hat. Denn letztlich ist jede sichtbare Frau gleichzeitig ein Vorbild – sie lässt uns an ihrer Expertise, aber vor allem ihren Erfahrungen teilhaben. Sie ist wie eine öffentliche Mentorin.

    Vor allem Letzteres sollte Grund genug sein. Wir erinnern uns an mein Eingangsstatement: „Wir haben zu wenig Frauen…“ Das wird auch in Zukunft so bleiben, wenn wir Frauen es nicht ändern und Männer die erste Geige spielen lassen. Ich verstehe, dass der raue bis rüde Ton die eine oder andere Frau abschreckt. Das merke ich sogar auf LinkedIn. Dennoch ziehe ich mich nicht zurück. Im Gegenteil.

    Ich thematisiere diese Entwicklungen und spreche auch Dinge an, von denen ich weiß, dass sie eine kontroverse Diskussion auslösen werden. Wichtig ist, dass wir in den Diskurs gehen, dass wir sichtbar sind. Die Alternative ist, dass weiterhin vor allem Männer in den Medien als Experten zitiert werden. Das aber ist nicht repräsentativ für unsere Gesellschaft.

    Frauen leisten jeden Tag unglaublich viel – da sollten wir doch in der Lage sein, in unserem beruflichen Kontext ein Zitat für eine Zeitung oder eine TV-Sendung zu geben. Oder etwa nicht?

    Die Autorin: Marie-Christine Ostermann ist geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittelgroßhändlers Rullko und Mitgründerin von Startup Teens. Sie gehört laut Handelsblatt-Ranking zu den Top-100-Frauen, die Deutschland voranbringen.

    Mehr: Der Weg für Familienauszeiten in Vorständen ist frei

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    2 Kommentare zu "Gastkommentar : Ein Plädoyer für die Sichtbarkeit von Frauen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Was für ein Dogma! Was für ein Aktionismus. Warum MUSS sich das ändern?
      Wichtig ist, das die Medien, Forschung und Wirtschaft am Standort Deutschland und in der EU erfolgreich sind und Frauen die gleichen Chance bieten. Das war es!!

    • Warum muss sich das ändern?
      Das Ansehen von Frauen im Allgemeinen wird durch das unglaubliche Versagen der Quotenfrauen auf allen Ebenen in Politik und Wirtschaft stark beschädigt.
      Gerade kompetente Frauen sollten energisch drauf achten, dass die Quotenpfeifen versteckt werden.

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