Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Eine europäische Cloud würde Europas Rückstand zementieren

Staaten streben nach digitaler Souveränität. Doch weil sie immer noch mit nationalen Grenzen verknüpft ist, kann das im Cloud-Zeitalter problematisch sein.
1 Kommentar
Die Autorin ist Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland. Quelle: Microsoft, M
Sabine Bendiek

Die Autorin ist Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland.

(Foto: Microsoft, M)

Als die Herrscher der europäischen Mächte 1648 den Westfälischen Frieden schlossen, beendeten sie damit den Dreißigjährigen Krieg und begründeten das Konzept der nationalen Souveränität. Sie legten fest: Jeder Staat soll die Hoheit haben über sein Territorium und seine inneren Angelegenheiten, in die andere Staaten sich nicht einzumischen haben.

Heute fordert die Digitalisierung den staatlichen Souveränitätsanspruch heraus. Wo Daten und Informationen Grenzen in atemberaubender Geschwindigkeit überschreiten, geraten staatliche Hoheit und Kontrolle unter Druck.

Es ist legitim, dass Staaten nach digitaler Souveränität streben. Doch sie müssen an den richtigen Stellen ansetzen. Allzu oft orientieren sich Vorschläge an der bald 400 Jahre alten Idee, dass Souveränität anhand von Territorium und nationalen Grenzen definiert werden kann. Im Cloud-Zeitalter könnte dieser Weg problematischer kaum sein.

Derzeit machen Forderungen nach einer deutschen oder europäischen Cloud die Runde. Telekom-Chef Timotheus Höttges etwa plädierte kürzlich für eine „komplette europäische Cloud-Infrastruktur mit Rechenzentren in verschiedenen europäischen Ländern und vor allem der dazugehörenden Entwicklung europäischer Software“.

Entscheidungs- und Handlungsfreiheit machen den Kern digitaler Souveränität aus. Doch in Zeiten globaler Datenströme bemessen sich diese eben nicht an nationalen Grenzen, sondern an technologischen Kompetenzen: dem notwendigen Wissen für unabhängige Entscheidungen und den erforderlichen Fähigkeiten für selbstbestimmtes Handeln.

Konkret bedeutet das: Staaten müssen sicherstellen, dass Cloud-Anwendungen für Regierung, Parlament und Behörden dem Einfluss anderer Staaten oder Unternehmen entzogen sind. Sonst können externe Akteure die Entscheidungen eines Staates durch Manipulation von Daten beeinflussen – oder sein Handeln durch Abschaltung einer Cloud lahmlegen. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat gezeigt, wie technologische Abhängigkeit in politischen Auseinandersetzungen zur Falle werden kann.

Europa hilft keine eingezäunte Cloud

Souveränität ist mehr als nur Datensicherheit. Zusätzlich benötigt sie eine leistungsfähige IT-Infrastruktur sowie die Beherrschung von Schlüsseltechnologien. Die Förderung von Künstlicher Intelligenz (KI) ist daher sinnvoll. Europa braucht eine große Qualifizierungsoffensive: Staaten wie Unternehmen suchen händeringend nach Digitalprofis, es fehlen Zehntausende IT-Fachkräfte. Was Europa nicht hilft: eine eingezäunte Cloud.

Es würde viel Zeit und jede Menge Geld kosten, eine eigenständige europäische Cloud komplett neu zu bauen. Also eine ausgereifte und frei verfügbare Technologie noch einmal zu erfinden – ohne dass damit gesichert wäre, dann mit den um ein Jahrzehnt enteilten Technologieführern mithalten zu können. Geld wie Programmierer würden an anderer Stelle fehlen.

Denn die Herausforderungen der Digitalisierung sind so vielfältig wie immens: von KI über 5G und Quantencomputer bis Kryptografie.

Der beste Treiber für Innovation ist freier Wettbewerb – die beste Lösung setzt sich durch. Eine abgeschottete europäische Cloud stünde nicht in diesem Wettbewerb. Das birgt das Risiko technologischer Rückstände. Sicherheitsdefizite würden den Souveränitätsanspruch konterkarieren, Leistungsdefizite den europäischen Rückstand bei der Digitalisierung zementieren.

Auch Microsoft hat bereits eine „deutsche“ Cloud angeboten. Interessanterweise sah die Wirtschaft diese kritisch: Der Preis einer abgeschotteten Cloud ist, dass die Unterstützung international aufgestellter Unternehmen weit schwieriger wird. Deutsche Unternehmen haben längst in den Cloud-Modus geschaltet, drei Viertel nutzen sie bereits. Wenn die Verwaltung nicht Schritt hält, drohen auf Dauer Nachteile für den Standort Deutschland. Verwaltungen brauchen keine globale Verfügbarkeit, doch auch sie müssen schleunigst Cloud-Kompetenzen aufbauen.

Die EU-Kommission rügte gerade, dass die deutsche Verwaltung bei der Digitalisierung hinterherhinkt. Am schnellsten kommt sie auf die digitale Überholspur, wenn sie auf führende Lösungen zurückgreift und so anpasst, dass sie fremdem Zugriff entzogen sind. Technisch ist es möglich, Cloud-Infrastrukturen autark zu gestalten – also so, dass der Betreiber erstens keinen Zugriff auf die Daten in der Cloud hat und zweitens die Plattform selbst unabhängig läuft. Sie kann nicht von außen „abgeschaltet“ werden.

Die Chance für Deutschland und für Europa liegt nicht etwa in der Abschottung, sondern in der Gestaltungsfreiheit.

Mehr: Sicherheitsbedenken gegen US-Konzerne lassen die Bundesregierung aktiv werden. Ziel ist eine europäische Cloud – und damit digitale Selbstbestimmung.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Eine europäische Cloud würde Europas Rückstand zementieren

1 Kommentar zu "Gastkommentar: Eine europäische Cloud würde Europas Rückstand zementieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrte Sabine Bendiek,
    "mit den um ein Jahrzehnt enteilten Technologieführern mithalten zu können" - dieser Satz ist einfach nur FALSCH. In Europa gibt es sehr wohl Technologieführer wie SOPRA, Cancom, Bechtle, SAP, die ALLE sehr wohl mit den großen technologisch mithalten können!
    Das Problem ist eher das amerikanische Unternehmen ein extrem gutes Marketing und Vertriebs-Verhalten zeigen und sich aus schier unendlichen finanziellen Töpfen bedienen können.
    Die europäischen Programmierer/Entwickler/Firmen sind technologisch SUPER. Nur die Förderung klappt nicht. Es gibt extrem viel Bürokratie und die Gewinne werden hoch besteuert, während nicht europäische Firmen sich über Steueroasen wie Niederlande sehr günstig um die Besteuerung der Gewinne drücken können.
    IHR ZENTRALER SATZ IST FALSCH - DIE EUROPÄER KÖNNEN!!!! technologisch