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Gastkommentar Energydrink statt Baldrian: Vier Ängste, die die Wirtschaft 2019 überwinden kann

Handelskonflikt, Automatisierung, Klimaschutz – steht die deutsche Wirtschaft am Abgrund? Im Gegenteil. Warum es Anlass für gesunden Optimismus gibt.
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Christian Böllhoff ist geschäftsführender Gesellschafter des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos. Sie erreichen ihn unter gastautor@handelsblatt.com
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Christian Böllhoff ist geschäftsführender Gesellschafter des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos. Sie erreichen ihn unter [email protected]

Ob Euro-, Klima- oder Flüchtlingskrise, ob Renten-, Bildungs-, Wirtschafts- oder Wohnraumkrise – Krisen sind scheinbar überall. Zeit für ein Tässchen Baldriantee? Nein. Aber Grund, sich mit nüchternem Blick die langfristigen Folgen der aktuellen Ereignisse anzusehen. Drehen wir die Krisengeräusche also für einen Moment leiser und schauen auf die Erkenntnisse aus der Zukunfts- und Wirtschaftsforschung. Hier sind vier Befürchtungen, die Sie ab 2019 getrost anderen überlassen können.

Befürchtung Nummer eins: Die deutsche Wirtschaft schrumpft. Das Gegenteil ist richtig: Deutschlands Wirtschaft wächst. Verglichen mit den vergangenen 20 Jahren bleibt das Tempo bis 2045 fast unverändert. Die Kurve flacht am Ende des Prognosezeitraums lediglich ab. Das hat zwei Gründe: den demografischen Wandel und die Produktivität.

Bis 2025 sinkt die Zahl der 20- bis 64-Jährigen, also derjenigen, die beruflich tätig sind, im Vergleich zu 2016 um fast zwei Millionen. In 25 Jahren werden es sieben Millionen weniger sein, das sind 14 Prozent. Gleichzeitig steigt aber die Produktivität. Weniger Menschen produzieren mehr. Ein Erwerbstätiger wird rund 100.000 Euro erwirtschaften – gut zwei Drittel mehr als heute. Das Wirtschaftswachstum wird bis dahin bei rund 1,3 Prozent pro Jahr liegen.

Befürchtung Nummer zwei: Der Handelskonflikt mit den USA stürzt uns ins Unglück. Wir haben durchgerechnet, welche Folgen ein größerer Handelsstreit mit den USA haben könnte. Die Folgen für die deutsche Wirtschaft wären heftig, bedeuten aber kein dauerhaftes Unglück. Natürlich verpasst der Konflikt der exportorientierten deutschen Wirtschaft einen Dämpfer, sogar einen erheblichen.

Schließlich sind die USA ihr größter Absatzmarkt außerhalb Europas. Vor allem die Auto- und die Metallindustrie könnte es empfindlich treffen. Ein schwächerer Außenhandel wiederum hinterlässt seine Spuren beim Wirtschaftswachstum. Daher wäre es zweifelsohne das Beste, wenn es erst gar nicht so weit käme.

Gesamtwirtschaftlich und auf lange Sicht betrachtet ist jedoch auch Beruhigendes zu erkennen. Denn in dem von uns modellierten Szenario würde das Wachstum verhältnismäßig wenig gebremst, konkret um 0,5 Prozent. Unter anderem deshalb, weil Unternehmen ihre Absatzmärkte verlagern. Handelskonflikte bremsen die Globalisierung, stoppen sie aber nicht.

Befürchtung Nummer drei: Die Ausgaben für den Klimaschutz brechen uns das Genick. Eine Energie- und Klimastrategie, die ihre Ziele erreicht, wird spürbar unser Wirtschaften verändern. Angst ist hier jedoch der falsche Ratgeber. Stattdessen hilft eine nüchterne Betrachtung: Es handelt sich um einen Strukturwandel, von dem einige wenige Branchen negativ betroffen sind.

Demgegenüber stehen leistungsfähige Branchen mit großen Chancen in Zukunftstechnologien. Die gesamtsystemischen Kosten des Umbaus sind mit rund 20 Milliarden Euro pro Jahr knapp halb so hoch wie die Verteidigungsausgaben und fördern zudem nachhaltig das Wachstum. Klimaschutz und Energiewende sind nicht Bürde, sondern Chance – mit zahlreichen Möglichkeiten insbesondere für die deutsche Industrie.

Befürchtung Nummer vier: Roboter werden die Hälfte unserer Jobs vernichten. Fraglos, die Digitalisierung krempelt die Arbeitswelt um. Viele Tätigkeiten werden bald von Software erledigt. Jobs fallen weg, Berufe verschwinden. Schwarzmaler machen jedoch einen Denkfehler: Sie setzen das Automatisierungspotenzial mit möglichen Beschäftigungseffekten gleich.

Wer sich die Geschichte großer Umbrüche anschaut, erkennt jedoch: Jede technologische Revolution hat nicht bloß Millionen Jobs zerstört, sondern auch Millionen neuer Stellen hervorgebracht. Auch die Digitalisierung wird viele Tätigkeiten schaffen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, im Gegenteil: In 20 Jahren haben wir eine halbe Million weniger Arbeitslose als heute. Die Jobs aber werden andere sein. Daher müssen wir ständig lernen und Unternehmen ihre Mitarbeiter kontinuierlich weiterbilden. Außerdem müssen die sozialen Sicherungssysteme der neuen Arbeitswelt angepasst werden. Wir können das bejammern. Oder daran arbeiten, zu den Gewinnern zu gehören.

Digitalisierung ist jedenfalls kein Damoklesschwert, dem wir nicht entkommen können. Sie lässt sich gestalten. Wir entscheiden, wohin wir uns entwickeln. Also Schluss mit dem Krisen-Geraune. Mein Rat für 2019: auf Baldriantee verzichten und sparsam mit dem Champagner umgehen. Lassen Sie uns lieber einen Energydrink nehmen und uns ans Werk machen.

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