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Gastkommentar Entscheidungsträger sollten den Facebook-Coin ernst nehmen

Politiker und Unternehmenslenker müssen zur Kenntnis nehmen, dass digitale Währungen wie Libra mehr sind als irgendein neuartiger Internethype.
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Die Autorin ist Chefin und Co-Gründerin von Immutable Insight, einer Blockchain-Analytics- Firma, und Aufsichtsrätin in der Fürstlich Castell’schen Bank. Bildquelle: Oliver Betke/Immutable Insight [M]
Facebook-Coin

Die Autorin ist Chefin und Co-Gründerin von Immutable Insight, einer Blockchain-Analytics- Firma, und Aufsichtsrätin in der Fürstlich Castell’schen Bank.

Bildquelle: Oliver Betke/Immutable Insight [M]

Es ist nicht lange her, da ging ein leises Raunen durch Deutschland: Was? Facebook schafft eine eigene Kryptowährung auf den Markt? Monatelang hatte das Gerücht kursiert, diese Woche wurde es offiziell: Das Unternehmen will „Libra“ als eigenes Zahlungsmittel erschaffen, das auf der Blockchain-Technologie basiert und mit einem Reservefonds aus verschiedenen Währungen wie Dollar oder Euro verknüpft wird. So sollen Wertschwankungen vermieden werden.

Reflexhaft wurde die Nachricht vor allem als erneuter Ermächtigungsversuch eines ohnehin schon übermächtigen Giga-Konzerns der Digitalwelt betrachtet. Bereits jetzt ähnele Facebook „einem Staat mit riesiger Einwohnerzahl, eigenen Gesetzen, eigener Polizei und eigenen Diplomaten“, verfällt „Spiegel Online“ in dystopische Untergangsstimmung. „Von einer Gefahr für den Staat“ berichtet der Deutschlandfunk, und die Finanzszene macht einen „Angriff auf die Bankenwelt“ aus.

Nun, Libra ist ganz sicher keine verrückte Schnapsidee des ewig jugendlichen Wirtschaftsrebellen Mark Zuckerberg, wie etwa das „Managermagazin“ nahelegt: „Humor hat er!“ So mag vielleicht auch mancher gestandene Manager denken, der aus alter Gewohnheit die Nachricht von Neuerungen vorschnell mit einem lässigen „Das wird eh nix“ abtut.

Doch solche Ignoranz ist genauso wenig angebracht wie die Ohnmachtshaltung derjenigen, die sich mit dem Seufzer „Gegen die kann man eh nicht mehr gewinnen“ in ihrem Sessel zurücklehnen.

Augen auf, Leute! Europas Wahrnehmung muss endlich weiter reichen als bis zum eigenen analogen Tellerrand. Facebook ist beileibe nicht der Anfang. Die chinesischen Anbieter Alipay und WeChat sind bereits global vertreten, Amazon mischt in Indien den digitalen Zahlungsmarkt auf.

Und Facebooks neuer Coup ist beileibe keine Einzelunternehmung: Insgesamt 30 Firmen, darunter Tech-Riesen wie Uber, Ebay und Spotify sowie Finanzdienstleister wie Mastercard, Visa und Paypal sind an dem überwiegend amerikanischen Konsortium beteiligt, das jetzt gemeinsam mit Facebook in Genf die neue „Libra Association“ gegründet hat.

Jeder Einzelne von ihnen hat zehn Millionen Dollar investiert, um Teil des neuen Wirtschaftssystems zu werden, in dem die Kryptowährung Libra als Zahlungsmittel dient.

Neugier und Tatendrang sind gefordert

Weder Panik noch Frust sind adäquate Reaktionen. Neugier und Tatendrang sind stattdessen gefordert. Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft müssen endlich zur Kenntnis nehmen, dass Kryptowährungen mehr sind als irgendein neuartiger Internethype, der so schnell vergessen sein wird, wie er aufgetaucht ist.

Und noch etwas gilt es, endlich zu lernen: Blockchain ist kein Synonym für Bitcoin, auch keins für Kryptowährungen im Allgemeinen, sondern Blockchain ist eine Technologie, die auf einer unveränderbaren Datenkette basiert. Das macht sie sehr viel sicherer als das Web beispielsweise. Oder auch als die firmeneigene IT. Die Datenkette kann ich mit anderen Akteuren gemeinsam benutzen. Egal ob Mensch oder Maschine. Egal ob Wettbewerber oder Kunde. Egal ob im Inland oder Ausland.

Damit kann ein Auto direkt mit dem Parkplatz die Parkgebühr abrechnen. Oder ein Kleidungsstück in seiner ganzen Herstellungs-, Liefer- und Recyclingkette verfolgt werden. Die kritischen Übergabepunkte zwischen zwei unterschiedlichen Firmen werden eindeutig dokumentiert und unveränderbar festgehalten. Das spart Geld bei der Finanzierung. Das spart Geld bei der Dokumentation. Und reduziert auch noch die Rückstellungen in Bilanzen für spätere Haftungsrisiken.

Wie dringend hier staatliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, hat die Unionsfraktion im Bundestag verstanden und jetzt ein Eckpunktepapier für den Umgang mit der Kryptotechnik vorgelegt. Die darin enthaltenen Punkte fließen hoffentlich schnell in die nationale Blockchainstrategie ein, über die seit Jahresbeginn Wirtschafts- und Finanzministerium brüten. Dabei muss es natürlich auch um Risiken gehen; aber derzeit drängt es mehr, die Chancen zu erkennen.

Weder „Internetgedöns“ noch Wundermittel

Blockchain ermöglicht neue Produkte für Märkte, die es heute noch gar nicht gibt. PC, Internet, Smartphone – wir haben neue Technologieentwicklungen jetzt doch wohl alle schon zu oft erlebt, um sie als „unvorstellbar“ abzutun. Facebook ist nur noch ein Weckruf: Jetzt die Blockchaintechnologie ernst nehmen! Sie ist kein Internetgedöns. Und selbstverständlich ist sie auch kein einzigartiges Wundermittel, sondern hat auch Nachteile. Etwa, dass sie „wahnsinnig viel Energie frisst“.

Stimmt, reicht aber nicht für eine ernsthafte Argumentation. Bestehende IT-Systeme fressen in Summe deutlich mehr Energie, als eine Industriestandard-Blockchain es tun würde. Und Facebooks Libra ist schon deutlich sparsamer als Bitcoin.

Genauso wie ein Omnibus mehr Benzin verbraucht als ein Kleinwagen. Den weltweit wachsenden Energiebedarf bewältigen wir nicht, indem wir auf Technologie-Innovationen verzichten. Oder würde jetzt ernsthaft jemand in Deutschlands Wirtschaft für eine Deindustrialisierung votieren?

Nicht zu unterschätzen ist die gesellschaftspolitische Komponente der Technologie. Blockchain verschafft Hoheit über die individuelle Identität. In Deutschland mag das nur als Ersatz für den Reisepass relevant sein, es ermöglicht aber endlich auch in Ländern ohne funktionierenden Staatsapparat eigene, geschützte Identitäten.

Gerade durch seine etablierte Normenqualität und Datenschutzregelung könnte Deutschland Im globalen Blockchain-Dorf glaubwürdig eine führende Rolle spielen. Nicht zuletzt, wenn es darum geht, Wahlen vor Eingriffen politischer Gruppierungen zu schützen. Positive Folgen öffnet Blockchain auch für den Finanzmarkt.

Intransparente Strukturen zwischen internationalen Großfonds können durch die sogenannte „Tokenisierung“ geöffnet werden: Wertgegenständen, die heute nur als Ganzes verkäuflich sind, können in Zukunft auch in Teilmengen „fragmentiert“ gehandelt werden. Renditestarke Produkte werden damit auch für kleinere Portfolios als Beimischung zugänglich.

Wir stehen an einer Wegscheide. Die disruptive Kraft der Digitalisierung stellt uns vor immense Herausforderungen. Der Markt entsteht gerade erst. Die imposanten Plattformökonomien, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, haben erhebliche Skalenvorteile: Datenpools, geringe Kosten und tiefe Taschen für Investitionen trotz Risiko.

Für deutsche Familienunternehmen und Mittelständler klingt das nach übermächtigem Wettbewerb. Doch wer jetzt zaudert, lässt sich von Halbstarken Bange machen.

Das deutsche Wirtschaftswunder begann auch in einem zerstörten und beschämten Nachkriegsdeutschland. Doch die damals junge Generation hat sich auf den Weg gemacht. Aufstehen. Anpacken. Loslegen. Das Resultat: durch persönliches unternehmerisches Risiko und Freude am Wettbewerb entstand ein diversifiziertes Team an Weltmarktführern. Viele davon nicht im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, sondern als Hidden Champions im Geschäft mit Industriekunden.

Die Herausforderung heute ist ähnlich, nur dass wir statt Kriegsverletzungen eher einen Wohlstandsbauch mit uns herumschleppen. Quer durch alle Industrien, ob Energie, Pharma oder Logistik, ob Maschinenbau, Mobilität, Handel oder Bau – alle sind gleichermaßen Betroffene oder Gestalter. Wir haben die Wahl!

Wenn die Gesellschaften sich nach mehr Nachhaltigkeit auf der einen Seite sehnen, die gemeinsamen Werte auf der anderen Seite von Gruppen angegriffen werden und der Multilateralismus von souveränen Staaten infrage gestellt wird. Dann ist eine Technologie auch eine Chance für einen Neuanfang.

Für Deutschland eine riesige Chance

Die dezentralen Lösungen, die eine Blockchain als Technologie ermöglicht, sind geradezu prädestiniert, um bestehende Produkte global noch stärker zu machen. Maschine-zu-Maschine-Kommunikation ist ein neues Spielfeld, das durch die Blockchain eine fast unendliche Menge an Möglichkeiten schafft.

Produktivitätssteigerungen vom Ausmaß der Dampfmaschine sind möglich. Allianzen schmieden, um die zentralen Großfirmen auszuspielen mit ihrer Trägheit durch Dezentralität. Kundennah, schneller und sicherer – das sind entscheidende Wettbewerbsvorteile.

Ein Weiter-so wird es nicht geben. Die Institutionen der Welt sind in die Jahre gekommen. Pfadabhängig und mitunter stehen geblieben in Strukturen, die es heute in der Lebenswelt der Menschen nicht mehr gibt.

Jetzt ist die Zeit unserer Generation zu gestalten. Und damit die Grundlage für den Wohlstand der nächsten Dekade zu schaffen. Mutig. Unternehmerisch. Mit Erfindergeist. Diszipliniert. Mit dem Ganzen im Blick. Blockchain ist weder nur das Gezocke mit Bitcoin noch nur was für Zahlungen in Entwicklungsländern. Blockchain in Deutschland ist heute vor allem eins: eine riesige Chance.

Mehr: Facebook will eine eigene globale Kryptowährung einführen. Aufseher und Zentralbanker sind in Alarmbereitschaft, sie fürchten um die Stabilität des Geldsystems. Beim G20-Treffen soll das Thema auf die Agenda.

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