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Gastkommentar „Es bedarf eines neuen Zeitalters der multinationalen Zusammenarbeit“

Die Coronakrise stärkt den Nationalismus ausgerechnet in einer Zeit, in der wir internationale Kooperation mehr denn je brauchen. Denn die Menschheit steht vor enormen Herausforderungen.
30.04.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Joschka Fischer: Europa steht auf verlorenem Posten Quelle: dpa [M]
Joschka Fischer

Der Autor war von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister und Vizekanzler.

(Foto: dpa [M])

Die Covid-19-Pandemie legt schonungslos die Schwächen und Defizite der verschiedenen Systeme und Institutionen offen, auf die sich die übergroße Mehrheit der Menschen in ihrem Alltag wie selbstverständlich verlässt. Dazu gehören auch die Staaten und ihre internationale Ordnung und die Erfahrung der allumfassenden Kontrolle der Welt durch den Menschen, durch sein Wissen, Wissenschaft und Technologie.

Lange bevor kluge Leute es unter dem Begriff „Anthropozän“ (einem von der Menschheit durch ihr Wachstum, ihre technologischen Fähigkeiten und ihre Taten und Unterlassungen bestimmten neuen Erdzeitalter) zusammengefasst hatten, machte sich in den hochentwickelten industrialisierten Ländern das Gefühl breit, in der Tat in einer von Menschen und ihrer Technologie kontrollierten Welt zu leben.

Und dann dieser weltweite Schock: Ein mikroskopisch kleines Virus, Natur jenseits menschlicher Kontrolle, kann quasi innerhalb sehr kurzer Zeit nicht nur zahllose Menschenleben fordern, sondern auch weite Teile der Weltwirtschaft zum Stillstand zwingen, ohne dass selbst die höchstentwickelten und mächtigsten Staaten und Volkswirtschaften wirksam dagegen vorbereitet gewesen wären.

All die neuen Technologien, die Milliarden an Forschungsmitteln, die gesamte militärische Macht konnten letztendlich eine katastrophale politische Fehlwahrnehmung nicht verhindern, nämlich, dass es sich bei der Bedrohung durch ein Virus zwar um ein Risiko für die Menschheit handeln würde, aber eben um ein vernachlässigbares, unwahrscheinlich eintretendes.

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    Heute wissen wir, dass dies ein historischer Irrtum sondergleichen war, das Unwahrscheinliche ist Wirklichkeit geworden, die Mutter aller schwarzen Schwäne ist gelandet. Die Nationalstaaten sind die Hauptakteure.

    Nationale Prinzipien können den Weltfrieden nicht garantieren

    Auf den ersten Blick scheint die Covid-19-Krise die etablierten Institutionen nun sogar zu stärken. Denn es sind vor allem die Nationalstaaten, die als erste Akteure versuchen, die Pandemie zu bekämpfen und einzudämmen. Die Nationalstaaten kümmern sich um die Rettung von Menschenleben. Die Nationalstaaten bemühen sich schließlich um die Stabilisierung der Wirtschaft

    Transnationale, multilaterale Institutionen wie die Vereinten Nationen und ihr Sicherheitsrat und ihre Gesundheitsorganisation WHO spielen kaum eine oder fast gar keine Rolle. Und auch in Europa sind es die Nationalstaaten und nicht die EU, die gegenwärtig den Kampf gegen die Pandemie anführen. Hier droht nun ein zweiter Irrtum.

    Das internationale System, wie wir es heute kennen, beruht auf Staaten, auf großen und kleineren, wenigen starken und mächtigen und vielen schwachen, die allerdings alle die Fiktion ihrer Souveränität teilen.

    Entstanden sind sie mit dem Ende der europäischen Religionskriege im 17. Jahrhundert, global als alleiniges politisches Organisationsmodell haben sie sich durch den europäischen Kolonialismus und die später erfolgende Dekolonisierung durchgesetzt.

    In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die Welt das Trauma zweier Weltkriege und den Beginn des Atomzeitalters. Beide Erfahrungen führten die Notwenigkeit einer tiefgreifenden Reform des internationalen Systems vor aller Augen. Ein internationales System, das allein auf dem nationalen Prinzip beruhte, vermochte ganz offensichtlich den Weltfrieden nicht länger zu garantieren, das war die Lektion der beiden Weltkriege.

    Nach 1945 entstand das globale Staatensystem, wie wir es heute kennen, mit seinen mittlerweile 193 unabhängigen, souveränen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Mit der Gründung der Vereinten Nationen wurde versucht, den nationalen Machtansprüchen ein transnationales Prinzip der Friedensverpflichtung und der institutionalisierten Zusammenarbeit im Rahmen der Weltorganisation entgegenzusetzen. Der nationale Egoismus der Staaten sollte gezügelt und überwunden werden.

    Ein winziges Virus stellt die globale Arbeitsteilung infrage

    Freilich blieb die Macht bei den Groß- und Supermächten, ständige Mitglieder mit Vetorecht im Sicherheitsrat, und ging nicht an die Vereinten Nationen über.

    Das internationale System beruht bis auf den heutigen Tag auf diesem Kompromiss zwischen nationalem und transnationalem Prinzip. Das funktionierte mehr schlecht als recht, und das auch nur so lange, wie die Supermacht USA mit ihrer ganzen Macht sich diesem Prinzip verpflichtet fühlte. Das ist allerdings mit der Präsidentschaft Donald Trumps nicht mehr der Fall.

    Seit Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, also seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, veränderte sich die von Menschen gemachte Welt gewaltig, sodass man bereits heute von einem neuen, von Menschen gemachten Erdzeitalter, dem Anthropozän, spricht. Seit jener Zeit wuchs die Menschheit dramatisch an – von damals etwa 2,5 Milliarden auf heute knapp acht Milliarden Menschen (Tendenz steigend).

    Im gleichen Zeitraum verursachten die Menschen ein dramatisches Artensterben auf dem Globus. Die Bedürfnisse des Homo sapiens sind tendenziell nach oben offen, und zudem industrialisierte sich die Welt zu weiten Teilen, eine Entwicklung, die noch immer anhält. Das wiederum bedeutet, dass der Ressourcen- und Energieverbrauch explodieren wird. Die globale Erderwärmung nimmt aufgrund der von Menschen verursachten Emissionen von Treibhausgasen gefährliche Ausmaße an, ohne dass die Menschheit angemessen reagiert.

    Neue Kommunikationstechnologien und Formen der globalen Arbeitsteilung und Wertschöpfungsketten erhöhten beständig die globale Abhängigkeit und Vernetzung bis zu jenem Punkt, an dem ein winziges Virus nahezu die gesamte globale, hochtechnisierte Wirtschaft und Lebensweise zum Stillstand bringt.

    Ein neues Zeitalter des Nationalismus verschärft die Krisen

    Die Nationalstaaten, selbst die beiden größten und mächtigsten unter ihnen, China und die USA, werden den Herausforderungen, vor denen eine Menschheit mit acht und mehr Milliarden Individuen steht, nicht gerecht werden können. Ihr Interessenhorizont ist zu begrenzt. Das Anthropozän wird die Interessen der Menschheit mehr und mehr in den Vordergrund rücken und zu einer Überlebensfrage machen.

    Die bisher dominanten nationalen Interessen werden demgegenüber an Bedeutung abnehmen und in den Hintergrund rücken. Covid-19 demonstriert uns dies gerade – und drohend erhebt sich bereits eine noch sehr viel größere Krise am Horizont: die Erderwärmung und ihre unumkehrbaren Folgen.

    Ein neues Zeitalter des Nationalismus und der Nationalstaaten, die für die Umsetzung jedweder Antikrisenstrategien unverzichtbar bleiben, solange sie auf den Grundsätzen guter Regierungsführung beruhen, würde diese absehbaren „Menschheitskrisen“ nur noch verschärfen.

    Es bedarf stattdessen eines neuen Zeitalters der multinationalen Zusammenarbeit und gestärkter multilateraler Institutionen, das über das gegenwärtig erreichte Niveau des Multilateralismus hinausgeht. Dies gilt auch und vor allem für Europa. Der Gründungsgeist von 1945, der die Menschheit zu den Vereinten Nationen geführt hat, ist heute dringender denn je vonnöten.

    In diesem Geist müssten als Erstes die beiden Supermächte des 21. Jahrhunderts, die USA und China, ihre Rivalitäten angesichts dieser Menschheitskrise beenden, um dann alle anderen gemeinsam zu einer großen „multilateralen“ Anstrengung im Interesse der Menschheit einzuladen – Ost- und Südasien, Europa, Russland, Zentralasien, Afrika, den Nahen und Mittleren Osten, Lateinamerika und wen auch immer sonst.

    Das alte internationale System reicht dafür nicht mehr aus und wird die Sicherheit der Menschheit im 21. Jahrhundert nicht mehr garantieren können. Dies ist die Lektion der Viruskrise für uns alle.

    Mehr: Geopolitische Folgen: China will die Geschichte der Pandemie umschreiben und die USA als „Weltkümmerer“ ablösen.

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