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Gastkommentar Europa droht die Verzwergung

Ohne eine andere Förderung digitaler Innovationen verliert der „alte Kontinent“ weiter an geopolitischem Gewicht, mahnen Katrin Suder und Chris Boos.
03.06.2021 - 18:00 Uhr Kommentieren
Unter den digitalen Giganten gibt es kein einziges europäisches Unternehmen und nur einen „alten“ Konzern.
Katrin Suder und Chris Boos

Unter den digitalen Giganten gibt es kein einziges europäisches Unternehmen und nur einen „alten“ Konzern.

Was haben die Halbleiterproduktion in Taiwan oder die Cloud-Dienste von Amazon mit Geopolitik zu tun? Die Antwort: sehr viel. Denn Technologie ist zum zentralen geopolitischen Faktor geworden, zu einem entscheidenden Machtinstrument. Wie ist es dazu gekommen und was heißt das für Europa?

Die Corona-Pandemie, daran besteht kein Zweifel, hat den digitalen Wandel hin zur datengetriebenen Wissensgesellschaft beschleunigt. Der Branchenverband Bitkom stellte jüngst in einer Studie fest: Drei Viertel der Unternehmen, die bereits ein digitales Modell verfolgen, kommen besser durch die Krise. Digitalisierung ist ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.

Mit der zunehmenden Bedeutung von Digitalisierung werden auch die zugrunde liegenden Technologien immer wichtiger. Relativ neu ist jedoch, dass diese Technologien – und damit auch die Technologieunternehmen – keine reinen Wirtschaftsfaktoren mehr sind, sondern das geopolitische Kräfteverhältnis mitbestimmen. Themen wie digitale Souveränität oder technologische Autonomie waren lange Zeit etwas für Philosophen oder Nerds. Jetzt sind sie von strategischer Bedeutung für die Zukunft von Unternehmen und Staaten.

So wird der Zugang zu Technologien oder deren Einsatz als Machtwerkzeuge gegen Geschäftsmodelle, Unternehmen oder Staaten eingesetzt. Akteure streben mit der Beherrschung von Künstlicher Intelligenz globale wirtschaftliche Dominanz an. Nüchtern betrachtet gibt es derzeit nur zwei wirklich bedeutende Hegemonialkräfte: die USA und China, deren Kampf um globale Vorherrschaft an die überwunden geglaubte Zeit des Kalten Krieges erinnert.

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    Unter Präsident Joe Biden hat sich gegenüber seinem Vorgänger Donald Trump zwar die Tonlage geändert, das Ziel aber ist geblieben: Die USA kämpfen mit harten Bandagen um den Erhalt der eigenen Weltmachtposition. Um Peking zu schwächen, soll China vor allem technologisch von den Vereinigten Staaten entkoppelt werden. Die Biden-Administration greift dabei zu Instrumenten wie Delistings, Sanktionen und schwarze Listen – alles Maßnahmen, die sich mit den Werten von Freiheit und Marktwirtschaft nur schwer vereinbaren lassen.

    Auch wenn Chinas Handeln etwa bei Zöllen oder Sanktionen eher reaktiv erscheint – es gibt keinen Zweifel, dass die Führung um Xi Jinping ihr Ziel, technologisch autonom zu werden, so schnell wie möglich erreichen will. In diesem Kontext tritt Peking neuerdings auch engagiert in internationalen Standardisierungsgremien auf, in denen es lange Zeit gar nicht präsent war. Das wohl beste Beispiel ist das Engagement von Houlin Zhao als Generalsekretär der ITU, dem Sondergremium der Uno, das sich mit technischen Aspekten der Telekommunikation beschäftigt.

    Beide Weltmächte investieren Milliardensummen, um langfristig digitale Dominanz zu erreichen, Schlüsseltechnologien gelten als zentraler Machthebel. Das erzeugt auch Kollateralschänden: Deutsche Konzerne etwa müssen in China einen separaten IT-Stack aufbauen, also eigene Software und Hardware, separat vom Rest der Welt, mit entsprechenden Kosten und Innovationsverlusten.

    Großkonzerne bilden neue Machtpole

    Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Mit den Hyperscalern gibt es eine neue Art von Unternehmen, die modernste Technologien nicht nur theoretisch beherrschen, sondern auch massentauglich gemacht haben, Skalierungsgewinne erzielen und so postindustrielle Geschäftsmodelle aufgebaut haben, die global nur schwer zu regulieren sind.

    Mit 2,7 Milliarden aktiven Nutzern ist Facebook selbst der einwohnerstärksten Volkswirtschaft haushoch überlegen. Googles Dachgesellschaft Alphabet hat ein jährliches Innovationsbudget von rund 20 Milliarden Dollar, die zielgerichtet eingesetzt werden. Und Apple übertrifft mit über 150 Milliarden Dollar liquider Mittel locker das Staatsbudget eines mittelgroßen Landes. Diese Großkonzerne bilden als nicht staatliche Akteure völlig neue Machtpole – und üben ihre Macht auch aus.

    Es ist eine bittere Wahrheit: Unter diesen digitalen Giganten gibt es kein einziges europäisches Unternehmen und nur einen „alten“ Konzern – Microsoft. Manchmal scheint es, als stünde uns gerade in Deutschland die lange industrielle Erfolgsgeschichte im Wege. Digitale Prinzipien stehen den Methoden der Industrialisierung diametral entgegen: keine sorgfältig geplante Ingenieurspunktlandung, sondern schrittweises Vorgehen.

    Für den „alten Kontinent“ und seine traditionellen Industrieunternehmen sind das keine guten Nachrichten. Machen wir weiter wie bisher, ist es unwahrscheinlich, dass sich viele Industrie-Ikonen in Hyperscaler verwandeln. Offensichtlich befinden wir uns in Europa in einer Art Teufelskreis: Da es zu wenig Talente und Unternehmensgründungen gibt, sorgt der Staat für entsprechende Ausbildungs- und Forschungsförderung – aber es gibt nach wie vor nicht genügend Finanzierung für die neuen Mutigen, schon gar nicht aus dem reichlich vorhandenen privaten Kapital.

    Die Hardware in die Softwarezukunft bringen

    Die Folge: Der Staat kann mit seinen Geldern vielversprechende, ambitionierte Unternehmensgründungen über die kritische Erfolgsschwelle bringen, zur massiven Skalierung fehlen dann jedoch die Mittel. Die Konsequenz: Unternehmen werden für hohe Summen an ausländische Hyperscaler verkauft, weil die ihnen das bieten können, was diese mutigen Gründer:innen am meisten suchen – ein Ökosystem mit anderen Technologieinnovatoren, das sie mit offenen Armen empfängt.

    Das bringt uns wieder zurück an den Anfang: zu wenig Talente, zu wenig Gründungen, keine Hyperscaler. Europa droht die Verzwergung auf der politischen Weltbühne. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit ihren nordischen Kolleginnen zwar das Thema „digitale Souveränität“ als Ziel auf die Agenda des Europäischen Rats gesetzt. Das war und ist richtig. Um dem Ziel näherzukommen, müssen wir nun aber gemeinsam in Europa den Fokus auf Innovation und Technologie setzen – weg von reiner Arbeitsplatz- und klassischer Wirtschaftspolitik, weg vom Gießkannenprinzip, weg von klassischer Förderlogik.

    Wir müssen akzeptieren, dass Technologiepolitik auch Sicherheits- und Geopolitik ist. Wir müssen bei unseren Stärken ansetzen, wie etwa der industriellen Ausprägung des Internet of Things. Wir müssen die Hardware in die Softwarezukunft bringen. Dabei sollten wir unsere Dezentralität nutzen, technologisch mit der nächsten Generation an Automation und kulturell mit Diversität – beides sind Erfolgsbringer im digitalen Datenzeitalter. Vielleicht könnte ein erstarktes Europa ja sogar das ungebremste Aufeinanderprallen der USA und China verhindern.

    Und: Wir dürfen das Thema nicht allein bei der Politik abladen. Wir haben uns an ein System gewöhnt, in dem alle Beteiligten – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – jeweils auf die anderen schimpfen. Wenn wir aber unseren Lebensstandard und den Einfluss, den wir in der Welt noch haben, beibehalten oder ausbauen wollen, müssen wir endlich unsere Kräfte bündeln: Wir müssen gemeinsam die Probleme der Zukunft angehen und endlich aufhören, nur darüber zu reden.

    Jetzt ist Handeln gefragt. Dabei wird es auch mal Fehler geben, aus denen wir dann lernen können – den Blick immer auf Übermorgen gerichtet.

    Die Autoren: Katrin Suder ist Leiterin des Digitalrats der Bundesregierung, Partnerin bei Macro Advisory Partners und Aufsichtsrätin. Chris Boos ist IT-Unternehmer und Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung.

    Mehr: Europa droht zur digitalen Kolonie zu werden

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