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Gastkommentar Europa muss im Kampf gegen den sozialen Abstieg an die Front

Die USA sind auf dem Abstieg: Die Mittelklasse zerfällt, soziale Unruhen zerrütten die Gesellschaft, das Land ist schwer verschuldet. Will der Westen seine Strahlkraft nicht verlieren, muss er sich neu formieren, fordert Stefan Baron.
04.07.2021 - 15:33 Uhr 1 Kommentar
Stefan Baron ist Berater und Publizist. Zuletzt erschien von ihm das Buch mit dem Titel „Ami go home – Eine Neuvermessung der Welt“. Quelle: picture alliance / ZB
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Stefan Baron ist Berater und Publizist. Zuletzt erschien von ihm das Buch mit dem Titel „Ami go home – Eine Neuvermessung der Welt“.

(Foto: picture alliance / ZB)

Die Amerikaner haben sich selbst stets als ein auserwähltes Volk betrachtet, ihr Gemeinwesen als „Gottes eigenes Land“, „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, „leuchtende Stadt auf einem Hügel“ und Vorbild für die ganze Welt gepriesen.

Am 4.Juli, ihrem Nationalfeiertag, wurde dieses schon religiös anmutende Selbstbewusstsein immer besonders sichtbar. In den vergangenen Jahren ist es jedoch einer wachsenden Desillusionierung gewichen. Amerikas Leitkultur hat ihre einstige Strahlkraft eingebüßt.

Laut einer Umfrage des Pew Research Centers vom Mai ist das Vertrauen der Amerikaner in ihre Regierung von drei Viertel Anfang der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts auf heute unter ein Viertel abgesackt. Von dem einst unbändigen Stolz auf das eigene Land ist vor allem unter den jungen US-Bürgern wenig übrig geblieben.

Ebenfalls von Pew befragt, wollten im September 2019 nur noch 15 Prozent der 18- bis 29-Jährigen ihr Land über alle anderen Länder stellen. Nur bei den über 50-Jährigen fand sich dafür noch eine Mehrheit. Nach dem Negativ-Weltrekord mit über 600.000 Corona-Toten sowie den schweren sozialen Unruhen im vergangenen Jahr dürften sich diese Werte seitdem eher noch verschlechtert haben.

Aber nicht nur zu Hause, auch draußen in der Welt hat sich das Bild von Amerika erheblich verdüstert. Laut aktuellem Democracy Perception Index der Alliance of Democracies betrachten 44 Prozent der Befragten in über 50 Ländern der Welt die USA inzwischen sogar als eine Bedrohung für die Demokratie. Wie konnte das Land, das einmal in nahezu der gesamten Welt bewundert oder zumindest beneidet wurde, dermaßen an Ansehen einbüßen?

Die USA haben die Chance für eine Abrüstung vertan

„Zivilisationen sterben durch Selbstmord, nicht durch Mord“, so der Historiker Arnold Toynbee. Wie Zivilisationen ergeht es auch Imperien. Mit wachsender Machtfülle werden sie hochmütig und machen Fehler. „Macht korrumpiert“, so der britische Historiker und Politiker Lord Acton, „absolute Macht korrumpiert absolut.“

Nach dem Ende des Kalten Krieges waren die USA als alleinige Weltmacht übrig geblieben. Sie hätten die Friedensdividende einfahren, sich auf die Rolle eines sanften Hegemons zurückziehen, Schwerter zu Pflugscharen umwandeln, die enormen Militärausgaben drastisch kürzen und sich um das Wohlergehen aller ihrer Bürger kümmern können. Es wäre eine Politik von America first im besten Sinne ihrer Gründungsväter gewesen.

Washington entschied sich jedoch für eine „Politik des Empire first“, wie es David Stockman, einst Budgetdirektor unter Ronald Reagan, auf den Punkt brachte. Monopole führen zu schlechten Ergebnissen für die Allgemeinheit – in der Wirtschaft und ebenso in der Politik, vor allem der Außenpolitik.

Hinzu kommt: Während des Kalten Krieges hatte der militärisch-industrielle Komplex des Landes enorme Gewinne und immer mehr politische Macht angesammelt. Die wollte er nicht mehr aufgeben, Ersatz für die sowjetische Gefahr musste her: In Gestalt zuerst des islamistischen Terrorismus, dann Russlands unter Wladimir Putin und Chinas unter Xi Jinping wurde er auch gefunden.

Amerika betätigte sich als Weltpolizist, dehnte die Nato nach Osten aus und zog immer wieder in den Krieg. Die militärischen Ausgaben des Landes schwollen nach und nach auf rund eine Billion Dollar im Jahr an – mehr als die aller anderen Länder der Welt zusammengenommen.

Da die Wachstumskraft der US-Wirtschaft mit dieser Expansion nicht mithalten konnte, ist aus der einst größten Gläubigernation der Welt so inzwischen eine der größten Schuldnernationen geworden. Amerika hat seine Kräfte überdehnt. Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist abgebrannt.

Der uramerikanische Traum ist ausgeträumt

Das spürt nicht nur die Welt, vor allem spüren es die Amerikaner selbst. Der uramerikanische Traum vom sozialen Aufstieg für jedermann, der sich Mühe gibt, ist ausgeträumt, die sozio-ökonomische Mobilität auf ein Allzeittief gefallen. Die Mittelklasse zerfällt. Oben und unten sind heute weiter voneinander entfernt als je zuvor. Die USA sind das einzige große Land der Welt, in dem das Durchschnittseinkommen der unteren Hälfte der Bevölkerung in den zurückliegenden drei Jahrzehnten gefallen ist.

Die wachsende Ungleichheit ist nicht zuletzt Folge und zugleich Ursache der Bildungsungerechtigkeit im Lande. Immer mehr Amerikanern ist es unmöglich geworden, die Kosten für eine gute Ausbildung ihrer Kinder aufzubringen. Die Ungleichheit perpetuiert sich so selbst.

Wie Corona zuletzt wieder zeigte, wirkt sie sich im Gesundheitssystem buchstäblich fatal aus. Arme und Geringverdiener, Schwarze und Latinos erkrankten und starben an dem Virus prozentual deutlich häufiger als Gutverdienende, Wohlhabende und Weiße. Das reichste Prozent der Amerikaner lebt sage und schreibe 15 Jahre länger als der Durchschnitt ihrer Landsleute. Die amerikanische Gesellschaft, so der demokratische Senator Bernard Sanders, „ist von oben bis unten rassistisch“.

In Abwandlung eines Satzes aus Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ ließe sich über die angebliche Vorbild-Demokratie Amerika sagen: „Ach wir, die wir den Boden für Demokratie bereiten wollten, konnten selber nicht demokratisch sein.“

Zwar dürfen die US-Bürger weiter regelmäßig ihre politischen Vertreter wählen. Eine umfassende empirische Studie der Universitäten Princeton und Northwestern aus dem Jahr 2014 kam jedoch zu dem vernichtenden Fazit, dass „die Präferenzen des Durchschnittsamerikaners nur einen winzigen, statistisch nicht signifikanten Einfluss nahe null auf die Politik zu haben“ scheinen.

Die Republik ist in ihrem Kern korrupt

Statt des demokratischen Prinzips „One man, one vote“ gilt im Amerika von heute das oligarchische, genauer: plutokratische Prinzip „One dollar, one vote“. Ohne Großspenden reicher Privatpersonen oder aus der Wirtschaft schafft es dort niemand mehr ins Weiße Haus, den Senat oder das Repräsentantenhaus.

Die Republik sei in ihrem Kern „korrumpiert“, so Lawrence Lessig, Professor an der Harvard Law School: Nicht alle Bürger besäßen die gleiche Möglichkeit zu wählen, in den Wahlen hätten die einzelnen Stimmen nicht das gleiche Gewicht, der Senat repräsentiere die einzelnen Bundesstaaten nicht in gleicher Weise, und die Art, wie die Wahlkämpfe finanziert werden, habe zur Folge, dass die Wähler nicht gleichermaßen vertreten seien.

Wolle Washington seine Macht sichern, hatte George Kennan, seinerzeit Planungschef im State Department, schon 1947 gemahnt, gelte es, „unter den Völkern der Welt den allgemeinen Eindruck von einem Land zu erwecken, das erfolgreich mit seinen Problemen zu Hause und der Verantwortung als Weltmacht umgeht sowie über die geistige Vitalität verfügt, mit den große ideologischen Strömungen der Zeit mitzuhalten“.

Keiner dieser Anforderungen werden die Vereinigten Staaten von heute gerecht. So gesehen sind sie als „failed state“ anzusehen. Auch Präsident Biden wird daran wohl kaum viel ändern. Amerika, so der Politologe Kishore Mahbubani, „hat sowohl seine materielle wie moralische Fähigkeit verloren, die Menschheit zu inspirieren.“

Will der Westen insgesamt diese Fähigkeit nicht verlieren, muss er sich neu formieren: Europa an die Front!

Stefan Baron ist Berater und Publizist. Zuletzt erschien von ihm das Buch mit dem Titel „Ami go home – Eine Neuvermessung der Welt“.

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1 Kommentar zu "Gastkommentar: Europa muss im Kampf gegen den sozialen Abstieg an die Front"

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  • Danke für diese interessante Analyse. Es fehlt eigentlich nur noch die Aufzählung der zahlreichen militärischen Fehlschläge in der Vergangenheit. Trotz allem bleiben die Vereinigten Staaten die einzige Großmacht, die expandierenden Autokratien und Diktaturen die Stirn bieten können, politisch, aber vor allem auch technologisch. Wer sonst soll Putin und die Chinesen, den Iran und Nordkorea aufhalten? Die EU sicher nicht. Ihr Abschreckungspotential ist begrenzt.

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