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Gastkommentar Europa muss seine Zukunft aktiv gestalten

In der Unternehmenswelt sprechen alle über „Purpose“. Diese Diskussion auch auf die Politik in Europa zu übertragen birgt großes Potenzial.
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Der Autor ist Chairman der Strategieberatung Boston Consulting Group für Deutschland und Österreich. Quelle: BCG/Chris Tille
Carsten Kratz

Der Autor ist Chairman der Strategieberatung Boston Consulting Group für Deutschland und Österreich.

(Foto: BCG/Chris Tille)

Purpose ist der aktuelle Trendbegriff in der Wirtschaft. Den Sinn unseres Handelns zu bestimmen ist in der Politik ebenso wichtig. Seit Gründung der Europäischen Union mit dem Vertrag von Maastricht 1992 ist es der Sinn dieses supranationalen Projekts, Frieden, Freiheit und wirtschaftlichen Wohlstand zu garantieren. Angesichts der anstehenden Wahl möchte ich als überzeugter Europäer einen Appell für Zuversicht in Europa formulieren und an den Purpose der EU erinnern.

Ich bin in Italien aufgewachsen. Zum Studieren kam ich nach Deutschland. Als Berater bereise ich fast alle europäischen Länder. Ich kann mich an Zeiten erinnern, als für mich der Purpose in Europa nicht greifbar war. Lange Autofahrten zwischen Deutschland und Italien bedeuteten auch Warteschlangen an den Grenzkontrollen. Immer hatte ich verschiedene Währungen im Geldbeutel. Heute bin ich glücklich, dass wir Schengen und den Euro haben und meine Kinder sich frei in Europa bewegen können. Wir dürfen nicht vergessen: Europa ist ein Gewinn, keine Belastung.

Europa ermöglicht uns Freiheit und Frieden auf dem Boden einer funktionierenden Wirtschaft. Obwohl die jüngste Flüchtlingskrise uns an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht hat – und die Herausforderungen werden nicht geringer: Schuldenkrise und Jugendarbeitslosigkeit, gerade im Süden Europas, spitzen sich zu. Neue Flüchtlingswellen werden kommen. Die Spannungen zwischen den europäischen Nationalstaaten werden stärker, populistische Tendenzen nehmen zu. Doch uns muss klar sein, dass wir Europa brauchen, um im globalen Kontext zu bestehen. Nur gemeinsam bleiben wir wettbewerbsfähig und sichern den Frieden.

Neue Regeln für einen besser integrierten Binnenmarkt

Einer der großen Vorteile von Europa ist der Binnenmarkt. Als einer der größten einheitlichen Märkte der industrialisierten Welt umfasst er 500 Millionen Verbraucher. Den einfachen Warenfluss über Grenzen hinweg möchten wahrscheinlich weder Unternehmen noch Privatpersonen missen.

Denn wir haben uns daran gewöhnt, eine breite Auswahl an Produkten und Dienstleistungen zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung zu haben – ohne Zölle und Grenzen. Jede EU-Bürgerin und jeder EU-Bürger kann ohne größere‧ Hürden überall in der EU arbeiten. Unternehmen in der EU können sich in jedem der 28 Mitgliedstaaten niederlassen und produzieren.

Als Kind habe ich erfahren, wie kompliziert der Alltag ohne Binnenmarkt sein kann. Im Sommer kamen unsere Freunde aus Deutschland mit einem Alfa Romeo zu Besuch. Nach einem Unfall musste das Auto in die Werkstatt: Dort teilte uns ein verzweifelter Mechaniker mit, dass für die Reparatur erst Ersatzteile in Deutschland bestellt werden müssten – obwohl das Auto eine italienische Marke war.

Heute sind wir weiter. Wir müssen aber noch viel weiter kommen, wenn wir die Vorteile eines Binnenmarkts voll nutzen wollen. Die Klage vieler Unternehmen darüber, dass sie den europäischen Markt nur bedingt nutzen können, ist berechtigt. Es gibt immer noch zu viele lokale und regionale Regeln. Je stärker eine Branche reguliert ist, desto wichtiger wird es in Europa werden, sich auf einheitliche Standards zu verständigen.

Dies erleichtert auch europäische Zusammenschlüsse von Unternehmen, die global eine ernst zu nehmende Marktmacht darstellen. Sei es in der Branche der Finanzdienstleister, der Luftfahrt und der Telekommunikation. Nur der Weltmarkt kann unser Maßstab sein. Europa braucht globale Champions. Dabei geht es nicht nur um Großkonzerne, auch unser Mittelstand muss weiterhin in der Lage sein, in den einzelnen Segmenten global zu führen.

Es gibt immer wieder Kritiker, die anführen, dass Marktmacht gefährlich ist. Natürlich besteht bei jeder Fusion die Gefahr, dass Preise kurzfristig steigen und Verbraucher stärker belastet werden. Der kurzfristig niedrige Verbraucherpreis kann aber nicht der relevanteste Maßstab sein.

Kartellrechtsentscheidungen müssen daher auch von Überlegungen getragen sein, was notwendig ist, um in Europa eigene globale Champions zu erhalten und neue hervorzubringen. So können wir den heutigen Wohlstand halten und ausbauen und damit die Bedingung für Bildung und Chancengleichheit, für Frieden und Freiheit sichern.

Stärkere Förderung von Innovation, Klimaschutz und Artenvielfalt

Gemeinsam kann Europa auch Innovationen stärker voranbringen, als es jedem Land einzeln gelingt. Wir können von der Innovationskraft der verschiedenen Länder und ihren unterschiedlichen Denk- und Herangehensweisen profitieren – und wir müssen es sogar. Dies ist der einzige Weg, wenn wir global vorne sein wollen. Aktuell sind wir das nicht.

Die Boston-Consulting-Group (BCG)-Analyse „The Most Innovative Companies 2019“ zeigt, dass acht der zehn innovativsten Unternehmen aus den USA kommen. Sechs davon sind Technologiekonzerne. Wir müssen aufholen. Dies können wir, indem wir stärker in Bildung und Weiterbildung investieren und Forschung und Entwicklung vorantreiben.

Programme wie Erasmus ermöglichen Millionen junger Europäer, im Ausland zu lernen und zu leben. Doch das kann nur ein Anfang sein. Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, brauchen wir heute in jedem Fall nicht weniger, sondern noch viel mehr als nur Erasmus.
Zudem ist eine grenzüberschreitende Allianz entscheidend beim Thema Nachhaltigkeit: Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt, die sich gegenseitig bedingen, haben durch ein vereintes Europa mehr Chancen. Die Klimaziele des Pariser Vertrags erfüllen wir nur, wenn wir über Grenzen hinweg einheitliche Standards etablieren.

Die BCG-Studie „Klimapfade für Deutschland“ zeigt auf, was Gesellschaft, Wirtschaft und Politik tun müssen, um das Ziel einer Emissionsreduktion von 95 Prozent zu erreichen. Klar ist: Im Alleingang gelingt uns dies nicht. Nur über eine internationale Zusammenarbeit können wir den Pariser Vertrag umsetzen. Hierzulande und in anderen Ländern Europas.

Allerdings darf uns die internationale Abstimmung nicht daran hindern, entschieden das umzusetzen, was wir in Deutschland tun können. Denn es gibt bereits alle grünen Technologien, die wir brauchen, um 95 Prozent oder zumindest annähernd so viel des CO2-Ausstoßes in Deutschland einzudämmen. Dies ist notwendig, wenn Deutschland seine Pariser Klimaziele einhalten will. Wir müssen diese grünen Technologien massiv fördern und erheblich schneller in der Fläche einsetzen. Deutschland kann hier als positives Beispiel in Europa vorangehen.

In meiner Jugend habe ich erlebt, wie Deutschland beim Thema Nachhaltigkeit Maßstäbe setzte. Der Anteil deutscher Pkws in Italien nahm auf einmal immer mehr zu. Und das in einer Zeit, in der es Lire gab und Importe teuer waren aufgrund der schwachen Währung. Warum? Einer der Gründe lag darin, dass die Spritpreise stark anstiegen und deutsche Pkws im Verbrauch besonders niedrig lagen. Nur ein Beispiel, das zeigt: Innovation und Nachhaltigkeit können Hand in Hand gehen.

Natürlich gibt es Kritiker am Modell Europa. Das zeigt uns auch der Brexit. Große Teile der Bevölkerung Englands haben für den Austritt aus der EU gestimmt. Manche Bürger im Süden und in der Mitte Europas fühlen sich zunehmend abgehängt. Es gibt immer größere Spannungen zwischen den europäischen Nationalstaaten. Davor dürfen wir die Augen nicht verschließen.

Zur Vision von einem vereinten Europa gibt es keine Alternative

Zugleich ist es keine Alternative, die Vision von einem vereinten Europa zu den Akten zu legen. Ich bin überzeugter Europäer, für mich gibt es keine Alternative zu einem vereinten Europa. Wir können uns nicht zurückentwickeln. Was wir tun können, ist, Europa differenzierter zu betrachten.

Vielleicht würden ein „harter“ und ein „weicher“ Euro den Handlungsspielraum in Europa vergrößern. Dieses Zwei-Schichten-Modell hätte keinen negativen Einfluss auf einen funktionierenden Binnenmarkt, einheitliche Standards, offene Grenzen und einen ideell-kulturellen Austausch.

Es könnte die Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Länder der südlichen und östlichen Regionen und damit den wirtschaftlichen Zusammenhalt von Europa insgesamt stärken. Selbstverständlich wäre ich traurig, wenn ich zwei unterschiedliche Währungen im Geldbeutel hätte. Das darf uns aber nicht davon abhalten, darüber nachzudenken. Das kann anstrengend sein. Fakt ist, Europa ist es wert. Europa kann und sollte seine Zukunft aktiv gestalten, seinen Purpose wiederentdecken und dafür einstehen.

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  • Carsten Kratz
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