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Gastkommentar Fatale Anreize und fehlende Kontrollen schwächen Corporate Governance im Finanzsektor

Nach der Finanzkrise verhalten sich in der Branche immer noch viele Akteure unethisch. Es besteht dringend Handlungsbedarf, sonst könnte die nächste Krise folgen.
  • Christian A. Conrad
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Christian A. Conrad ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, University of Applied Sciences und lehrt Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik. Quelle: HTW Saar
Der Autor

Christian A. Conrad ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, University of Applied Sciences und lehrt Makroökonomie, Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik.

(Foto: HTW Saar)

Die Cum-Ex-Geschäfte, die vielen Skandale der Deutschen Bank und der jüngste Skandal von Goldman Sachs um den malaysischen Staatsfonds zeigen, dass es immer noch viel unethisches Verhalten im Finanzsektor gibt. Das Verhalten der Banker hat sich nach der Finanzkrise nicht wesentlich geändert.

2013 glaubten nur 36 Prozent der befragten Wall-Street-Mitarbeiter, dass sich ihre Branche zum Besseren verändert habe. Hingegen waren 52 Prozent überzeugt, dass die Konkurrenz in „illegale oder unethische“ Aktionen verstrickt sei. Diese Informationen bezeugte fast ein Viertel im eigenen Haus erlebt oder „aus erster Hand“ erfahren zu haben. Allerdings hielten 29 Prozent unethische oder illegale Tricks für notwendig, „um erfolgreich zu sein“.

Vor allem bei jüngeren Mitarbeitern scheint es an einer ethischen Einstellung zu mangeln. 36 Prozent der Nachwuchsbanker mit weniger als zehn Jahren Erfahrung befürworteten windige Tricks, gegenüber 18 Prozent der Wall-Street-Veteranen mit mehr als 20 Berufsjahren. Ein Viertel wäre zu Insiderhandel bereit, „wenn sie damit ungeschoren mindestens zehn Millionen Dollar verdienen könnten“.

Bei den jüngeren Kollegen steigt dieser Anteil sogar auf 38 Prozent. 17 Prozent sind der Überzeugung, „dass ihre Chefs wegschauen, wenn sie einen Top-Performer des Insiderhandels verdächtigen“. Begründet wird dies mit einem zu niedrigen Einkommen: 26 Prozent sind der Meinung, „dass die Vergütungspläne oder Bonusstrukturen ihrer Unternehmen Ansporn seien, ethische Normen zu verraten oder das Gesetz zu brechen“. Dieser Ansicht sind bei den Jüngeren 31 Prozent, bei den Älteren 21 Prozent.

Laut der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz verlor die Deutsche Bank in den letzten fünf Jahren 76,4 Prozent ihres Anleger-Depotwerts. Parallel gab es Strafzahlungen für zahlreiche Gesetzesverstöße, die Eigenkapitalerhöhungen notwendig machten.

Diese Strafzahlungen wurden überwiegend durch das Investmentbanking verursacht. Gemäß Vergütungsbericht verdienten 2018 643 Angestellte mehr als eine Million Euro, davon die meisten Investmentbanker. Ihr Spartenchef Garth Ritchie verdiente knapp neun Millionen.

Risikofreudiges Verhalten

Das Beispiel der Deutschen Bank zeigt die Bedeutung der Managerethik für den langfristigen Unternehmenserfolg. Es wird deutlich, dass sich unethisches Verhalten nur kurzfristig, aber nicht langfristig auszahlen kann. Ein risikofreudiges, am kurzfristigen Erfolg orientiertes Verhalten des Managers kann durch falsche Anreize (Moral Hazards) hervorgerufen werden.

Wie experimentell gezeigt wurde, bewirkt eine kurzfristig ausgerichtete und einseitige Beteiligung der Manager an der positiven Unternehmensentwicklung eine starke Risikofreudigkeit des Managers auf Kosten der Unternehmenseigentümer. Die Manager riskieren wenig. Auch eine strafrechtliche Verfolgung findet in der Regel nicht statt.

Oft wird eine Mitverantwortung des Unternehmens festgestellt, oder es kommt zu einem außergerichtlichen Vergleich. Haftpflichtversicherungen decken alles bis auf Vorsatz ab. Vorsatz lässt sich aber nur schwer nachweisen.

Wie können die Eigentümer ihre Interessen gegen die Manager durchsetzen? Der Vertreter der Aktionäre der Deutschen Bank, Achleitner, ist der höchstbezahlte Dax-Aufsichtsratschef. Er war während der Zeit der Skandale im Amt und wurde immer wieder ebenso wie der Vorstand entlastet. Die Kontrolle des Vorstands durch den Aufsichtsrat funktioniert offensichtlich nicht.

Egal wie die Ergebnisse sind, niemand wird in der Regel zur Verantwortung gezogen. Gehaftet haben stattdessen die Aktionäre und die Gesellschaft (Finanzkrise), während Vorstand und Aufsichtsrat trotz Verlusten verdient haben. Vor diesem Hintergrund scheint auch die Kontrolle des Aufsichtsrats durch Fonds nicht immer unproblematisch.

Fonds müssen mit abstimmen dürfen

Warum haben diese Vorstand und Aufsichtsrat entlastet? Umgekehrt nehmen viele ETF-Fonds die Interessenvertretung ihrer Aktionäre gar nicht erst wahr, weshalb auf den Hauptversammlungen zu wenig stimmberechtigte Aktionäre vertreten sind und deshalb Minderheitsaktionäre überproportional Macht ausüben können. Hier müsste gesetzlich vorgeschrieben werden, dass die Fonds ab einem Schwellenwert mitabstimmen müssen und ihr Abstimmungsverhalten im Internet offenlegen und erklären.

Darüber hinaus wurde beim Skandal um den Malaysischen Staatsfonds die Unternehmenskultur als mögliche Ursache angesprochen. Der Deutsche Tim Leissner, Absolvent der Uni Siegen, arbeitete sich in der Investmentbank Goldman Sachs zum Südostasienchef hoch, indem er mithilfe des chinastämmigen malaysischen Financiers Jho Low den damaligen malaysischen Ministerpräsidenten und andere Politiker bestach.

Auf diese Weise verschwanden 2,7 Milliarden Dollar, wobei sich Leissner im Gegensatz zu Jho Low nicht selbst bereichert haben soll. Er profitierte vielmehr von den durch die Bestechung akzeptierten überhöhten Gebühren von rund 600 Millionen Dollar und den damit für ihn verbundenen Boni und letztlich von seiner Beförderung im Unternehmen.

Goldman versucht, den Imageschaden gering zu halten, und behauptet, von Leissner belogen worden zu sein, wohingegen Leissner erwidert, sein Verhalten habe der Kultur von Goldman entsprochen, bestimmte Fakten vor der Compliance-Abteilung zu verbergen. Wer hat recht? Vergleicht man die Skandalhistorie, so steht Goldman der Deutschen Bank dort zumindest in nichts nach.

Laut dem eigenen Verhaltenskodex steht Ethik bei Goldman allerdings hoch im Kurs: Vertrauen soll durch „highest standards of integrity“ gewährleistet werden. Man unterscheidet allerdings offizielle Verhaltensvorgaben („espoused norms“) und tatsächlich gelebte Normen oder Verhaltensvorgaben („norms in use“). Untersuchungen von Unternehmensskandalen zeigten, dass wesentliche Ursachen in der Unternehmenskultur liegen wie beispielsweise:

1. eine allgemeine Tolerierung unethischen Verhaltens, insbesondere durch die Vorgesetzten;

2. eine überzogene Gruppenloyalität, die verhindert, dass Fehlverhalten nach außen gemeldet wird und ein Konkurrenzverhalten zwischen den Gruppen fördert;

3. eine starke Orientierung der Erfolgsindikatoren an quantitativen Größen sowie

4. eine Hemmung, moralische Aspekte im Unternehmen offen anzusprechen.

Investmentbanken sind transaktionsorientiert. Es kommt bei ihnen also drauf an, einen guten Deal zu machen, also etwas mit einer hohen Handelsspanne zu verkaufen oder eine hohe Vermittlerprovision zu bekommen. Anders als etwa bei der Entwicklung und Produktion von Autos ist hierzu ist keine Teamarbeit erforderlich, sondern es kommt auf den einzelnen Manager als Verkäufer an.

Im Gegensatz zum Kredit- und Anlagegeschäft einer Universalbank ist auch nicht die langfristige Stabilität einer Kundenverbindung erfolgsentscheidend. Ein auf hohe variable Vergütungen kurzfristig ausgerichtetes Entlohnungssystem beeinflusst die Unternehmenskultur, und die Zugehörigkeit der Mitarbeiter zum Unternehmen bewirkt ein spezifisches Gruppenverhalten.

Gruppen bewirken mit eigenen Normen ein gruppenangepasstes Moralverhalten. Die Mitarbeiter werden über die Unternehmenskultur sowie durch Vorbild, Belohnungen und Sanktionen der Führungskräfte sozialisiert. Für eine unethische Unternehmenskultur sind deshalb zuallererst die Führungskräfte verantwortlich.

Wie ist es um die Moral der Führungskräfte bestellt? Laut Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer sind erfolgreiche Manager egoistisch, verlogen und rücksichtslos. Lügen werden gemäß Pfeffer in den Unternehmen nicht sanktioniert und gehören zum Führungsalltag. Wer lügt, insbesondere über seine eigenen Leistungen, kommt weiter.

Gefragt: Ethische Führung

Allerdings konnte gezeigt werden, dass ethische Führung bei den Mitarbeitern zu einer Bereitschaft führt, sich überdurchschnittlich im Job zu engagieren und Probleme an das Management zu berichten. Langfristig bewirkt ein ethischer Führungsstil somit mehr Produktivität.

Es scheint also in der Finanzbranche an der Kenntnis über die Bedeutung von ethischen Werten für den langfristigen Unternehmenserfolg und einem großen Teil der Manager die Persönlichkeit zu fehlen, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen.

Prinzipiell sollten gemäß dem Ansatz der ethischen Personalauswahl nur Mitarbeiter eingestellt oder befördert werden, die den ethischen Kriterien des Unternehmens entsprechen. Hierauf wird gerade bei Führungskräften oft zu wenig Wert gelegt. Ferner sollten Ethikbeauftragte die Prozesse im Unternehmen kontrollieren und an Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptversammlung berichten.

Die aufgezeigten ethischen Verfehlungen zeigen dringenden Handlungsbedarf. Falsche Anreize, mangelnde Kontrolle und Haftung führen zu Schwächen in der Corporate Governance. Skandale bis zu einer neuen Finanzkrise können die Folge sein.

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