Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Frauen sind die Verlierer der Coronakrise – doch der Trend wird sich umkehren

Die sozialen Härten der Pandemie bekommen Frauen derzeit stärker zu spüren als Männer – dabei sind sie Männern bei der Krisenbewältigung überlegen.
28.05.2020 - 19:45 Uhr 1 Kommentar
Der Autor ist Politikwissenschaftler und Zukunftsforscher. Er leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik. Am 12. Juni erscheint sein Buch „Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt und seine Auswirkungen auf unser Leben“. Quelle: Edgar Rodtmann
Daniel Dettling

Der Autor ist Politikwissenschaftler und Zukunftsforscher. Er leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik. Am 12. Juni erscheint sein Buch „Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt und seine Auswirkungen auf unser Leben“.

(Foto: Edgar Rodtmann)

Weltweit führen Frauen in nur 15 von 193 Ländern eine Regierung an. Mit mehr Frauen in Spitzenfunktionen wäre das Leben mit Corona ein anderes: lebenswerter, familienfreundlicher und solidarischer.

In der Coronakrise sind die Frauen aber derzeit die sozialen Verlierer. Etliche Trends sprechen jedoch dafür, dass Frauen nach Corona zu den Gewinnern gehören werden. Nicht allein Gesetze, Geld und Genderpolitik führen zu einem Wandel. In der Arbeitswelt nach Corona geht es um Kommunikation, Kooperation und Zukunftsintelligenz.

Direkte Opfer des Coronavirus sind in den meisten Ländern vor allem Männer. Zwei von drei Corona-Toten sind männlichen Geschlechts. Nicht nur Alter und Vorerkrankungen erhöhen das Risiko, an Corona zu erkranken oder zu sterben. Es ist auch das Geschlecht, sagen Immunologen. Dass nicht noch mehr Männer in diesen Tagen an Corona sterben, liegt aber nicht an den Hormonen, sondern an den Frauen.

Am besten kommen bislang jene Länder durch die Coronakrise, die von Frauen regiert werden. Dänemark (Mette Frederiksen), Island (Katrin Jakobsdottir), Finnland (Sanna Marin), Neuseeland (Jacinda Ardern), Norwegen (Erna Solberg), Taiwan (Tsai Ing-wen) und Deutschland (Angela Merkel) haben im internationalen Vergleich die niedrigsten Infektionsraten und weniger Todesfälle.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Es waren die Regierungschefinnen, die schneller und konsequenter auf den Ausbruch der Pandemie reagierten, während Männer wie Chinas Staatschef Xi Jinping den Ausbruch der Pandemie zu verheimlichen suchten, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, US-Präsident Donald Trump und der britische Premier Boris Johnson das Virus anfangs wahlweise als „Hype“ oder als „chinesisches Virus“ abtaten und fleißig allen Bürgerinnen und Bürgern die Hände schüttelten.

    Als erstes Oberhaupt verkündete die 40-jährige neuseeländische Premierministerin vergangene Woche den Sieg über das Virus. Fast zwei Monate mussten die Neuseeländer eine der weltweit härtesten Ausgangssperren überstehen. Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt: Nur 21 Menschen starben in dem Fünf-Millionen-Einwohner-Land. Unter den deutschen Bundesländern schneidet Mecklenburg-Vorpommern mit Manuela Schwesig am besten ab. Das Land hat die wenigsten Infektionen pro Einwohner und bis heute nur 20 Corona-Tote.

    Auch in Stil und Sprache heben sich die Frauen ab. Wo sich der französische Präsident Emmanuel Macron als Feldherr im „Krieg“ gegen Corona inszeniert, sich Donald Trump als Amerikas höchster Arzt aufführt und der russische Präsident Wladimir Putin abgetaucht ist, kommunizieren die regierenden Frauen naturwissenschaftlich nüchtern, hören auf den Rat der Wissenschaftler und mahnen zur Vorsicht.

    Zurück in alte Rollenmuster

    Corona stellt die Geschlechterfrage neu. Bremst die Pandemie die weitere Gleichstellung in der Arbeitswelt aus? „Plötzlich sind alle Frauen weg“, stellt die Chefin des Verlagshauses Gruner und Jahr, Julia Jäkel, fest. Um 30 Jahre würde Corona die Gleichstellung der Geschlechter zurückwerfen, klagt Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums, und fürchtet eine Retraditionalisierung: „Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen wird noch größer, der Knick in weiblichen Karrieren wird heftiger ausfallen und die Abhängigkeit der Frauen von ihren Partnern zunehmen.“ Und die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken sieht sogar einen „Rollback in die Rollen der Fünfziger“.

    Die neue Arbeitsteilung ist plötzlich die alte: Frauen stehen am Herd und betreuen Hausaufgaben, Männer machen Videokonferenzen und basteln weiter an ihrer Karriere. Homeoffice und Homeschooling heißt für Frauen viel Home und wenig Office. Jede vierte Frau hat ihre Arbeitszeit in der Coronakrise reduziert, von den Männern ist es nur jeder sechste. Dabei arbeiteten bereits vor Corona deutsche Mütter mehrheitlich in Teilzeit. Die Betreuung der Kleinsten zu Hause ist überwiegend die Aufgabe von Frauen.

    Während Autohäuser und Baumärkte längst offen sind, bleiben Kitas und Schulen im föderal regierten Deutschland bislang noch überwiegend geschlossen. Krippen, Kindergärten und Grundschulen zu öffnen, um junge Familien und vor allem Frauen zu entlasten, gehörte nicht zur Priorität der Politik in den Bundesländern. Anders in Island oder Dänemark, beide von Frauen regiert, die bereits vor Wochen Kitas und Schulen wieder öffneten. Hierzulande funktioniert die partnerschaftliche Aufteilung zwischen den Geschlechtern nur so lange, wie die Kinderbetreuung staatlich ausgelagert wird. Fällt sie aus, fällt die Gesellschaft in alte Muster zurück.

    Die aktuelle Debatte um mögliche Lockerungen zeigt, wer im Merkel-Deutschland den Ton angibt: die Männer als Ministerpräsidenten, Virologen und Verbandslobbyisten. Frauen in Deutschland sind sozial systemrelevant, aber ansonsten irrelevant.

    In den Gesundheitsberufen arbeiten mit großer Mehrheit Frauen. In der Krankenpflege sind es 80, in der Altenpflege 84 Prozent. Frauen achten auf andere Menschen und ihre Umwelt, Männer auf die Ökonomie.

    Post-Corona sind die Frauen die Gewinner

    Macht die Pandemie jetzt kaputt, was sich Frauen jahrzehntelang erkämpft und erarbeitet haben? Nein. Gegen die Momentaufnahme spricht die Macht des Wandels. Nach Corona starten wir nicht im Jahr 1990. Corona wird auch in der Geschlechterfrage zum Game Changer. Die Arbeitswelt wird sich radikal ändern.

    Unternehmen werden Büroarbeitsplätze und Reisebudgets auch aus Kostengründen radikal kürzen. Tägliche Großveranstaltungen und Konferenzen werden zur Folklore einer untergehenden männlichen Arbeitswelt. In der „neuen Normalität“ wird Homeoffice die Regel und stundenlange Präsenzsitzungen und Veranstaltungen werden zur Ausnahme. Wir werden mehr Zeit haben: für Familie, Freunde und uns selbst. Die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Arden hat jüngst die Einführung einer Viertagewoche vorgeschlagen - um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Neuseeländer sollen mehr Zeit für Urlaub haben.

    Viele der in der Coronakrise politisch erfolgreich regierten Länder sind bei der Gleichstellung der Geschlechter deutlich weiter als Deutschland. Der Exportweltmeister landet beim Gleichstellungsindex der EU-Kommission nur auf dem 12., bei Bildung sogar nur auf dem 24. Platz.

    Spitzenreiter ist seit Jahren Island. Die globale Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren war dort der Startschuss für eine Gleichstellungsoffensive: eine 40-Prozent-Quote in Vorständen aller Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten. In Deutschland gibt es lediglich eine Quote von 30 Prozent für Aufsichtsräte in börsennotierten Unternehmen.

    Mit mehr Frauen in Führungspositionen wird auch Deutschland besser auf künftige Krisen vorbereitet sein. Länder und Unternehmen, die auf Vielfalt und Gleichberechtigung achten, sind wirtschaftlich erfolgreicher, gesellschaftlich glücklicher und insgesamt widerstandsfähiger.

    Zum wichtigsten Wert in der Post-Corona-Arbeitswelt wird nicht Effizienz, sondern Resilienz. Gemeint ist die Fähigkeit, in wechselnden und ändernden Situationen flexibel und robust reagieren zu können. Gefragt sind Kulturtechniken wie emotionale Intelligenz, Kommunikations-Intelligenz und Netzwerk-Intelligenz.

    Frauen beherrschen die Fähigkeit zur Selbstdisziplin und Selbstorganisation, den selbstbewussten Umgang mit Unsicherheit und Komplexität besser als Männer. Darum sind sie auch die besseren Digitalisierer. Frauen machen nicht, was die Maschinen ihnen sagen, sondern stellen sie infrage und nutzen ihre Künstliche Intelligenz, um die eigene zu vergrößern. Sie verfügen über ein besseres soziales und mentales Immunsystem, weil sie zukunftsintelligenter sind.

    Wenige Wochen vor Ausbruch der Corona-Pandemie hat das World Economic Forum ausgerechnet, dass sich der Gender-Gap erst in 99 Jahren schließen wird, wenn alles so bleibt, wie es ist. Corona wird diesen Zeitraum radikal verkürzen, der Fortschritt wird sich beschleunigen. Der Rückfall in alte Zeiten fällt aus. Spätestens in 20 Jahren verdienen Frauen mehr als Männer, weil sie krisenresistenter sind. Wetten?

    Mehr: Neue Corona-Plattform: Giffey dringt auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf

    Startseite
    Mehr zu: Gastkommentar - Frauen sind die Verlierer der Coronakrise – doch der Trend wird sich umkehren
    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Frauen sind die Verlierer der Coronakrise – doch der Trend wird sich umkehren"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • "Bremst die Pandemie die weitere Gleichstellung in der Arbeitswelt aus?"
      Keine Frage - ja, das tut sie. Wir erhalten seit der Schließung der Schulen und Kitas Anrufe von Eltern, die verzweifelt auf der Suche nach einer Kinderbetreuung bzw. einem Au Pair sind. Diese dürfen kurioserweise allerdings momentan nicht einreisen, obwohl die EU in ihrem Amtsblatt ausdrücklich die Einreise von Pflege- und Kinderbetreuungs-Personal gefordert hat. Es entsteht der Eindruck, die Benachteiligung von Familien mit Kindern und insbesondere Alleinerziehenden sei politisch gewollt. Botschaften stellen keine Visa mehr aus, bestehende Visa werden nicht verlängert. Es wird Zeit, dass die Politik Au Pairs als systemrelevant einstuft - immerhin sind etwa 15.000 Familien in Deutschland von der Aufnahme eines Au Pairs abhängig. Eine Sonderreglung für die Einreise von Au Pairs würde der Gleichstellung in der Arbeitswelt zugute kommen.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%