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Gastkommentar Fünf Schritte in eine nachhaltige Ökonomie

Politische und wirtschaftliche Probleme haben sich durch die Coronakrise massiv verschärft. Um sie zu lösen, brauchen wir komplett neue Denkansätze.
11.09.2020 - 08:58 Uhr Kommentieren
Der Autor war Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).
William White

Der Autor war Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Die meisten Beobachter erhoffen sich nach dem Pandemieschock eine schnelle und nachhaltige Erholung der Wirtschaft. Damit dies eintreten kann, muss auf globaler Ebene entschlossen gehandelt werden. Denn bereits vor der Pandemie gab es bei der globalen Wirtschaft Anzeichen, die auf eine nicht nachhaltige Entwicklung hindeuten.

Während Schuldenberge und Treibhausgase laufend auf immer gefährlichere Höhen stiegen, sank das Vertrauen in die politischen Akteure. Ein wachsendes wirtschaftliches und soziales Ungleichgewicht trugen wesentlich zum Anstieg politischer Spannungen bei.

Die politischen Maßnahmen, die zur Abmilderung der Auswirkungen der Pandemie ergriffen wurden, haben zwar kurzfristig geholfen, langfristig aber verschärfen sie die Ungleichgewichte, die die Weltwirtschaft schon vor Ausbruch der Pandemie belasteten. Die Verschuldung wächst, und die Krise hat die ärmeren Mitglieder der Gesellschaft stärker betroffen.

Das System kann nur über die fiskalisch-monetäre Ausgeglichenheit, ein größeres Gewicht auf Nachhaltigkeit und die Verbesserung des Rahmens für die Verteilung und soziale Inklusion neu gestaltet werden. Eine internationale Übereinkunft darüber, was zur Vermeidung eines Desasters geschehen muss, wäre ein großer Schritt vorwärts.

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    Eine weitaus größere Herausforderung besteht jedoch darin, die politische Führung zu finden, die die notwendigen Veränderungen verwirklicht. Fünf Schlüsselfragen sind zu beantworten:

    Erstens:

    Welche politischen Vorbedingungen stellen eine Bedrohung für nachhaltiges Wachstum dar? Seit den 1980er-Jahren ist die Geldpolitik das bevorzugte antizyklische Instrument der Politik. Doch sind beide, Geld- wie Fiskalpolitik, immer weniger nachhaltig.

    Auf jede tatsächliche oder voraussichtliche Verlangsamung der Wirtschaftsdynamik wurde mit einer Lockerung der Geldpolitik reagiert. Vor dem Hintergrund einer weltweiten Desinflation, also geringer werdenden Inflationsraten, sind die Zinsen in Phasen der Erholung nie in dem Maße gestiegen, wie sie in einem Abschwung gefallen waren.

    Die wachsende Überfrachtung der Geldpolitik spiegelt den Glauben wider, dass die Steuerpolitik in der Praxis niemals „rechtzeitig, gezielt und temporär“ eingesetzt werden kann. Ganz im Gegenteil dachte man, dass die Lockerung der Geldpolitik stets eine Gesamtnachfrage bewirken könne und keine wesentlichen unbeabsichtigten Nebeneffekte haben würde. Leider sind beide Prämissen falsch. Die langfristigen Wirkungen des Politikwechsels sind enorm.

    Die Wirksamkeit der Geldpolitik hängt davon ab, ob künftige Investitionen vorverlagert werden, was oft mit erhöhter Verschuldung einhergeht. Das funktioniert auch, aber nur für kurze Zeit. Dann lähmt die höhere Verschuldung künftige Ausgaben.

    Die finanzpolitische Expansion, die nach Ermessen erfolgt, und die automatischen Stabilisatoren haben in aufeinanderfolgenden Abschwüngen so zusammengewirkt, dass die Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung laufend größer wird.

    Zweitens:

    Welche Erschütterungen bedrohen ein nachhaltiges Wachstum in der Zukunft? Die „politischen Vorbedingungen“ in Form von Verschuldung, die damit einhergehende finanzielle Instabilität, wachsende Ungleichheit und die falsch zugewiesenen Ressourcen könnten allein schon zu einer deflationären Spirale führen, welche die tatsächliche Schuldenlast noch schwerer tragbar macht. Unglücklicherweise müssen wir aber auch noch weitere Bedrohungen für ein nachhaltiges Wachstum berücksichtigen.

    Das künftige Verhalten des Virus bedeutet schon als solches eine immense Unsicherheit. Grundlegende epidemiologische Modelle legen nahe, dass die Infektionen ohne einen Impfstoff so lange nicht enden werden, bis eine „Herdenimmunität“ erreicht ist. Dies bedeutet wiederkehrende Ausbrüche und Lockdowns, die beide jeweils Angebot und Nachfrage für eine weitere Zeit dämpfen werden.

    Die relativen Preise, nicht zuletzt die Immobilienpreise, könnten sich wesentlich ändern, während die Arbeitslosigkeit steigt. Davon am stärksten betroffen werden die Arbeitnehmer in Niedriglohnbereichen sein.

    Nimmt man den fragilen Status der zugrunde liegenden wirtschaftlichen Bedingungen noch hinzu, könnten beide Entwicklungen leicht außer Kontrolle geraten.

    Einer Betrachtung wert sind auch künftige Nebeneffekte auf der Angebotsseite. Die demografische Dividende, die in den letzten Jahrzehnten der Treiber für ein reales Wachstum und eine Disinflation war, kehrt sich jetzt um. Die Zahl der Facharbeiter nimmt sowohl in den entwickelten Volkswirtschaften wie auch in Asien absolut gesehen ab.

    Drittens:

    Wie sähe eine nachhaltige Wirtschaft aus? Wird der derzeitige Weg weiter beschritten, verschlimmert sich die Wirtschaftskrise aller Wahrscheinlichkeit nach weiter, was für kapitalistische und demokratische Modelle eine Bedrohung darstellt. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in unserem analytischen Rahmenwerk.

    Die Weltwirtschaft muss als ein komplexes, adaptives System gesehen werden, wie es sie viele in der Natur und in der Gesellschaft gibt. In Systemen zu denken und nicht, so wie dies derzeit der Fall ist, in Silos ist der Schlüssel zu einer nachhaltigeren Welt.

    Die Nachhaltigkeit zu steigern bedeutet auch mehr Widerstandskraft, auch wenn sich dies kurzfristig negativ auf Leistungsfähigkeit und Gewinne auswirkt. Zudem brechen solche Systeme auch bei größten Bemühungen um strukturelle Änderungen regelmäßig zusammen.

    Das Wirtschaftssystem stützt sich auf interagierende soziale, politische und Umweltsysteme. Die von den Vereinten Nationen entwickelten nachhaltigen Entwicklungsziele zeigen, dass diese Realität inzwischen anerkannt ist.

    Ein nachhaltiges, demokratisches politisches System muss der Verteilung und der sozialen Inklusion mehr Beachtung schenken. Viele der Probleme sind global, unsere globalen Institutionen sind nicht in der Lage, die Probleme zu lösen – auch weil die Nationalstaaten sich weigern, Souveränität abzugeben.

    Wir brauchen eine global anerkannte „Vision“, wie Nachhaltigkeit am besten sichergestellt werden kann und wie eine flexible und dezentralisierte „Umsetzung“ durch unterschiedliche Akteure stattfinden kann. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 war so ein Beispiel.

    Viertens:

    Was braucht man, um dort hinzugelangen, wo wir hinwollen? Die politischen Entscheidungsträger sollten sich auf die Vermeidung von schlechten Ergebnissen konzentrieren. Die Indikatoren für eine zunehmende Belastung des Systems sollten die Suche nach den Auslösern dominieren, da fast jede Entwicklung in einem schwer belasteten System eine Krise auslösen kann. Multiple Stressindikatoren sollten die derzeit bevorzugten Einzelindikatoren ersetzen.

    Oberste Priorität müsste die Neustrukturierung der Verschuldung sein. „Zombie-Unternehmen“, also künstlich am Leben erhaltene Unternehmen, sollten identifiziert und aufgelöst werden. In vielen Ländern müssten die rechtlichen und die Verwaltungsverfahren insoweit gestärkt werden, dass dies in einer geordneten Art und Weise vonstattengehen kann.

    Dies wird sich am stärksten auf Verschuldungen im privatwirtschaftlichen Sektor und die Verschuldung ärmerer Länder auswirken. Dies wiederum könnte bedeuten, dass die Finanzinstitute rekapitalisiert werden müssten.

    Die nächste Priorität muss sein, die Geldpolitik zu „normalisieren“. Der derzeitige Ansatz der Notenbanken schadet mehr, als dass er nützt. Dabei könnte ein möglicher Kollaps auf den Finanzmärkten großen Schaden anrichten, weshalb eine Straffung der Geldpolitik mit großer Umsicht erfolgen muss.

    Die Umstellung auf ein nachhaltigeres Produktionssystem geht mit kostenintensiven Maßnahmen einher, was sich wiederum auf die finanzielle Stabilität auswirkt.

    Fünftens:

    Wie können wir die richtige politische Wahl zwischen „unangenehm“ und „desaströs“ treffen? Die scherzhafte Bemerkung des amerikanischen Ökonomen John Kenneth Galbraith trifft es noch immer: „Politik ist nicht die Kunst des Möglichen. Sie ist die Wahl zwischen dem Unangenehmen und dem Desaströsen“.

    Leider gehen all die Veränderungen, die nötig sind, um Letzteres zu vermeiden, mit hohen Kosten einher – sei es in wirtschaftlicher Hinsicht oder in Bezug auf lieb gewonnene Überzeugungen. Dazu kommt, dass die meisten der wirtschaftlichen Kosten wohl von den bessergestellten Teilen der Gesellschaft zu tragen sind, die dann versucht sein könnten (und auch die Mittel hätten), dies zu verhindern.

    Vor dem Hintergrund der kürzlich gemachten Erfahrungen ist ein wahrscheinliches Ergebnis, dass die Geld- und die Fiskalpolitik ihren expansiven Kurs noch „intensivieren“, was wiederum dazu führt, dass die Notenbanken vermehrt die Staatsverschuldung finanzieren werden.

    Eine Stärkung der makroökonomischen Anreize und eine mögliche finanzielle Repression könnten eine Eskalation der Wirtschaftskrise für ein paar Jahre erfolgreich hinausschieben. Verhindert werden kann die notwendige Korrektur allerdings nicht, da dieses System nicht nachhaltig ist und auch für das Ökosystem eine große Belastung darstellt.

    Die größte Gefahr, die von dieser Strategie ausgeht, ist, dass die „fiskalische Dominanz“ letztendlich das Vertrauen aushöhlt, dass sich die Notenbanken einer höheren Inflation und inflationären Erwartungen entgegenstellen werden. Und es gibt eine Reihe von Gründen, warum es bald wieder eine Inflation geben könnte.

    Dass es eine „desaströse“ Möglichkeit gibt, hilft bei der Argumentation, die „unangenehmen“ Politikalternativen zu wählen, die noch zur Verfügung stehen. Es gibt keine Alternative, als auf globaler Ebene aktiv zu werden, um das mögliche Desaster abzuwenden.

    Mehr: Die Krise ist noch lange nicht vorbei

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