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Gastkommentar Gerade jetzt braucht es Mut bei der Digitalisierung

Bei der Stabilisierung der Coronakrise hat Deutschland Kreativität bewiesen. Doch das Offensivspiel sollten Unternehmen darüber nicht verlernen.
  • Robert Lacher, Sebastian Pollok
15.04.2020 - 15:48 Uhr Kommentieren
Die Autoren sind Gründungspartner des Venture-Capital-Fonds Visionaries Club.
Robert Lacher (l.) und Sebastian Pollok

Die Autoren sind Gründungspartner des Venture-Capital-Fonds Visionaries Club.

In den letzten Wochen haben viele Firmen echtes Unternehmertum vorgelebt. In Rekordgeschwindigkeit und mit unglaublicher Kreativität und Konsequenz wurde auf die Krise reagiert: Plötzlich produzieren Modefirmen Schutzbekleidung, Digitalplattformen helfen Lokalunternehmen, Gastronomiemitarbeiter springen im Supermarkt ein. Diese Aktionen helfen bei der Stabilisierung und Überbrückung der Krise. Das Defensivspiel beherrschen wir.

Das gleiche unternehmerische Momentum, das wir gerade in der Defensive beweisen, müssen wir auch in der Offensive spielen. Warum? Unsere deutsche Industrie ist auch unabhängig von Covid-19 schon seit zwei Jahren in einer Rezession, und wir haben viel in der Digitalisierung verpasst. Stand heute hat Deutschland in zehn Jahren kein Geschäftsmodell mehr, weil China nicht nur unsere traditionelle Industrie adaptiert hat, sondern uns auch in der Digitalisierung Lichtjahre voraus ist.

Wenn wir uns aber für einen Moment trauen, positiv zu denken, ist die Krise unsere Chance, die Digitalisierung zu beschleunigen und endlich konsequent umzusetzen. Statt in den Krisenreflex zu verfallen und die Digitalisierung weiter aufzuschieben, müssen wir das Gegenteil tun: massiv in neue Technologien investieren.

Investitionen in zukunftsgerichtete Technologien hängen stark von der wirtschaftlichen Gesamtlage ab. Sind die Konjunkturprognosen düster, sind Kunden und Investoren zurückhaltender. Für B2B-Start-ups heißt das: Die Bereitschaft zum Einsatz neuer Technologien auf Kundenseite sinkt, Kaufentscheidungen werden um zwölf bis 18 Monate verschoben und Preise fallen. Investoren vertagen Finanzierungsrunden, versuchen zu niedrigeren Bewertungen einzusteigen und fokussieren sich auf schnell profitable Unternehmen.

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    Es folgt eine „Darwin‘sche Selektion“ – ein „Survival of the Fittest“. Überlebende Start-ups gehen gestärkt in einem deutlich konsolidierten Markt aus der Krise. Manche Investoren sprechen sogar von einer „gesunden Korrektur“. Das Fatale an dieser Dynamik ist aber: Es trifft auch viele Falsche. 70 Prozent der deutschen Start-ups könnten die nächsten sechs Monate nicht überleben.

    Es liegt in der Natur von Start-ups, zum Wachstum auf externes Kapital angewiesen und typischerweise nur für zwölf bis 24 Monate finanziert zu sein. Wer also genau jetzt wieder Geld einsammeln wollte, hat es schwer – unabhängig davon, wie vielversprechend die Technologie und das Business-Modell waren. Mit dem drohenden Start-up-Sterben stirbt auch unsere Chance, mittelfristig bei der Digitalisierung global vorn mitzuspielen.

    Krise bringt Klarheit

    Diese plötzlich einsetzende Entwicklung steht als exogener Schock in starkem Kontrast zu der jüngsten Entwicklung unseres Technologie- und VC-Ökosystems vor der Krise: Die Industrie war bei der Digitalisierung im Aufholmodus. Gleichzeitig gab es in den letzten zwei Jahren einen starken Kapitalzufluss – ausgelöst durch das Niedrigzinsumfeld und das große Digitalisierungspotenzial in Europa.

    Die meisten Venture-Capital-Fonds haben noch vor kurzem Rekordbeträge eingesammelt. Die Bereitschaft der Industrie war da, das Geld auch. Wir sind kurz vor dem „Inflection Point“, also dem Punkt, an dem eine Entwicklung echtes Momentum aufbaut. Die Frage ist nur: Momentum für einen Auf- oder Abwärtstrend? Es liegt jetzt an uns, das Ruder in die richtige Richtung zu reißen und nicht jetzt schon durch die Krise ins „Schach“ gesetzt zu werden.

    Wenn man im Maschinenraum des Unternehmens gerade jeden Tag ums Überleben kämpft, hat man keinen Kopf für radikale Investitionen. Es geht deshalb auch nicht darum, dass einzelne Firmen investieren sollen, als wäre nichts gewesen. Es geht vielmehr darum, die systematischen Chancen, die diese Krise bringt, zu erkennen.

    Die Krise bringt Klarheit, um zielgerichtet investieren zu können. Wie unter dem Brennglas sehen wir in dieser Krise, wo sich Schwachstellen im Bereich Digitalisierung auftun. Wir wissen also besser, was wo gebraucht wird – und damit, wo sich Investitionen lohnen.

    Die Aufbruchstimmung schafft Bedingungen für radikale Veränderungen. Unsere Zusammenarbeit ist von heute auf morgen 100 Prozent digital im Homeoffice, Produktionsstätten werden in wenigen Wochen für Medizinprodukte umfunktioniert. Diese „Can do“-Mentalität müssen wir nutzen, um lang aufgeschobene Digitalisierungsprojekte in der Industrie zu beschleunigen.

    Eins haben Technologietrends und das Virus gemeinsam: Sie entwickeln sich exponentiell. Das heißt: Die Zeit spielt mit jedem Monat der Verzögerung gegen, mit jedem Monat der Beschleunigung für uns. Vergessen wir also neben der Bewältigung der Krise nicht den Blick nach vorn.

    Denn wenn wir in ein paar Jahren auf das Frühjahr 2020 zurückschauen, dann wollen wir sagen können: Wir haben zur richtigen Zeit echten Mut bewiesen – oder wie der Formel-1-Pilot Ayrton Senner gesagt hat: „You can‘t overtake 15 cars in sunny weather ... but you can when it’s raining.“

    Mehr: Corona legt Deutschlands digitale Defizite schonungslos offen

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