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Gastkommentar – „Global Challenges“ Stoppt die Vermüllung des Weltraums!

Nach den Meeren darf jetzt nicht auch noch das All zur Abfallkippe der Menschen werden. Notwendig zur Müllvermeidung ist ein globales Rahmenabkommen, mahnt Ann-Kristin Achleitner.
18.02.2021 - 09:05 Uhr Kommentieren
Das Weltall hat sich zum schnell wachsenden Milliardenmarkt entwickelt. Quelle: dpa
Erdaufgang über dem Horizont des Mondes aus der Sicht der Apollo 8 Mission

Das Weltall hat sich zum schnell wachsenden Milliardenmarkt entwickelt.

(Foto: dpa)

Wenn heute vom Zugang zum Weltall die Rede ist, denken viele spontan an Mond- oder gar Marsmissionen. Peterchens Mondfahrt, Raumpatrouille Orion oder Raumschiff Enterprise prägen immer noch unser Bild von der Eroberung des Alls. Als Motiv für die kostspieligen Raumfahrtprogramme der Vergangenheit wird die Romantik der Reisen in ferne Galaxien angeführt, die Lust an technischen Spielereien oder auch die Systemkonkurrenz zwischen den USA, Russland und China.

Tatsächlich aber erleben wir erst jetzt eine regelrechte Industrialisierung des Weltraums, die mit Romantik nicht mehr viel zu tun hat. Deshalb stellt sich die Frage: Haben wir aus der Verschmutzung der Meere überhaupt etwas gelernt? Und: Können wir im Weltraum noch verhindern, was auf der Erde misslang?

Das Weltall ist ein schnell wachsender Milliardenmarkt, in dessen Vordergrund die Satelliteninfrastruktur steht. Wir brauchen die künstlichen Raumflugkörper für unzählige Dinge des täglichen Lebens – für Telekommunikation und Navigation genauso wie für Umweltschutz und Landwirtschaft. Satelliten sind aus unserem modernen Leben nicht mehr wegzudenken.

Die Europäische Weltraumorganisation (Esa) schätzt, dass heute schon zehn Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union ohne Navigationssatelliten nicht erbracht werden könnten. Darüber hinaus sind viele neue Industrien abhängig von Satellitennutzung – man denke nur an das autonome Fahren. Nicht zuletzt spielen die künstlichen Raumfahrtkörper auch im militärischen Bereich eine wachsende Rolle.

Es ist daher aus geopolitischer Sicht zu begrüßen, dass die Europäische Union endlich die Bedeutung eines eigenen Satellitennetzes erkannt hat. So beschloss die EU-Kommission Ende vergangenen Jahres, mit sechs Milliarden Euro ein Daten-Weltraumnetz für die sichere Übertragung und Speicherung von Breitbanddaten aufzubauen – um von den USA und China unabhängig zu werden und die eigene Wirtschaft zu schützen.

Ann-Kristin Achleitner ist, Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU München und Mitglied in zwei Konzernaufsichtsräten. Quelle: Thorsten Jochim für Handelsblatt
Die Autorin

Ann-Kristin Achleitner ist, Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU München und Mitglied in zwei Konzernaufsichtsräten.

(Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt)

Das Netz soll 2025 in Betrieb gehen. Die Tatsache, dass sich für das Projekt neun konkurrierende Unternehmen aus der Raumfahrt- und Telekombranche verbündet haben, zeigt, wie ambitioniert das Vorhaben ist.

Problem des Weltraummülls muss entschärft werden

Darüber hinaus hat der Bundesverband der Deutschen Industrie einen Vorschlag vorgelegt, wie die deutsche Souveränität durch eine mobile Startplattform für Kleinsatelliten in der Nordsee gestärkt werden kann. Von der mobilen Plattform, einem umgerüsteten Schiff, könnten mit finanzieller Unterstützung des Bundes in den nächsten Jahren Tausende Kleinsatelliten ins All geschossen werden. Das Projekt würde die kommerzielle Raumfahrt in der EU zweifellos stärken.

Deutschland kann in diesem Feld bereits auf zahlreiche Unternehmen verweisen. So entwickeln beispielsweise drei deutsche Unternehmen Raketen, um Satelliten ins All zu schießen. Die kommerzielle Raumfahrt sollte auf diesem Weg voranschreiten – sich allerdings viel stärker als bislang vom Gedanken der Nachhaltigkeit leiten lassen.

Denn das durch den Weltraumverkehr aufgeworfene Problem des Weltraummülls muss dringend entschärft werden. Schon kleine Teile von einem Zentimeter Durchmesser können Kollisionsschäden verursachen und die Ausfallwahrscheinlichkeit von Satellitendiensten deutlich erhöhen. Außerdem besteht die Gefahr, dass große Müllklumpen auf die Erde herabstürzen.

Die Esa schätzt, dass derzeit 900.000 Müllteile durch den Weltraum fliegen, 34.000 haben einen Durchmesser von mehr als zehn Zentimetern. Insgesamt gibt es 8500 Tonnen Weltraumschrott, überwiegend handelt es sich um abgeschaltete Satelliten. Seit dem Start des russischen Sputnik 1 im Jahr 1957 wurden 8950 Satelliten ins All geschossen. Viele der künstlichen Raumflugkörper konnten nach getaner Arbeit bei kontrollierten Abstürzen zerstört werden, doch gut 3000 unbrauchbare Satelliten schwirren immer noch unkontrolliert als Weltraumschrott umher.

Hinzu kommen ausgediente Raketenoberstufen oder auch Werkzeug, das Astronauten bei Reparaturarbeiten verloren haben. Aufgrund von Verschleiß, Kollisionen und Explosionen werden daraus laufend immer mehr Teile.

Globales Rahmenabkommen notwendig

Sosehr es eine Frage nationaler Souveränität ist, Zugang zum Weltraum zu haben, so sehr ist es eine globale Herausforderung, angesichts des rasanten Anstiegs der Satellitennutzung für eine nachhaltige Nutzung des Alls zu sorgen. Allein der US-Unternehmer Elon Musk hat im Rahmen seines Starlink-Projekts die Genehmigung für 12.700 Satelliten erhalten.

Was wir jetzt brauchen, ist ein globales Rahmenabkommen zum Umgang mit und zur Vermeidung von Weltraumschrott. Konkret muss es dabei um die Reduzierung des vorhandenen und des künftigen Schrotts gehen. Die Oberstufen der Trägerraketen etwa sollte man nicht im All lassen, sondern aus der Umlaufbahn gezielt auf die Erde zurückbringen. Auch ungenutzte Satelliten sollten am Ende ihrer Laufzeit nicht weiter kreisen und sich so gar nicht erst in Weltraumschrott verwandeln.

Außerdem muss der vorhandene großteilige Müll beseitigt werden. Derzeit sind verschiedene Techniken im Gespräch, beispielsweise Einfangsonden mit Roboterarmen, Fangnetze oder Harpunen. Die Esa hat im vergangenen Dezember einen Vertrag mit Clearspace unterzeichnet, einer Ausgründung der technisch-naturwissenschaftlichen Universität ETH Lausanne: Die Experten sollen im Jahr 2025 eine ausgediente Oberstufe einer Vega-Trägerrakete sicher zurück zur Erde bringen.

Perspektivisch geht es also um den Aufbau einer Weltraum-Müllabfuhr – und einen Mentalitätswandel. Wir müssen aus der Verschmutzung der Meere lernen, wie naiv die ursprüngliche Annahme war, Ozeane würden allein schon wegen ihrer schieren Größe mit den von Menschen verursachten Belastungen fertig.

Die Vorstellung, das All könne wie eine große Müllhalde genutzt werden, muss durch ein Nachhaltigkeitskonzept ersetzt werden. Aus den Fehlern bei der Industrialisierung der Welt sollten wir die richtigen Schlüsse für die Industrialisierung des Weltraums ziehen.

Die EU, Japan, die USA, die Vereinten Nationen und mehrere Raumfahrtbehörden arbeiten derzeit an einem Nachhaltigkeitskonzept, wobei grundsätzlich das Verursacherprinzip gelten soll. Es geht um Regulierung, Best Practice und Einsätze der Weltraum-Müllabfuhr. Vielleicht bringt die für April in Darmstadt geplante internationale Konferenz zum Weltraummüll ja weitere Fortschritte.

Letztlich muss ein globales Rahmenabkommen angestrebt werden, dem auch China und Russland zustimmen. Ein solches Abkommen zur nachhaltigen Nutzung des Alls wäre sogar geeignet, die geopolitischen Spannungen auf der Erde zu entschärfen.

Mehr: Staatskapitalismus vs. Marktwirtschaft – Pandemie bringt Frage des Systemwettbewerbs zurück auf die Agenda, meint Jörg Rocholl

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