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Gastkommentar Großbritannien braucht einen Brexit-Realitätscheck

Wenn die britische Regierung keine Einigung findet, sollte sie die Bevölkerung erneut zum Brexit befragen. Die EU wird keine Kompromisse mehr machen.
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Der Autor ist Vorstandsvorsitzender von Bilfinger. Quelle: action press
Tom Blades

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender von Bilfinger.

(Foto: action press)

Der Brexit-Karren ist festgefahren. Ein bisschen hat er sich kürzlich bewegt – als Großbritannien und die Europäische Union das Datum für den möglichen Austritt erneut verschoben haben, ironischerweise auf den 31. Oktober: Halloween, ein Tag zum Gruseln. Ob die verbleibende Zeit tatkräftig genutzt wird, um den Karren auf festes Terrain zu bewegen, ist nicht vorhersehbar.

Ich führe den Vorstand eines deutschen Traditionskonzerns, ich bin britischer Staatsbürger und überzeugter Europäer. Anfang dieses Jahres wurde ich bei einer internationalen Konferenz gebeten, meine größte Angst und meine größte Hoffnung für 2019 zu formulieren.

Meine Antwort hatte drei Wörter: Brexit und Brexit. Für mich ist klar: Den ehrenwerten Deal mit der EU wollen die Briten nicht. Größere Kompromisse wird wiederum die EU nicht mehr machen. Und einen Austritt ohne Deal möchte niemand, er würde im Wirtschaftsgefüge sichtbare Bremsspuren hinterlassen.

Gegenüber Kollegen erkläre ich immer wieder: Großbritannien legt großen Wert auf seine königliche Eigenständigkeit. Wir haben es erfolgreich geschafft, diese Eigenständigkeit zu bewahren. Wir hatten zum Beispiel entschieden, nicht Teil der Europäischen Währungsunion zu werden. Gemeinsam mit Irland haben wir einen starken Grenzschutz organisiert – außerhalb des Schengen-Raums.

Gleichzeitig spielen wir Briten in Europa eine Schlüsselrolle, ebenso in der Nato. Und Europa bietet große Chancen: zum Beispiel einen gemeinsamen Lebensraum, in dem wir grenzenlos arbeiten können. Einen Binnenmarkt mit 500 Millionen Verbrauchern. Es gibt Hilfen für strukturell schwächere Regionen.

Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond sagte treffend: Aus rein ökonomischer Sicht wäre es am besten, wenn Großbritannien in der EU bliebe. Er kennt das Kosten-Nutzen-Prinzip genau: Was ist etwa mit den Milliarden an Trennungskosten, die Großbritannien der EU zahlen müsste? Wurden von den Brexit-Befürwortern nie erwähnt. Ich bin in Devon groß geworden, meine Verwandten leben in Cornwall. Wie würde Großbritannien die ausbleibenden EU-Subventionen für solche Regionen kompensieren? Völlig unklar.

Am 23. Juni 2016 hatte sich eine knappe Mehrheit für einen Brexit entschieden, nicht zuletzt wegen vollmundiger Versprechen der Brexiteers. Es sollte ein schneller Brexit sein – nicht erfüllt. Es sollte viele bilaterale Handelsabkommen geben – nicht erfüllt. Und statt jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU zu überweisen, würde das Geld ins britische Gesundheitssystem fließen. Auch dieses Versprechen: nicht erfüllt.

Die Briten verdienen konkrete Antworten auf ihre Fragen

Die Briten, die im guten Glauben für einen Brexit gestimmt haben, verdienen konkrete Antworten auf ihre Sorgen zur Souveränität oder zum Gesundheitssystem ihres Landes. Deshalb erzeugt der vorliegende Deal mit der EU hitzige Debatten, aber keine Zustimmung.

In Großbritannien findet man eine Jugend, deren sozioökonomische Zukunft untrennbar mit Europa verbunden ist. Und dennoch ging nur wenig mehr als ein Drittel der unter 24-jährigen Briten zur Wahl. Das ist Geschichte. Die Zukunft muss man für diese junge Generation gestalten, ihnen Perspektiven eröffnen.

Die Briten, die im guten Glauben für einen Brexit gestimmt haben, verdienen konkrete Antworten auf ihre Sorgen zur Souveränität. Tom Blades

Die EU ist die richtige Antwort, gemeinsam sind die Länder stärker. Europa bietet unbestritten große Errungenschaften. Diese dürfen nicht durch bürokratische Hürden verstellt werden, die ein Brexit zwangsläufig mit sich bringen würde.

Bilfinger hat in Großbritannien rund 4.000 Mitarbeiter, Ingenieure, Isolierer, Instandhalter zum Beispiel. Sie sind offshore im Einsatz und an Land – in der Öl- und Gas-Industrie, im Chemie- und Petrochemiesektor und im Energiebereich. Unsere Aktivitäten finden vor allem auf lokaler Ebene statt, direkt beim Kunden.

Unsere Mitarbeiter steigern die Effizienz von Anlagen und senken gleichzeitig die Instandhaltungskosten. Unabhängig von dem, was politisch kommt: Wir stehen fest zu unserem Geschäft im Vereinigten Königreich und bleiben dort verankert!

Bevölkerung soll das Sagen haben

Ein Brexit würde uns weniger treffen, weil wir in Großbritannien regional aufgestellt sind – keine Im- oder Exportgeschäfte. Gleichzeitig können uns mögliche Auswirkungen nicht kaltlassen. Kürzlich hat der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das Wachstum der globalen Konjunktur gesenkt.

Vor allem politische Unsicherheiten seien Anlass dafür. Man darf nicht vergessen: Knapp die Hälfte der britischen Exporte gehen in die EU, rund die Hälfte ihrer Importe beziehen die Briten wiederum aus der EU. Und für Deutschland gehört Großbritannien zu den weltweit wichtigsten Handelspartnern. Die globalen Herausforderungen sind groß, und sie nehmen zu. Gerade in diesen Zeiten muss man seine Stärken bündeln.

Für mich ist Großbritannien ein zentraler Teil Europas. Das Vereinigte Königreich kann seine Absicht zum Austritt jederzeit widerrufen. Das hat der Europäische Gerichtshof vor ein paar Monaten bestätigt. Ich meine: Wenn die britische Regierung keine politischen Mehrheiten findet, sollte sie die Bevölkerung erneut zum Brexit befragen – im Lichte der damaligen Versprechungen und heutigen Inhalte des Brexit-Pakets.

Ein solcher Realitätscheck wäre gelebte Demokratie. Ich wage keine Prognose, wie der Brexit-Prozess ausgeht – der festgefahrene Karren muss aber möglichst schnell auf festes Fundament. Damit Halloween im übertragenen Sinne nicht auch wirtschaftspolitisch zum Gruseln wird.

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1 Kommentar zu "Gastkommentar: Großbritannien braucht einen Brexit-Realitätscheck"

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  • Ich finde es ebenso schade, dass die Briten für einen Austritt gestimmt haben. Dennoch finde ich, dass eine zweite Abstimmung NICHT der Demokratie dienlich ist, sondern lediglich den Partikularinteressen in GB dient. - Meine Vermutung ist ja, dass die Briten ein zweites Referendum durch die Hintertür abhalten werden, indem sie bei der Europawahl teilnehmen.