Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Im Konflikt zwischen USA und China ist Europa auf verlorenem Posten

Vor allem technologisch gerät Europa im Konflikt zwischen USA und China unter Druck. Die Herausforderung ist die Verteidigung der Datensouveränität.
Kommentieren
Joschka Fischer: Europa steht auf verlorenem Posten Quelle: dpa [M]
Joschka Fischer

Der Autor war von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister und Vizekanzler.

(Foto: dpa [M])

Zwei Jahrzehnte ist das 21. Jahrhundert jetzt nahezu alt, und zumindest in der westlichen Welt beginnt es lange Schatten zu werfen. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts frönte man allenthalben, vor allem aber in Europa, der Illusion vom „Ende der Geschichte“.

Der Westen habe im Kalten Krieg gesiegt, jenem dritten der drei großen globalen Kriege des 20. Jahrhunderts, aus der die Weltordnung um die letzte Jahrhundertwende herum hervorgegangen ist. Die Ordnung der Welt schien – im Interesse des Westens! – für alle Zeiten gesichert. Fortan würde die Weltgeschichte quasi alternativlos ihrem ultimativen Ziel entgegenschreiten, nämlich der globalen Durchsetzung von westlicher Demokratie und Marktwirtschaft. Welch grandioser Irrtum!

Nur zwei Jahrzehnte später ist die Welt klüger, und der Westen selbst erweist sich als ein veritables Kind des 20. Jahrhunderts, und es stellt sich heutzutage ernsthaft die Frage nach seiner Zukunft. Die globale Ordnung ist dabei, sich fundamental zu verändern. Das globale Zentrum hat sich vom Nordatlantik in den Pazifik und nach Ostasien verschoben. China befindet sich an der politischen, wirtschaftlichen und technologischen Schwelle zur Weltmacht.

Die USA sind ihrer globalen Führungsrolle müde geworden und haben unter Präsident Obama ihren Rückzug eingeleitet. Unter Präsident Trump wurde dieser Prozess in chaotischer und gefährlicher Weise beschleunigt. Dadurch aber wird der transatlantische Westen in seiner Existenz gefährdet, und die globale Ordnung ist dabei, ihre bisherigen werte- und machtpolitischen Grundlagen zu verlieren, ohne dass sich vernünftige Alternativen abzeichnen würden.

Wer bei den beiden zentralen Faktoren, der Digitalisierung der menschlichen Intelligenz (Künstliche Intelligenz) und der Kontrolle der dafür notwendigen gewaltigen Mengen an Daten (Big Data), nicht ganz vorn mit dabei ist, wird absteigen, abhängig werden und fremder Kontrolle unterliegen. Souveränität im 21. Jahrhundert wird nicht mehr vor allem durch militärische Nuklearmacht definiert werden, sondern durch technologische und Datensouveränität.

Wohlige Illusion

Wie steht es nun um Europa in diesem neuen Jahrhundert? Der alte Kontinent ist in einer alles andere als optimalen Form in das neue Jahrhundert eingetreten. In der wohligen Illusion vom ewigen Frieden und dem Ende der Geschichte lebend, hat der alte Kontinent zwar die Erweiterung der EU bewerkstelligt, gleichwohl aber die Vollendung der Integration des Kontinents verdaddelt.

Auch der Entzug der amerikanischen Sicherheitsgarantie traf Europa wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und die Folgen der digitalen Revolution ebenso. Europa steht gegenwärtig extrem schwach da.

Die erste Phase der Digitalisierung – plattformbasierte Unternehmen für Konsumenten – hat, ganz im Gegensatz zu China, faktisch keine wettbewerbsfähigen europäischen Unternehmen hervorgebracht. Ebenso wenig cloudbasierte Unternehmen, die mit den Giganten aus Silicon Valley oder China mithalten könnten.

Die wichtigste Frage, welche die neue Kommission der EU gemeinsam mit den Mitgliedstaaten angehen muss, ist die digitale Revolution mittels der Cloud und dadurch die Verteidigung von Europas Datensouveränität. Die für Europas Wettbewerbsfähigkeit und damit auch seinen zukünftigen Reichtum oder, alternativ dazu, wirtschaftlichen Abstieg, entscheidenden Technologien werden durch die digitale Revolution fundamental verändert werden, und die Frage, wer über Europas dafür notwendige Daten verfügen wird und zu welchen Bedingungen und unter wessen Kontrolle, ist die entscheidende Zukunftsfrage für die Demokratie und den zukünftigen Wohlstand des alten Kontinents, die erstens nur noch europäisch und nicht mehr national beantwortet werden kann und zweitens nur jetzt und nicht irgendwann. Denn der Zug hat sich bereits in Bewegung gesetzt.

Die Privatwirtschaft kann nicht alleine aufholen

Automobilbereich, Maschinenbau, intelligente Fabriken, Humanmedizin, Verteidigung, smarte Netze, private Haushalte und viele weitere Sektoren werden der digitalen Disruption unterliegen, und dabei wird die Kontrolle der Daten über die Macht- und Wohlstandsverteilung entscheiden. Diese Daten werden im Wesentlichen cloudbasiert verarbeitet werden. Das heißt, die Kontrolle der Cloud wird an erster Stelle über die Wohlstands- und Machtverteilung in diesem Jahrhundert entscheiden. Europa wird also als wichtigste Aufgabe seine Datensouveränität sichern müssen. Das wird sehr große materielle Ressourcen und eine entschlossene Aufholjagd gegenüber den USA und China erfordern, denn im Augenblick droht Europa, weil viel zu langsam und unentschlossen, abgehängt zu werden.

Man sollte sich auch keine Illusionen machen: Die Privatwirtschaft wird eine solche Aufholjagd allein nicht schaffen. Es geht hier um eine strategische Grundsatzentscheidung, die nur Wirtschaft, Forschung und Politik gemeinsam angehen können, und zwar europäisch. Brüssel wird steuern, regulieren und, gemeinsam mit den Mitgliedstaaten, auch finanzieren müssen. Für Europa hat die Herstellung und Sicherung seiner Datensouveränität aber unbedingte Priorität, wenn sein Abstieg in diesem Jahrhundert nicht endgültig sein und seine Demokratie bewahrt werden soll. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Mehr: Sei es die Cloud-Initiative, das Hochgeschwindigkeitsnetz 5G oder die Künstliche Intelligenz: Europa hat großes Potenzial, schöpft es aber nicht aus, argumentiert Handelsblatt-Autor Moritz Koch.

Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Im Konflikt zwischen USA und China ist Europa auf verlorenem Posten

0 Kommentare zu "Gastkommentar: Im Konflikt zwischen USA und China ist Europa auf verlorenem Posten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote