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Gastkommentar Jens Baas: Soziale Medien brauchen kritische Nutzer

Soziale Medien sind eine Quelle von Fake News und verlangen ständige Aufmerksamkeit. Wie ein gesunder Umgang gelingt.
12.11.2020 - 15:52 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt
Jens Baas

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse.

(Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt)

Längst herrscht das Phänomen, dass sich die Menschen nicht nur mit der Bewältigung fundamentaler Krisen auseinandersetzen müssen, sondern auch damit, welche Informationen darüber richtig sind. Stimmt der Post über Corona auf Facebook? Ist dem Youtube-Video zum Thema Impfen Glauben zu schenken? Fakten sind keine unumstößliche Wahrheit mehr, sondern werden zunehmend verwechselt mit Meinungen. So werden Tatsachen plötzlich zur Glaubensfrage deklariert und Meinungen zu „alternativen Fakten“.

Egal, ob es um die US-Wahl, die Flüchtlingskrise, den Klimawandel oder um Corona geht – im Internet und in sozialen Netzwerken finden sich abseits seriöser Berichterstattung unzählige Falschmeldungen, die wissenschaftliche Fakten in absurder Weise infrage stellen.

Das kann bedenkliche Folgen haben: Wenn Menschen sich etwa aufgrund von kruden Verschwörungstheorien nicht an die Hygienemaßnahmen halten, riskieren sie nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern unterlaufen auch die Eindämmung der Pandemie. Und wenn die Legitimität von Wahlen diskreditiert wird, gefährdet das ganze Demokratien. Falsche Informationen sind kein Problem Einzelner, sondern gefährden die Gesellschaft.

In einer Zeit, in der durch das Internet mehr Menschen als jemals zuvor Zugang zu Wissen und Bildung haben, befinden sie sich gleichzeitig in einer Informationskrise. In einer Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung geben 54 Prozent der Befragten an, dass es ihnen schwerfällt, zwischen Fakten und Fake News zu unterscheiden. Die zunehmende Informationsflut führt also gerade nicht zu mehr Aufklärung in der Bevölkerung.

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    Verschwörungstheorien und Falschmeldungen sind so alt wie die Menschheitsgeschichte. Früher erreichten sie jedoch nur wenige Menschen. Heute wirken soziale Netzwerke als Katalysator für Fake News. Denn die Naumann-Studie zeigt auch: Noch nie zuvor haben sich Desinformationen so schnell und flächendeckend verbreitet und festgesetzt.

    Das liegt vor allem an Algorithmen, die steuern, welche Inhalte Nutzer auf den Plattformen zu sehen bekommen. Youtube setzt beispielsweise auf die KI-Technologie von „Google Brain“. Sie hat gelernt, dass Nutzer Videos häufiger anklicken, wenn der Inhalt nicht identisch, sondern möglichst ähnlich ist. Der Nutzer bekommt zwar ähnlichen, aber trotzdem neuen Content vorgeschlagen.

    Wer etwa ein Video über veganes Kochen geschaut hat, bekommt Vorschläge für Dokumentationen über die nachhaltige Herstellung von Kleidung. Bei politischen Themen führt diese Logik dazu, dass Nutzer nur Inhalte vorgeschlagen bekommen, die ihrem politischen Verständnis entsprechen.

    Komplexe Sachverhalte gehen unter

    Und komplexe Sachverhalte, die eben nicht immer mit 280 Zeichen erklärt werden können, gehen in der Aufmerksamkeitsschlacht gegenüber Bierzeltparolen unter. Die Auseinandersetzung mit konträren Ansichten bleibt aus. Mehr noch: Es kommt zum sogenannten „confirmation bias“. Wer bereits eine feste Meinung hat, neigt dazu, jede weitere Information so zu interpretieren, dass sie die eigene These stützt.

    Mittlerweile gehören jene Konzerne zu den wertvollsten der Welt, die keine Produkte herstellen, sondern um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Das Buhlen um Klicks hat zu einer drastischen Zuspitzung der Inhalte geführt. Geklickt wird, was auffällt. Und das sind in den seltensten Fällen sachliche Informationen, sondern in der Regel Zuspitzungen, Provokationen und Empörung.

    Clickbait, der Klickköder, ist die digitale Version der fett gedruckten Schlagzeilen und großformatigen Fotos auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen, die im Straßenverkauf um die Gunst der Käufer buhlen. Im Unterschied zur analogen Schwester kommt bei sozialen Netzwerken das enorme Suchtpotenzial dazu. Sie sind immer und überall verfügbar und bieten immer neue Schlagzeilen.

    Die Frage ist: Wie lässt sich diese Dynamik stoppen? Schnell wird da der Ruf nach der Verantwortung von Youtube, Facebook, Twitter und Co. laut. Doch ein Blick auf die Realität zeigt: Diese ändern ihre problematischen Algorithmen nur, wenn Shitstorms oder Berichte über Fehlentwicklungen für öffentlichen Druck sorgen. Es fehlt jedoch der ökonomische Anreiz, dass diese Unternehmen aus intrinsischer Motivation gegen Fake-Inhalte vorgehen.

    Solange die Werbeeinnahmen der Hebel sind, werden die sozialen Netzwerke weiter daran arbeiten, ihre Algorithmen so zu optimieren, dass Nutzer möglichst viel Zeit auf ihren Kanälen verbringen, um ihnen mehr Werbung zeigen zu können. Zu glauben, dass diese Unternehmen ihr Verhalten von sich aus ändern werden, wäre also naiv.

    Das Smartphone als Suchtmittel

    Es bleiben daher nur zwei Hebel: Der ehemalige Google-Produktmanager Tristan Harris vergleicht die Auswirkungen von sozialen Medien auf das menschliche Gehirn mit Glücksspielautomaten. Das ständige Checken von neuen Nachrichten auf dem Smartphone, Push-Funktionen und Swipe-to-refresh, die schnelle Aktualisierung – all das sorgt dafür, dass dieselben Belohnungshormone ausgeschüttet werden wie am einarmigen Banditen im Casino.

    Wie bei anderen Suchtmitteln auch muss die Gesellschaft daher einen Konsens finden, wie damit umgegangen werden soll, und der Staat muss diesen dann in Regeln übersetzen und deren Einhaltung überwachen.

    Der zweite Hebel liegt bei den Nutzern selbst: Medienkompetenz muss ein selbstverständlicher Teil der sozialen Fähigkeiten werden. Nur eine kritische Grundhaltung bei der Nutzung des Internets und der sozialen Medien sowie die Fähigkeit, zwischen belegten Informationen und Falschmeldungen unterscheiden zu können, ist ein wirksames Mittel, um nicht in die Social-Media-Falle zu tappen.

    Es ist wichtig, dass bereits Kinder und Jugendliche lernen und verstehen, wer im Hintergrund auf welche Weise Geld verdient, wenn sie klicken, liken oder abonnieren. Der gesunde Umgang mit Social Media muss genauso selbstverständlich zu Erziehung und Bildung dazugehören wie eine gesunde Ernährung. Der Druck der Nutzer mit ihren Klicks und Likes kann Facebook, Youtube und Co. zwingen, ihr Geschäftsgebaren zu ändern.

    Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg. Die Menschen sind derzeit noch viel zu sehr Konsumenten statt mündiger Nutzer. Nur wenn jeder Einzelne seine Verantwortung in der digitalen Welt ernst nimmt und abwägt, worauf er klickt, kann die Wende zu gesellschaftsverträglichen sozialen Netzwerken – die ihrem Namen gerecht werden – gelingen.

    Mehr: Facebook und Twitter machen Fortschritte im Kampf gegen Fake News

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