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Gastkommentar Kampf gegen Krebs: Die andere Pandemie

Wie weiter nach der Coronakrise? Der Kongress „Medizin und Gesundheit“ lenkt jetzt den Blick auf den Kampf gegen Krebs. Das ist auch gut so, meint Bernd Montag.
15.06.2021 - 10:00 Uhr Kommentieren
Bernd Montag ist Vorstandsvorsitzender von Siemens Healthineers. Quelle: Healthineers
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Bernd Montag ist Vorstandsvorsitzender von Siemens Healthineers.

(Foto: Healthineers)

Noch nie zuvor hat ein Virus, dessen weltweite Biomasse dermaßen gering ist, dass sie in eine Cola-Dose passen würde, unser aller Leben so einschneidend verändert. Seit mehr als einem Jahr ist Covid-19 in der öffentlichen Debatte das alles dominierende Gesundheitsthema.

Die Situation ist nach wie vor ernst, in einigen Ländern sogar dramatisch. Dennoch sinkt die rote Kurve auf dem Covid-19-Dashboard der Johns Hopkins University: Die Zahl der täglich neuen Fälle nimmt ab. Gleichzeitig klettert die leuchtend grüne Zahl, die den Fortschritt der globalen Impfkampagne anzeigt: Mehr als 2,2 Milliarden Dosen wurden bereits verimpft.

Gut, dass wir auf dem Hauptstadtkongress „Medizin und Gesundheit“, der an diesem Dienstag beginnt, auch über unsere Aufgaben nach der Krise sprechen. Denn die Weltgemeinschaft wird das Virus in den Griff bekommen.

Jetzt muss uns noch der finanzielle wie organisatorische Kraftakt gelingen, auch die Entwicklungs- und Schwellenländer mit Impfstoffen zu versorgen. Jeder Euro, den die Welt in die faire Verteilung von Impfstoffen steckt, ist eine Investition in die globale und nationale Gesundheit. Niemand ist sicher, bevor nicht alle sicher sind.

Erfreulicherweise steht die Menschheit dem Virus heute weniger wehrlos gegenüber als noch vor einem Jahr. Wenn wir jetzt Bilanz ziehen, sollten wir uns aber auch eingestehen, dass die Staatengemeinschaft einiges hätte besser machen können.

Die schmerzhafteste Erkenntnis ist: Man hätte diese Krise abwenden können. Hätte die Welt die Warnung der Wissenschaft vor einer sehr wahrscheinlich bevorstehenden Pandemie ernst genommen, hätten wir uns alle besser vorbereitet und mit mehr Gemeinschaftssinn an Gegenmaßnahmen gearbeitet – millionenfaches Leid, wachsende soziale Ungleichheit und ökonomische Schäden wären so zu verhindern gewesen.

Fast vier Millionen Tote, 180 Millionen Infizierte, ein historischer Einbruch der Wirtschaft, harte Rückschläge bei der Bekämpfung von Armut und Hunger – die Welt zahlt einen hohen Preis für das Zögern. Ich hoffe, dass wir die globalen Anstrengungen intensivieren, um unsere vernetzte Zivilisation möglichst immun zu machen gegen weitere Einschläge dieser Art. Damit meine ich einerseits Infektionskrankheiten, die abrupt auflodern und ebenso schnell wieder verschwinden können.

Andererseits sollten wir auch andere Geißeln der Menschheit, die uns schon länger verfolgen, verstärkt ins Visier nehmen. Denn der „König aller Krankheiten“ – so nennt ihn der Arzt und Autor Siddhartha Mukherjee – ist kein Virus, sondern ein anderer: Krebs, eine chronische Krankheit, bei der sich unkontrollierte Zellen in Organen, im Knochenmark oder in Lymphbahnen ausbreiten. Erstmals beschrieben vor 5000 Jahren, ist Krebs heute nach Herzerkrankungen die zweithäufigste Todesursache.

Daran hat auch die Covid-19-Pandemie nichts geändert: In den vergangenen zwei Jahren starben weltweit fast 20 Millionen Menschen an Krebs. Das ist mehr als zweimal die Einwohnerzahl von New York City – oder das Fünffache aller bisherigen Covid-19-Toten. Trotzdem gibt es kein Cancer-Dashboard, das – analog zum Covid-19-Dashboard – der Welt im Stundentakt die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen, der Verstorbenen und Genesenen anzeigt, vom Kontinent bis zur Stadt.

Wir schauen dort mit Bewunderung auf die Länder, die geringe Infektions- und hohe Impfraten bei Covid-19 haben, und deuten es als Erfolge kluger Regierungen und starker Gesundheitssysteme. Im Kampf gegen den Krebs hingegen legen wir weniger Wettbewerbseifer an den Tag. Haben wir uns an diese Krankheit als unseren ständigen Begleiter gewissermaßen gewöhnt? Es wäre fatal.

Bei Krebs gibt es keine Standardtherapie

Denn wir wissen schon jetzt, dass die globale Krebs-Inzidenz weiter steigen wird, von heute 20 Millionen neuen Krebspatienten jährlich auf 30 Millionen im Jahr 2040. Diese Prognose sollten wir ernst nehmen und den weltweiten Zugang zu moderner Krebsbehandlung mit gleicher Anstrengung verfolgen wie die Abwehr von Covid-19. Die Behandlung von Krebs ist aufwendig, weil sehr individuell. Es gibt keine Standardtherapie, die auf jeden Patienten passt.

Die Krankheit zeigt sich in über 200 Varianten, durchläuft verschiedene Stadien und erfordert daher eine sehr präzise Medizin, um die richtige Therapie für den richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Das verlangt nach einer hohen diagnostischen Genauigkeit, von molekular-genetischen Untersuchungen über die Lage und Größe bis zum Stoffwechsel eines Tumors mittels bildgebender Verfahren.

Erst auf Basis dieser präzisen Diagnostik kann eine möglichst hoch personalisierte, schonende Behandlung erfolgen, die bessere Ergebnisse bringt. Eine sehr genaue Bildgebung ist die Grundvoraussetzung für die immer exakter werdenden Anwendungen von Strahlen- oder Protonentherapie, interventioneller Onkologie und robotergestützten Eingriffen.

In den Metropolen der einkommensstarken Länder ist die dafür nötige Infrastruktur aus Technologie und Expertenwissen oft vorhanden. In Staaten mit geringem oder mittlerem Einkommen bleibt der Zugang zu solcher Behandlungsqualität den allermeisten Menschen verschlossen.

Nun haben wir in der Covid-19-Situation gelernt, dass physische Nähe von Behandlern und Patienten nicht immer nötig ist, um eine Krankheit zu bekämpfen: Ärzte können sich über große Distanzen via Cloud-Lösungen austauschen, Patienten können telemedizinisch versorgt werden.

Die fortschreitende Digitalisierung der Medizin, beschleunigt zur Kontaktvermeidung während der Pandemie, wird uns daher auch in der Krebsbehandlung nützen – beispielsweise, um Experten virtuell in abgelegene Gebiete zu bringen, statt dass ihre Patienten von dort zu ihnen kommen müssen.

Zehn Millionen Menschen könnten gerettet werden

Ich denke, dass in jüngster Zeit auch der Wert der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Medizin nochmals deutlicher geworden ist. Eine KI von Siemens Healthineers hilft Ärztinnen und Ärzten unter anderem dabei, Computertomografie-Aufnahmen der Lungen von Covid-19-Patienten zu untersuchen; eine weitere KI unterstützt bei der zeitaufwendigen Bestrahlungsplanung, indem sie Risiko-Organe im Umfeld des Tumors automatisch konturiert, damit sie vom Strahl geschont werden.

Ich bin zuversichtlich, dass wir dieser anderen Pandemie – dem Krebs – ebenso ihren Schrecken nehmen können, wie es uns bei Covid-19 gelingen wird. Siemens Healthineers hat durch den Zusammenschluss mit Varian dahingehend ein neues Kapitel aufgeschlagen: Indem wir unsere Portfolios aus Bildgebung, Labordiagnostik, KI und Therapie in ein gemeinsames Ökosystem einbringen, können wir die frühzeitige, präzise Diagnose, die Behandlungsqualität, den Zugang und die Überlebenszeit verbessern.

Gemeinsam mit anderen Experten aus Forschung, klinischer Praxis, Pharmazie und Medizintechnik setzen wir uns dafür ein, dass das weltweit gelingen kann. Die Chancen stehen gut, wenn die Welt sich diesmal an der Wissenschaft orientiert: Bis 2030, sagen Forscher, würden fast zehn Millionen Menschen nicht an Krebs sterben, wenn es gelänge, vor allem in den Niedriglohnländern in Bildgebung und Versorgungsqualität zu investieren. Das sollte uns Anreiz genug sein.

Der Autor: Bernd Montag ist Vorstandsvorsitzender von Siemens Healthineers.

Mehr: KI wird im Kampf gegen Brustkrebs immer wichtiger.

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