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Gastkommentar Künstliche Intelligenz ist keine Macht des Schicksals – sondern gestaltbar

Künstliche Intelligenz polarisiert – auch im Silicon Valley. Statt über Chance und Risiko zu sprechen, sollten wir universelle Werte formulieren.
  • Reiner Hoffmann
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Reiner Hoffmann ist DGB-Chef.
Der Autor

Reiner Hoffmann ist DGB-Chef.

Kürzlich erklärte Google-Chef Sundar Pichai, dass künstliche Intelligenz (KI) wichtiger für die Menschheit sei als Feuer oder Elektrizität. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagte auf der Viva-Tech-Konferenz in Paris Ende Mai: Wer gegen KI sei, müsse auch „Verantwortung für jeden Tag übernehmen, an dem wir eine bestimmte Krankheit nicht heilen können“. Dagegen sah der jüngst verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking die Welt an einem Wendepunkt: KI sei möglicherweise das „Schlimmste, was der Menschheit passieren kann“.

Die Pole in der Debatte um KI könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. Klar ist nur: Die Folgen sind nicht technisch determiniert. Technologie – auch KI – ist gestaltbar. Nutzen oder Schäden von lernenden Systemen und Maschinen werden dabei wesentlich von vier Faktoren bestimmt: dem rasanten Wachstum der Datenbasis und den wirtschaftlichen Interessen, der politischen Gestaltung und den gesellschaftlichen Werten.

Dass sich die notwendige Datenbasis exponentiell entwickelt, ist nicht neu. Und die massiven ökonomischen Interessen zeigen sich an den milliardenschweren Investitionen: Nach Schätzungen der OECD stiegen die Ausgaben von Staaten und Konzernen im KI-Bereich 2016 von 26 auf 39 Milliarden US-Dollar. Längst hat eine Art weltweites digitales Wettrüsten begonnen.

Dabei kann zwischen gemeinwohlorientierten Innovationen auf Gebieten wie Medizin, Mobilität, Energie oder E-Government auf der einen und kommerziellen Interessen auf der anderen Seite unterschieden werden. Deshalb ist eine „digitale Ethik“, wie sie Bundespräsident Frank Walter Steinmeier jüngst gefordert hat, nur folgerichtig. Wie groß das Risiko eines totalen digitalen Überwachungsstaates ist, offenbart das „Citizen Score“-Programm in China, das sozial gefälliges Verhalten belohnt und Abweichung bestraft.

Die Menschen in Deutschland sehen Chancen und Risiken in der KI: Lernende Systeme könnten den Arbeitsalltag erleichtern, die Weiterbildung unterstützen oder sinnvollere Tätigkeiten ermöglichen. Gleichzeitig befürchten sie Machtmissbrauch und Manipulationen bis hin zur Entmündigung des Menschen. Laut der jüngsten Umfrage des DGB-Indexes Gute Arbeit haben 45 Prozent der Beschäftigten das Gefühl, der Technologie ausgeliefert zu sein.

Arbeit erleichtern – nicht nehmen

Viele sorgen sich um die Sicherheit von Jobs – und zwar nicht nur bei Arbeitsplätzen mit Routinetätigkeiten oder niedriger Qualifikation. Längst produziert selbstlernende Software ja juristische Recherchen, Nachrichten und Geschäftsberichte. Auch in Verwaltungen oder den Bankensektor ziehen lernende Maschinen ein. In China gibt ein Technologieanbieter an, die Zahl der Beschäftigten in einer Bank durch Chatbots um 9000 zu senken. In Deutschland wurden bei Banken und Versicherungen digital bedingte Entlassungen angekündigt.

Es darf deshalb nicht länger der Fehler gemacht werden, abstrakt über Chancen und Risiken zu debattieren. Es sollte darum gehen, die Werte und Ansprüche zu formulieren, an denen wir uns orientieren, wenn wir die Technologien der Zukunft für den Arbeitsmarkt gestalten – und so die Chancen auf gute digitale Arbeit zu erhöhen. Wenn lernende Maschinen im Betrieb eingesetzt werden, muss das Prinzip „Gute Arbeit by Design“ gelten: Beschäftigte beteiligen sich und bestimmen mit, wenn das Ziel des KI-Einsatzes definiert wird. Zentral ist, dass smarte Maschinen – ob Chatbots oder Cobots – die Arbeit erleichtern, sie aber nicht übernehmen.

Als weitere Standards für die Einführung von KI-Systemen sollten eine frühzeitige, nachhaltige Qualifizierungsstrategie und Gefährdungsanalysen für die Belastungswirkungen (Usability) sowie Transparenz, Überprüfbarkeit und Interventionsmöglichkeiten etabliert werden.

Gerade in der Zusammenarbeit mit KI-Systemen brauchen die Beschäftigten zudem ausreichend Entscheidungsspielräume – und auch Verschnaufpausen. Deshalb sollte es weder künstliche Leistungsvorgaben noch individuelle Verhaltens- oder Leistungsauswertungen geben. Es muss ausgeschlossen werden, dass digitale Kontrollmöglichkeiten zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen für die Beschäftigten führen.

Diese Anforderungen sind umfangreich – aber entscheidend für die Akzeptanz von KI in der Arbeitswelt. Wir Gewerkschaften fordern eine breite gesellschaftliche Debatte über den Einsatz und die Ziele. Und wir sind damit nicht alleine: 71 Prozent der Unternehmer sind ebenfalls dieser Meinung. Das ist eine gute Voraussetzung, um die Zukunft der Arbeit zu gestalten.

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