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Gastkommentar Merkels letzte große Chance

Beim Petersberger Klimadialog Anfang Mai muss die Kanzlerin den nächsten Schritt in Richtung mehr Hilfen für Entwicklungsländer gehen, fordert Ban Ki Moon.
28.04.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Ban Ki Moon ist Vizevorsitzender der Gruppe The Elders, eines Zusammenschlusses von ehemaligen Staatsmännern und -frauen. Der südkoreanische Politiker war von 2007 bis 2016 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Quelle: AP
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Ban Ki Moon ist Vizevorsitzender der Gruppe The Elders, eines Zusammenschlusses von ehemaligen Staatsmännern und -frauen. Der südkoreanische Politiker war von 2007 bis 2016 Generalsekretär der Vereinten Nationen.

(Foto: AP)

Für die internationalen Klimaverhandlungen ist eines unverzichtbar: Vertrauen. Die Bewältigung der Klimakrise kann nur als gemeinsame Anstrengung aller Staaten gelingen, im Geiste der Solidarität und einer angemessenen Lastenteilung. Deutschland und andere führende Industrieländer sollten deshalb jetzt ihre Zusagen über finanzielle Klimahilfen für die ärmeren Länder ohne Zeitverzug erfüllen.

Sonst besteht die Gefahr eines wachsenden Vertrauensdefizits zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, das bis zum Weltklimagipfel in Glasgow im November 2021 nicht mehr zu überwinden sein dürfte – mit womöglich katastrophalen Folgen für unseren Planeten. Schließlich bleibt uns laut Weltklimarat nur noch bis 2030 Zeit, die globale Erderwärmung bei höchstens 1,5 Grad zu halten. Derzeit liegen wir bei gut 1,2 Grad über der vorindustriellen Zeit.

Anfang Mai richtet Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Petersberger Klimadialog in Berlin ihren letzten großen Klimagipfel aus. Das ist ihre große Chance, noch einmal Führungsstärke zu beweisen und die Grundlagen für eine erfolgreiche Weltklimakonferenz zu schaffen.
Neben den Beiträgen aller Länder, ihre Emissionen in den kommenden Jahrzehnten auf null zu senken, gibt es eine zweiten Teil der Abmachung: Die Industriestaaten müssen die Entwicklungsländer finanziell unterstützen, um ihnen beim Klimaschutz und der Anpassung an die klimatischen Veränderungen zu helfen.

Vor gut zehn Jahren konnte ich als Uno-Generalsekretär dazu beitragen, die reichsten Länder der Welt zu der Zusage zu bewegen, dafür bis zum Jahr 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar bereitzustellen. Doch im vergangenen Jahrzehnt gab es zwar viele schöne Worte, aber deutlich weniger materielle Unterstützung. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung beliefen sich die Hilfszahlungen bis 2018 nur auf knapp 80 Milliarden Dollar im Jahr, einige Experten gehen von noch viel geringeren Zahlungen aus.

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    Untätigkeit und Nachlässigkeit der Geberländer erzeugen verständlicherweise bei den Nehmerländern, die am meisten unter der Klimakrise leiden, aber am wenigsten dazu beigetragen haben, Misstrauen und Frustration.

    Wo man auch hinschaut – die immer gravierenderen Folgen der Klimakrise sind nicht mehr zu übersehen: von sinkenden Inseln im Pazifik und Waldbränden in den USA oder Australien bis hin zu tropischen Wirbelstürmen, die an den Küsten Asiens wüten. In Afrika hängt die Existenz von Millionen Kleinbauern davon ab, dass es genügend regnet, doch die Wetterbedingungen werden immer unberechenbarer.

    Somalia etwa, ohnehin von vielen gewaltsamen Konflikten gebeutelt, hat derzeit auch noch mit der Corona-Pandemie zu kämpfen – und mit den Folgen von vier Flutkatastrophen und Wirbelstürmen. Sie machten mehr als 650.000 Menschen obdachlos und schufen ideale Bedingungen für eine unvorstellbare Heuschreckenplage, die Ernten vernichtete und vielen Menschen die Lebensgrundlage entzog.

    Wetterextreme gefährden bisherige Fortschritte

    Die Kombination aus klimabedingten Katastrophen und drastischen wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie ist ein explosives Gemisch, verheerend nicht nur für die betroffenen Länder. Das Gemisch wirkt sich auch auf benachbarte Regionen und letztlich auf die geopolitischen Verhältnisse aus – mit potenziell dramatischen Folgen für Frieden und Sicherheit in der Welt.

    Schätzungen zufolge haben die Entwicklungsländer 2020 insgesamt eine Billion Dollar durch die von Covid-19 verursachten finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Schäden verloren. Zusammen mit der Schuldenkrise und ständig wieder auftretenden Wetterextremen könnten sie in ihren hart erkämpften Fortschritten bei den Uno-Zielen für nachhaltige Entwicklung um Jahre zurückgeworfen werden. Diese Länder werden sich später daran erinnern, wer ihnen in dieser dunklen Zeit zu Hilfe gekommen ist: Deutschland und Europa – oder andere.

    Es liegt in unser aller Interesse, die notwendigen Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise vor Ort zu unterstützen. Das müssen die reichen Länder endlich erkennen. Dann gäbe es tatsächlich eine günstige Ausgangslage für den Weltklimagipfel in Glasgow. In diesem Sinne war es einerseits gut, dass Bundeskanzlerin Merkel auf dem Klima-Anpassungsgipfel, den ich im Januar mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte geleitet habe, 220 Millionen Euro für die Anpassung an den Klimawandel in den ärmsten Ländern zugesagt hat.

    Andererseits aber dürften die Entwicklungsländer, um ihre Bevölkerung etwa vor katastrophalen Unwettern zu schützen und die Landwirtschaft klimaangemessen zu reformieren, bis Mitte des Jahrhunderts bis zu 800 Milliarden Dollar pro Jahr benötigen. Ich bin stolz darauf, mit Kanzlerin Merkel viele Jahre daran gearbeitet zu haben, eine ehrgeizige globale Klimaagenda voranzubringen. Deutschland hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die 1,5-Grad-Grenze 2015 in das Pariser Abkommen aufgenommen wurde. Diese Grenze war eine Voraussetzung für die Zustimmung vieler durch den Klimawandel besonders gefährdeter Staaten.

    Zusätzliche Gelder sind erforderlich

    Im Vorfeld des Weltklimagipfels in Paris sorgte Deutschland beim Petersberger Klimadialog 2015 mit der Zusage, sein Klimafinanzierungsvolumen bis 2020 zu verdoppeln, für die richtige Weichenstellung. Am 6. und 7. Mai bietet der Petersberger Dialog für Frau Merkel wieder eine entscheidende Gelegenheit, globale Führungsstärke zu zeigen – wenn sie zusagt, den jährlichen Beitrag Deutschlands zur internationalen Klimafinanzierung bis 2025 noch einmal zu verdoppeln, und dabei ausdrücklich weitere Mittel insbesondere für die Anpassung an Klimafolgen zusichert.

    Mit einem solchen Schritt würde Deutschland zu Vorreitern wie Großbritannien aufschließen, das bereits eine Verdopplung seiner Unterstützung bis 2025 zugesagt hat. Vor wenigen Tagen hat auch US-Präsident Joe Biden versprochen, die einschlägigen Gelder in den kommenden Jahren zu verdoppeln. Ich schließe mich Uno-Generalsekretär António Guterres an, der alle Industrieländer auffordert, die seit Langem zugesagten 100 Milliarden Dollar nun endlich auch aufzubringen.

    Schon Goethe schrieb: „In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in der Verbindung mit dem Ganzen steht.“ Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben gezeigt, wie eng unsere menschliche Existenz mit der Gesundheit unseres Planeten verwoben ist. Wie untrennbar das Schicksal jeder Nation mit dem Rest der Welt verknüpft ist.

    Auch über die Zeit der Corona-Pandemie hinaus brauchen wir daher eine ganzheitliche, ambitionierte gemeinsame Klimaagenda, in der die reichen Länder ihrer Verantwortung für die globale Staatengemeinschaft gerecht werden. Bundeskanzlerin Merkel hat jetzt beim Petersberger Dialog die Gelegenheit, den nächsten Schritt in diese Richtung zu gehen.
    Der Autor: Ban Ki Moon ist Vizevorsitzender der Gruppe The Elders, eines Zusammenschlusses von ehemaligen Staatsmännern und -frauen. Der südkoreanische Politiker war von 2007 bis 2016 Generalsekretär der Vereinten Nationen.

    Mehr: Warum Milliardenschäden durch Naturkatastrophen drohen

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