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Gastkommentar Nicht nur das Links-rechts-Mitte-Modell hat ausgedient – sondern auch die Experten, die es nutzen

Experten verwenden ein veraltetes politisches Modell – das nicht nur falsch, sondern auch nutzlos ist. Phänomene wie der Brexit sind damit nicht zu erklären, meint Wolfgang Münchau.
14.05.2021 - 12:48 Uhr 1 Kommentar
Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com. Quelle: Klawe Rzeczy
Der Autor

Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Der Brexit war ein katastrophales Desaster – für die Berufsgruppe der politischen Experten in Zeitungen, Thinktanks und Universitäten. Es war katastrophal, nicht weil sie mit ihren Prognosen falsch lagen. Das passiert allen Kommentatoren. Prognosen werden ohnehin überbewertet. Das Problem mit der politischen Expertenmeinung ist ein anderes. Sie halten sich an das gleiche Gerüst oder Modell, das hinter den schlechten Prognosen steht.

Ein klassisches Beispiel für dieses Phänomen in der Wirtschaft sind Inflationsprognosen, die auf der falschen Vorstellung beruhen, dass die Menschen ihre Inflationserwartungen an das Ziel der Zentralbank anpassen.

Der äquivalente Fehler für die politische Meinungsmache ist ein veraltetes Rahmenwerk, das die Politik in rechts, links und Mitte einteilt – ein Rahmenwerk, das bei der Erklärung der wichtigsten politischen Ereignisse unserer Zeit versagte. Es hat beim Brexit spektakulär versagt. Es war die Unterstützung von Labour-Wahlkreisen wie Hartlepool, die die „Vote Leave“-Kampagne über die 50-Prozent-Marke brachte.

Sozialdemokraten in Deutschland, Sozialisten in Frankreich und New-Labouristen in Großbritannien sagten sich immer wieder, dass man Wahlen immer nur aus der Mitte heraus gewinnen kann. Bewaffnet mit der Macht falscher statistischer Schlüsse, verloren sie immer wieder Wahl um Wahl.

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    Sie formten ihre politischen Ansichten während der Ära des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und des Ex-Premierministers des Vereinigten Königreichs, Tony Blair, und schauten nie zurück.

    Links-rechts-Mitte-Modell ist falsch und nutzlos

    Was der Statistiker George Box einmal über Modelle sagte, gilt auch für Kategorien. Sie sind immer falsch, aber manche sind nützlich. Die Links-rechts-Mitte-Kategorie ist sowohl falsch als auch nutzlos, weil sie uns nicht hilft zu verstehen, was vor sich geht.

    Der Konsens unter faulen Experten nach der Wahl 2019 war, dass Labour verloren hat, weil ihr damaliger Parteivorsitzender Jeremy Corbyn zu links war. Das entsprach dem Standardmodell. Aber wie die Nachwahl in Hartlepool zeigt, brach der Stimmenanteil der Labour-Partei unter dem Zentristen und Labour-Oppositionsführer Keir Starmer weiter ein.

    Was von den Experten nicht angesprochen wurde, ist Stamers Rolle während der Brexit-Auseinandersetzungen: Als Labours Schatten-Brexit-Minister war er die treibende Kraft hinter der Verschiebung der Labour-Position zugunsten eines zweiten Referendums.

    Wenn der Brexit das Problem von Labour im Norden Englands ist, dann ist Keir Stamer sicherlich nicht die Antwort. Die Tatsache, dass er es geschafft hat, von seiner alten Position zu einer widerwilligen Akzeptanz des Brexits zurückzukehren, macht es nicht besser. Man wird nicht vertrauenswürdig, indem man seine Position vor- und zurückschiebt.

    Die Lösung des Problems von Labour liegt nicht in einer bestimmten Lage der Links-rechts-Mitte-Achse, sondern in einer seitlichen Verschiebung von der Achse. Ich erinnere mich, dass Joschka Fischer, der ehemalige deutsche Außenminister, einmal definiert hat, Politik sei die Kunst, Mehrheiten zu konstruieren, wo vorher keine waren.

    Margaret Thatcher, Ex-Premierministerin des Vereinigten Königreichs, erzeugte mit dem Verkauf von Sozialwohnungen den berüchtigten C2-Effekt – Facharbeiter wechselten zur Tory-Partei. Ihre Kunst bestand darin, eine politische Koalition zu konstruieren, die die Links-rechts-Spaltung überwindet. Das geschah auch beim Brexit. Vote Leave war erfolgreich, weil es Labour-Anhänger kooptierte.

    Wie die Links-rechts-Kluft überwunden werden kann

    Was macht also eine Idee aus, die die Links-rechts-Kluft in der heutigen Politik überwindet? Der Erfolg in einer Post-Brexit-Welt erfordert ein gewisses Maß an Querdenken, das in der britischen Debatte weitgehend fehlt.

    In der deutschen Politik ist die Antwort hingegen relativ einfach: mehr Investitionen, Reformen der fiskalischen Regeln und eine wertebasierte Außenpolitik. All diese Ideen werden von Annalena Baerbock, der Kanzlerkandidatin der Grünen, vertreten. Darum geht es im Wahlkampf.

    Baerbock ist die Anti-Merkel der deutschen Politik. Aber lustigerweise werden beide Politiker von intellektuell faulen Fachleuten als zentristisch eingestuft. Dominic Cummings, Johnsons ehemaliger Berater, meinte vor Kurzem, dass die Mitte der Politik eine Fiktion der Experten sei.

    Die Sache, die man über Experten wissen muss, ist, dass sie, wie das französische Adelsgeschlecht der Bourbonen, nie lernen und nie vergessen. Die Experten, die sich beim Brexit geirrt haben, gehen immer noch mit der Geschichte hausieren, dass dies alles auf betrügerische Kampagnen oder russische Einmischung zurückzuführen sei und dass Labour die Wahl verloren habe, weil Corbyn zu links sei. Und sie gehen immer noch mit der Prognose hausieren, dass es eine wirtschaftliche Katastrophe sein wird.

    Die Experten leben in einer Blase und bestärken sich gegenseitig. Aber das Goldene Zeitalter der Zeitungen und Thinktanks, die sie beschäftigen, liegt hinter uns. Einst bildeten die Meinungsschreiber ein oligopolistisches Meinungskartell.

    Die Besseren wissen immer noch, wie man ein gutes Argument aneinanderreiht, aber das Oligopol ist verschwunden, und ihr Einfluss schwindet. Und so wird es auch enden. Die Experten werden sich nicht ändern, aber das Ökosystem, das sie ernährt.
    Der Autor: Wolfgang Münchau ist Direktor von eurointelligence.com

    Mehr: Polarisierung, Aggression und Hysterisierung – Über ein Land, das seine Debattenkultur verlor

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar: Nicht nur das Links-rechts-Mitte-Modell hat ausgedient – sondern auch die Experten, die es nutzen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Worin besteht eigentlich die Kompetenz von Herrn Münchau, die es rechtfertigt, dass er wiederholt im Handelsblatt "gastiert? Er fordert ein Ende der sozialen Marktwirtschaft und setzt sich für eine rot/rot/grüne Regierung ein. Für diese Positionen gibt es doch andere Blätter (TAZ/ Blätter für deutsche und internationale Politik, um nur besonders ausgewiesene zu nennen). Oder will sich das Handelsblatt in die Riege dieser Meinungsbilder einreihen - so langsam verfestigt sich dieser Eindruck.

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