Gastkommentar Ökonom Hans-Werner Sinn – Der Euro ist keine Erfolgsstory

Der Euro ist 20 Jahre alt. Kein Grund zum Feiern: Selbst der größte Euro-Enthusiast muss zugeben, dass Europa sich mit der Gemeinschaftswährung verhoben hat.
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Der Autor ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Universität von München, war Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Berater des deutschen Wirtschaftsministeriums. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com Quelle: AFP
Hans-Werner Sinn

Der Autor ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Universität von München, war Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Berater des deutschen Wirtschaftsministeriums. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

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Wenn man den Zeitpunkt der Festlegung der Wechselkurse im Mai 1998 als Startpunkt setzt, ist der Euro 20 Jahre alt. Das erste Jahrzehnt war Party in Südeuropa, im zweiten herrschte Katerstimmung – und das dritte steht im Zeichen einer zunehmenden politischen Radikalisierung.

Die Party kam durch den billigen Kredit zustande, den die Kapitalmärkte Südeuropa offerierten. Plötzlich war Geld genug da, die Gehälter der Staatsbediensteten und die Renten zu erhöhen und mehr private Konsum- und Investitionsausgaben zu finanzieren. Die Geldflut zeitigte inflationäre Wirtschaftsblasen, die platzten, als die Lehman-Krise Europa erfasste.

Zurück blieben überteuerte Torsi einst halbwegs wettbewerbsfähiger Volkswirtschaften, die in Schwierigkeiten kamen, da sich die Kapitalmärkte der Fortführung der Kreditfinanzierung verweigerten.

Die Länder Südeuropas druckten sich nun das Geld, das sie sich nicht mehr leihen konnten. Begünstigt durch eine immer lockerer werdende Pfänderpolitik des EZB-Rats sowie die vom Rat tolerierte Annahme von ELA- und ANFA-Krediten zogen sie Hunderte von Milliarden Euro an Target-Überziehungskrediten aus dem Euro-System.

Dann wurden ab 2010 fiskalische Rettungsschirme der Staatengemeinschaft aufgespannt. Da die Märkte diese Schirme als unzureichend ansahen, gab die EZB im Jahr 2012 im Rahmen das OMT-Programms eine unbegrenzte Deckungszusage für die Staatspapiere der Euro-Länder, was diese Papiere faktisch zu Euro-Bonds machte.

Schließlich entschloss sich die EZB 2015 sogar, ihr QE-Programm aufzulegen. Die Notenbanken des Euro-Systems erwarben für 2,4 Billionen Euro Wertpapiere, von denen zwei Billionen auf Staatspapiere entfielen. So schoss die Zentralbankgeldmenge von 1,2 Billionen Euro auf über drei Billionen Euro in die Höhe.

Leider wurde das neue Geld, das auch von den Zentralbanken Südeuropas verliehen wurde, nicht für eine wachsende heimische Wirtschaft eingesetzt, sondern primär nach Deutschland überwiesen, um dort Waren, Dienstleistungen, Aktien, Immobilien und Firmen zu erwerben oder zumindest Bankkonten zu füllen, die man vor einem möglichen Währungsschnitt schnell noch in deutsche Anlagen würde umtauschen können. Deutschlands Exportüberschüsse wurden durch die Güterkäufe belebt.

Südeuropäische Länder sind weiterhin nicht wettbewerbsfähig

Zur Jahresmitte 2018 war der Bestand der netto nach Deutschland überwiesenen Gelder, die sogenannte Target-Forderung der Bundesbank gegen das Euro-System, auf fast 976 Milliarden angestiegen. Das Geld war eine Art ewiger, bei der Bundesbank bezogener Überziehungskredit, der den Sonderziehungsrechten beim Internationalen Währungsfonds ähnlich ist.

Nur war er wesentlich größer als alle Kredite, die sich die im IWF vereinigten Länder gegenseitig einzuräumen bereit sind. Allein Spanien und Italien nahmen etwa 400 beziehungsweise 500 Milliarden Euro in Anspruch.

Trotz oder wegen des Geldsegens ist das verarbeitende Gewerbe der südeuropäischen Länder weit von Wettbewerbsfähigkeit entfernt. So hängt Portugals Industrieproduktion noch um 14 Prozent, Italiens um ein Prozent, Griechenlands um 19 Prozent und Spaniens um 21 Prozent unter dem Niveau, das beim Ausbruch der Finanzkrise erreicht worden war. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Griechenland bei knapp 45 Prozent, in Spanien und Italien bei über 30 Prozent und in Portugal über 20 Prozent.

In diesen Ländern regieren radikale Sozialisten, die von Haushaltsdisziplin nichts wissen wollen, in Italien wurden die alten Parteien weggefegt. Die radikale Regierung aus Fünf Sternen und Lega will unter dem Schutz der anderen Euro-Länder viel mehr Kredit aufnehmen als ohnehin und droht, den Euro zu verlassen, wenn ihr die EU dies verwehrt.

Selbst der größte Euro-Enthusiast muss zugeben, dass der Euro keine Erfolgsgeschichte war. Europa hat sich verhoben. Mit seiner Einschätzung „Die Währungsunion ist ein großer Irrtum, ein abenteuerliches, waghalsiges und verfehltes Ziel, das Europa nicht eint, sondern spaltet“ hatte der Ralf Dahrendorf leider recht.

Schwer zu sagen, wie es weitergeht. Mehr Schuldensozialisierung und Vergemeinschaftung von Risiken, sagen einige. Andere warnen, Europa fiele so noch tiefer in die Verantwortungslosigkeit und lädiere die Wirtschaft per Verfälschung des Kapitalmarkts weiter, was es sich angesichts des Wettbewerbs mit China sowie den USA und Russland nicht erlauben könne. Das dritte Jahrzehnt wird die Entscheidung bringen.

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4 Kommentare zu "Gastkommentar: Ökonom Hans-Werner Sinn – Der Euro ist keine Erfolgsstory"

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  • Tut mir leid Herr Sinn und auch bei den 3 Foristen, die vor mir kommentiert haben. Der Euro
    hat enorme Ersparnisse fuer die Wirtschaft gebracht. Er ist stabiler als der Dollar - nicht weil
    er sich in den 20 Jahren moderat aufgewertet hat, sondern vor allem weil er weniger Fluk-
    tuation hat. Ob und inwieweit die suedeuropaeischen Laender wettbewerbsfaehig sind, ist
    diskutabel, aber wenn sie es nicht sind, dann sicher nicht weil sie seit 20 Jahren eine
    stabile Waehrung haben, die das Rueckgrat jeder Wirtschaft sein muss. Ich habe nicht alle Wirtschaftsdaten im Kopf - aber Portugal hat eine ausgeglichene Zahlungsbilanz. Ich habe ueber Jahrzehnte erlebt, was eine schwache Waehrung, die jederzeit von Spekulanten manipuliert werden kann, dort ausgerichtet hat. Eine schwache Waehrung,
    die regelmaessig abgewertet wird, ist Gift fuer eine stabile Entwicklung. Das manche
    Regierungen auf der Basis des Euro schlecht gewirtschaftet haben, ist richtig. Genauso
    richtig ist, dass GR nie in den Euro haette hereinkommen duerfen, was nur durch sehr
    durchsichtige Bilanzfaelschungen moeglich war. Aber das ist ein politisches Problem.
    Wenn wir je dem Diktat der USA entkommen wollen, brauchen wir eine stabile Waehrung
    und die haben wir. Vergleichen wir mal den Euro mit dem Dollar oder auch mit dem Yen.
    Wem ist eigentlich bewusst, dass Japan eine Staatsverschuldung hat, die wesentlich hoeher ist als die Griechenlands?

  • Politische Währungen haben kurze Beine und der Euro hatten noch nie welche.
    Herr Prof. Hans-Werner Sinn hat das in seinen büchern beeindruckend beschrieben wo die Fehler im System sind.
    Aber auch bei Nobelpreisträger Milton Friedman in seinem Buch "Geld regiert die Welt", also Lange vor dem Euro, wird beschriben wie Geld, bzw. eine Währung funktioniert.
    So wie der Euro konzipiert ist kann es auf Dauer nicht funktionieren.
    Wer eindeutig keine Schuld an den aktuellen Problemen mit dem Euro hat ist die Wirtschaft.
    Es ist eine politische Währung somit ein politischen Problem.

  • Nicht der Euro ist das Problem - sondern die Umsetzung bzw. Pflege der Währung in den MS. Vorallem hat die Wirtschaft den EURO zu überhöhten Preisaufschlägen herangezogen. Teilweise sind die Preise seit 2000 um 300% gestiegen. Dazu kommen die Lohnkürzungen bei den Arbeitnehmern.

  • Für mich war es von Anfang an schwer nachvollziehbar, wie eine Gemeinschaftswährung für einen relativ lockeren Staatenbund wie die EU auf Dauer funktionieren soll. Vor einer Gemeinschaftswährung hätte für mich die Umwandlung von einem Staatenbund in einen Bundesstaat etwa wie die USA gestanden. In einem Bundesstaat hätte das Ungleichgewicht zwischen Südeuropa und dem Rest der EU ganz anders ausgeglichen werden können.
    Aber der Euro war politisch gewollt.

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