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Gastkommentar Politik ohne Angst

Die Kanzlerin hat ihren Kurs geändert und will Infektionen grundsätzlich vermeiden. Ein heikle Strategie, denn ob und wann ein Impfstoff kommt, ist unklar.
21.04.2020 - 19:10 Uhr 7 Kommentare
Thomas Geisel ist Oberbürgermeister von Düsseldorf. Quelle: picture alliance/dpa
Der Autor

Thomas Geisel ist Oberbürgermeister von Düsseldorf.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bislang hatten, so hatte es den Anschein, die Virologen in der Coronakrise das Sagen. Bei allem Streit in Einzelheiten waren sich die Experten darin einig, dass wir letztlich mit dem Virus erst „leben“ können, wenn es die sogenannte Herdenimmunisierung gibt, also wenn sich etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert haben.

Da das Virus aber sehr ansteckend ist, würde ein unkontrolliertes Infektionsgeschehen schnell zu einer exponentiell ansteigenden Zahl von Infizierten führen, die – selbst wenn ein Großteil der Krankheitsverläufe harmlos ist – schnell eine Überforderung des Gesundheitswesens zur Folge hätte.

Also wurde die Strategie „flattening the curve“ ausgegeben, die zum Ziel hat, durch Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Nunmehr hat die Kanzlerin den Kurs geändert. Durch den Chef des Kanzleramts, Helge Braun, ließ sie verkünden, dass es jetzt darum gehen soll, neue Infektionen grundsätzlich zu vermeiden und auf die Einsatzfähigkeit eines Impfstoffs zu warten. Der Grund für diesen Strategiewechsel sei, dass unser Gesundheitssystem eine sukzessive Herdenimmunisierung nicht verkraften würde.

Ob das stimmt, lässt sich bezweifeln. Denn an sich waren wir mit Blick auf einen beherrschbaren Anstieg der „curve“ durchaus auf gutem Wege. In den Krankenhäusern wurden in den letzten Wochen in großem Stil elektive Operationen verschoben und zusätzliche Kapazitäten an Intensivbetten und Beatmungsgeräten geschaffen. Tatsächlich ist es so, dass mittlerweile halbe Stationen leer stehen, weil sie die Zeit seit der Ausrufung der Pandemie dazu genutzt haben, sich auf den Anstieg der Corona-Infektionen vorzubereiten.

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    Warum also der Kursschwenk? Wohl kaum liegt es daran, dass neue Erkenntnisse vorliegen, die Anlass zur Befürchtung geben, dass das Virus in Wahrheit viel gefährlicher ist als bislang erwartet. Vielmehr dürfte es eher umgekehrt so sein, dass die Dunkelziffer derjenigen, die sich bereits infiziert haben, ohne es zu wissen, wesentlich höher ist als bislang gedacht.

    Risikogruppen besonders schützen

    In diese Richtung jedenfalls weisen die Studien, die der Bonner Virologe Hendrik Streeck in Heinsberg durchgeführt hat. Dies aber ist ein Indiz dafür, dass viele Krankheitsverläufe asymptomatisch oder jedenfalls harmlos sind und die Sterblichkeitsrate bei Corona wesentlich geringer ist als bislang angenommen.

    Auch gibt es Anhaltspunkte, die vermuten lassen, dass mit steigenden Temperaturen zwar nicht die Infektionsgefahr an sich, wohl aber die Ausprägung von Symptomen zurückgeht. Insofern wäre es eher geboten, den Sommer zu nutzen, um mit geringerem Risiko bei der Herdenimmunisierung voranzukommen.

    Von dieser Herdenimmunisierung sollten diejenigen ausgenommen sein, die im Falle einer Infektion einen schweren, möglicherweise sogar lebensgefährlichen Krankheitsverlauf zu befürchten hätten. Dies sind, nach allem, was wir wissen, vor allem ältere Menschen, insbesondere solche mit Vorerkrankungen. Deshalb gilt es, diese Menschen gezielt zu schützen, und zwar in einer Art und Weise, die sie möglichst keinem Infektionsrisiko aussetzt, ihnen aber gleichzeitig die größtmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erlaubt.

    Mit Altersdiskriminierung oder einer Zweiklassengesellschaft, wie es Seniorenministerin Giffey befürchtet, hat dies überhaupt nichts zu tun. Vielmehr mag man bezweifeln, ob es angemessen (und verfassungsgemäß!) ist, alle gleichermaßen massiv in ihrer Freiheit zu beschränken, wenn dem Großteil der Bevölkerung von einer Infektion mit dem Coronavirus keine nennenswerte Gefahr droht.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Auch der Umstand, dass die Mehrheit der Deutschen die zum Teil gravierenden freiheitsbeschränkenden Verhaltensmaßregeln befürwortet und sich klaglos daran hält, kann wohl kaum den Strategiewechsel rechtfertigen. Zwar trifft es zu, dass „Hardliner“ vom Schlage des bayerischen Ministerpräsidenten sich gegenwärtig höchster Beliebtheitswerte erfreuen.

    Ob dieses Stimmungshoch freilich lange anhält, ist fraglich. Denn die sozialen und wirtschaftlichen Kollateralschäden werden weiter – und womöglich exponentiell – wachsen, solange der Lockdown andauert. Und das Vertrauen in staatliche Rettungsschirme wird naturgemäß in dem Maße schwinden, wie die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Kommunen weiter einbrechen.

    Auf einen Impfstoff zu warten ist eine höchst riskante Strategie. Denn ob und wann dieser kommt, wie wirksam er ist und in welchen Mengen er verfügbar sein wird, lässt sich seriös gegenwärtig nicht abschätzen. Die meisten Experten sind sich einig, dass dies im Jahr 2020 nicht mehr der Fall sein wird. Und bis dahin wird es eine Rückkehr zur Normalität kaum geben, wenn es, wie es die Kanzlerin will, möglichst keine Neuinfektionen mehr geben soll. Daran mag auch die eine oder andere „Lockerung“ nichts ändern.

    Ein wenig fühlt man sich an Goethes Gedicht vom „Zauberlehrling“ erinnert. Anfangs konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Umgang mit dem Virus würde vom Robert Koch-Institut und einer Reihe telegener Virologie-Professoren bestimmt. Mittlerweile scheint die Politik Gefallen daran gefunden zu haben, die Krise als Chance zu verstehen und die Angst vor dem Virus zur eigenen Profilierung zu nutzen. Und mancher Virologe mag sich fragen, wie er die Geister, die er rief, nun wieder loswird.

    Mehr: Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung des Coronavirus werden langsam gelockert. Doch die Bundeskanzlerin warnt vor zu schnellem Vorgehen.

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    7 Kommentare zu "Gastkommentar: Politik ohne Angst"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Lieber Herr Geisel,
      vielen Dank für Ihren Beitrag. Er ermutigt und zeigt, dass es doch noch Politiker gibt, die sich um die Wahrheit kümmern.

      Das ist es was unser Land braucht, Führungskräfte, denen man noch glauben kann und will !!!

      Das die Menschen in so hoher Zahl der Regierung folgen, hat sicher nichts damit zu tun, dass irgendjemand tatsächlich eine Kausalität zwischen den bisherigen, von der Bundesregierung verordneten, Maßnahmen und der Entwicklung der Infektionszahlen nachweisen kann.

      Den Menschen wird Angst gemacht. Es gibt leider zu viele schlimme Erinnerungen an Geschehnisse in Deutschland, bei denen auch gerade die Angst-Propaganda die Menschen in eine Verhaltensrichtung lenkte, die sie im Nachhinein nicht erklären konnten, ja vielfach auch bereuten. Genau dieses befürchte ich heute auch.

      Wir brauchen nun Führungskräfte, die bereit sind die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dazu gehören konkrete Zahlen aus denen nachzuvollziehen ist, wie gefährlich dieser Virus tatsächlich ist. Und dabei kann es nicht genügen, auf Italien oder NewYork zu verweisen. Jedes notierte Unternehmen würde sich strafbar machen, wenn es in ähnlich unsachlicher Art und Weise mit der Darstellung der Unternehmenszahlen versuchen würde, Meinung zu beeinflussen.

      Vielfach belegt ist:
      - in den wenigsten Fällen war es so, dass Covid-19 die wesentliche Todesursache war
      - Krankenhäusern fehlt die Auslastung -- die große Todeswelle war ein Märchen
      - einen Impfstoff wird es vielleicht niemals geben

      Wenn Menschenrechte mit Angst, und ohne die demokratischen Organe einzubeziehen, ausgehebelt werden können, dann ist das Opfer die Demokratie selbst.

      Ich wünsche mir, dass Sie, in Ihrer Position und mit den Beziehungen die Sie haben, diese fatale Angstpolitik so schnell es geht beenden.

      Machen Sie weiter !

      Helfen Sie, diesen Wahnsinn zu stoppen. Ansonsten wird uns nicht die Exponentialität von Corona zum Verhängnis, sondern die Exponentialität der Auswirkung der verordneten Maßnahmen.

    • Endlich mal ein Politiker der noch klar und rational denken kann und den Mut hat, sich in der aufgeheizten Stimmung zu positionieren. Der Strategiewechsel der Regierung ist in der Tat sehr riskant, war man sich doch anfangs noch einig, daß ein monatelanger Shutdown bis ein Impfstoff verfügbar ist, nicht machbar sei. Mit der Heinsbergstudie von Prof. Streeck kam Hoffnung auf, daß der Virus doch lange nicht so gefährlich ist, wie befürchtet. Weitere aktuelle Studien gehen von einer Sterblichkeitsrate von 0,1-0,37% aus, also in der Nähe zu einer starken Grippewelle. Von Streeck und den vielen anderen kritischen Wissenschaftlern wird nicht mehr berichtet, die Politik hört nur auf wenige Fachleute. Dabei ist doch jedem klar, der logisch denken kann, daß neben den allgemeinen Hygienemaßnahmen nur eine Maßnahme sinnvoll ist: der Infektionsschutz für die Risikogruppen. Jede Statistik sagt, daß über 80% der Coronatoten über 70 waren und/oder mehrere schwere Vorerkrankungen hatten und der Anteil der vorher Gesunden unter 1%. Hätte man rechtzeitig nach der Warnung der WHO diese Maßnahme ergriffen, wären uns über 80% der Opfer erspart geblieben. Dabei ist noch nicht mal Zwang erforderlich, sondern nur klare Regeln und die Bereitstellung einer intelligenten Infrastruktur. Die Älteren werden dabei nicht diskriminiert und die restliche Gesellschaft könnte ihrer normalen Wege gehen, in wenigen Wochen eine Herdenimmunität ausbilden und damit die Pandemie beenden. Die Grundrechtseinschränkungen und der Shutdown müssen sofort beendet werden, ansonsten werden die Maßnahmen mehr Opfer fordern als der Virus selbst.

    • Liebes Handelsblatt,

      es ist richtig und gut, dass wir unsere Meinung äußern können und dürfen. Allerdings finde ich es nicht richtig, wenn das Handelsblatt zulässt ungefilterte Falschinformationen zu publizieren. Das Zitat (s.u.) von Herr Geisel ist nachweisliche falsch. Experten die sich die Daten angeschaut haben, berichten sehr deutlich, dass die Heinsberg-Studie notwendig ist und dem wissenschaftlichen Diskurs dient. Jedoch widersprechen die Ergebnisse nicht den bisherigen Vorhersagen. Die Herdenimmunität befindet sich nicht in einem Bereich der bedeutend von dem Vorhergesagten abweicht. Die Heinsberg-Studie scheint eher die Vorhersagen zu bestätigen.

      Ich bitte das Handelsblatt darum, diese Falschmeldung mit Bezug auf diesen Artikel zu korrigieren.

      "Vielmehr dürfte es eher umgekehrt so sein, dass die Dunkelziffer derjenigen, die sich bereits infiziert haben, ohne es zu wissen, wesentlich höher ist als bislang gedacht. [...] In diese Richtung jedenfalls weisen die Studien, die der Bonner Virologe Hendrik Streeck in Heinsberg durchgeführt hat. Dies aber ist ein Indiz dafür, dass viele Krankheitsverläufe asymptomatisch oder jedenfalls harmlos sind und die Sterblichkeitsrate bei Corona wesentlich geringer ist als bislang angenommen."

    • Herr Geisel,
      nun haben Sie auch in die Kakophonie derjenigen eingestimmt, die zwar a) keine Ahnung haben aber b) wenigstens eine Meinung. In Ihrem Beitrag finden sich viele Vermutungen - KEINE Fakten. Ihre Argumentation ist unsauber; sie grenzt an Lächerlichkeit!
      Sie schlagen Maßnahmen abstrakt vor, ohne konkret zu werden. Wie genau soll denn der Schutz und das gesellschaftliche teilhabe der Risikogruppen aussehen? Entwickeln Sie doch konkrete Maßnahmen und sorgen für die Umsetzbarkeit. Aber: Fehlanzeige!
      Und Sie unterstellen der Bundesregierung einen Kurs, der nicht den Tatsachen entspricht, um sich politisch positionieren können. Das ist schäbig!
      Stattdessen: Profilierung- und Geltungssucht, um die eigene politische Laufbahn auf Gedeih und Verderb anderer zu befördern. Wann möchten Sie denn als MP für NRW kandidieren?

    • Zitat: "alle gleichermaßen massiv in ihrer Freiheit zu beschränken"
      Alle nicht - aber, siehe HANDELSBLATT MORNINGBRIEFING von heute... die herkömmlichen Risikogruppen entpuppen sich schnell als diejenigen, die den Freiheitsbegriff und in vielen Fällen auch Maßlosigkeit des Konsums weit überzogen haben. Das wiederum weiß jeder Allgemeinmediziner und natürlich auch Vertreter der Regierung respektive deren Fachberater vor Verlautbarung durch die Vertreter der Regierung.
      Zitat aus dem HANDELSBLATT heute früh: "Sie litten unter Bluthochdruck und Übergewicht, vor allem aber lag eine schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge vor – der Sauerstoffaustausch klappte nicht mehr."
      Erklärt wird dies nach Obduktionen und demnach war "keiner der Toten ohne Vorerkrankungen".
      Wir können also wählen, ob wir zur Normalität zurückkehren wollen. Es sind nicht die Regierungen, die uns frei machen.

    • Lieber Herr Geisel,

      auch von mir höchsten Respekt für ihren Mut und Faktenbezogenheit.
      Die Diskussion lief in den letzten Wochen wieder mal alternativlos.
      Hoffentlich läuft sie nun breiter. Hysterie und Angst war schon bei der sog. Klimakrise nicht mehr mit anzuhören. Und natürlich geht es mit den Anfeindungen und dem shit-storm los.
      Bleiben Sie auf Kurs, denn das ist Demokratie - gelebte Demokratie.
      Ist erstaunlich, wie schnell und offensichtlich mühelos so eine starke Beeinträchtigung der Grundrechte umgesetzt werden kann.
      Bleiben Sie stark und gesund.

    • Lieber Herr Geisel, ich war nicht unbedingt immer ein Freund ihrer Stadtpolitik, das muss ich zugeben! Ich muss Ihnen aber höchsten Tribut für den Umgang mit und in dieser Krise zollen. Vielen Dank für die, für mich, wahren und richtigen Worte! Es wird nun sicher wieder zigfache Kommentare geben, die genau in die andere Richtung gehen -halten Sie es aus! Es braucht genau die Andersdenker, die hinterfragen!

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