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Gastkommentar Politik und Wirtschaft müssen sich besser auf neue Familienmodelle einstellen

Es wird höchste Zeit, die neue Realität von Familien zur Kenntnis zu nehmen und gerade die wachsende Zahl der Alleinerziehenden besser zu unterstützen.
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Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Walter Blüchert Stiftung. Er war bis 2012 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung und Aufsichtsratsvorsitzender der Bertelsmann SE & Co. KGaA. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com. Bild: STARPRESS/ AEDT [M]
Gunter Thielen

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Walter Blüchert Stiftung. Er war bis 2012 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung und Aufsichtsratsvorsitzender der Bertelsmann SE & Co. KGaA. Sie erreichen ihn unter: [email protected]

Bild: STARPRESS/ AEDT [M]

Seit 64 Jahren begeht Deutschland am 20. September den Weltkindertag. Dass diesen Tag kaum jemand wirklich kennt, hat sicher verschiedene Gründe. Einer davon mag sein, dass wir bei Kindern gerne an intakte Familien denken. Vater, Mutter, Kind: Ein Motiv, das in fast keiner Werbung fehlt.

Die Realität ist weit weniger fotogen. Schon viele Einjährige haben 40-Stunden-Wochen – in der Kita. Viele Grundschulkinder pendeln zwischen Freizeit-, Sport- und Bildungsangeboten, weil niemand zu Hause ist. Beide Eltern müssen arbeiten, weil nur ein Gehalt für die Miete und das Leben nicht reicht.

Noch schwieriger ist die Situation von Alleinerziehenden. Hier muss ein Elternteil alle Erwerbs- und Erziehungsaufgaben allein schultern. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass inzwischen jedes fünfte Kind in Deutschland – insgesamt 2,4 Millionen – nur mit der Mutter oder dem Vater zusammenlebt. Das sind rund 300.000 Kinder mehr als vor 20 Jahren.

Jedes Jahr kommen rund 160.000 neue Trennungskinder dazu. Während die Zahl der Alleinerziehenden und Singlehaushalte in den vergangenen 20 Jahren ständig weiter gestiegen ist, wird die traditionelle Familie vom Standard- zum Auslaufmodell.

Politik und Verwaltung reflektieren diesen Wandel kaum. Alleinerziehende – nach wie vor ist es in neun von zehn Fällen die Mutter, die die Kinder bei sich aufzieht – profitieren nicht vom Ehegattensplitting. Den Unterhalt bekommen viele vom Amt statt vom leiblichen Vater, ein zweites Gehalt fehlt sowieso.

Kindergarten- oder Schulferien, über die sich die meisten traditionellen Familien freuen, sind für berufstätige Alleinerziehende eine weitere Herausforderung – zumindest dann, wenn parallel Betreuungsangebote fehlen. Dabei würden viele lieber arbeiten, als zu Hause zu sitzen, oder von Teil- auf Vollzeit umstellen, wenn es denn ein qualitativ hochwertiges und vor allem zuverlässiges Betreuungsangebot gäbe.

Doch das Angebot an Kitaplätzen kann mit dem Bedarf kaum Schritt halten, Betreuung zu Randzeiten ist ein ganz schwieriges Kapitel, und viele Arbeitgeber finden wenig Verständnis, wenn eine Mitarbeiterin wegen Krankheit des Kindes häufig ausfällt.

Alleinerziehende brauchen mehr Unterstützung

Es wird höchste Zeit, die veränderte Realität von Familien in Deutschland zur Kenntnis zu nehmen und gerade die wachsende Zahl der Alleinerziehenden besser zu unterstützen. Jeder von uns sollte einen Beitrag dazu leisten, ihnen das Leben leichter machen und anerkennen, welche enorme gesellschaftliche Leistung sie vollbringen.

Das noch unter der Vorgängerregierung verabschiedete Präventionsgesetz ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Eben weil Alleinerziehende und ihre Kinder besonderen materiellen, psychischen und gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt sind, sollen sie dem Gesetz zufolge bei Maßnahmen zur Präventions- und Gesundheitsförderung besonders berücksichtigt werden.

Rund 300 Millionen Euro stehen für die Arbeit in sogenannten Lebenswelten zur Verfügung. Für Mütter und Väter sind das vor allem Bildungseinrichtungen wie Kitas, Kindergärten und Schulen. Die Idee dahinter: Werden die Betroffenen in ihrer aktuellen Lebenssituation „abgeholt“, sind sie leichter zu erreichen, und Projekte zur Verbesserung ihrer Gesundheit können gezielter konzipiert und umgesetzt werden.

Das ist gut gemeint und gut gedacht, muss aber auch gut umgesetzt werden. Dafür brauchen Krankenversicherungen und Kommunen Partner, die durch qualitätsgesicherte Programme einen sinnvollen Einsatz der Versichertengelder garantieren.
Das alles ist nur ein Mosaiksteinchen im Kontext „Familie der Zukunft“, über das wir uns dringend Gedanken machen müssen.

Die starke Alterung der Gesellschaft, zunehmende Vereinsamung, steigender Pflegebedarf auch durch fehlende familiäre Strukturen – all das sind weitere Aspekte des großen Themas Familie, vor denen wir die Augen nicht länger verschließen dürfen.

Die Politik ist gefordert, ihre Strukturen endlich der veränderten Realität anzupassen. Das beginnt in Jobcentern und Jugendämtern, geht über die Gesundheitsversorgung, die Betreuung in Kitas und Schulen bis in den Bereich Steuern, Arbeitsrecht und Arbeitszeitregelung.

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