Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Schluss mit dem Streit zwischen Deutschland und Frankreich

Der Dauerclinch zwischen den beiden Staaten blockiert Europa, schadet der Wirtschaft – und macht vor allem Drittländer stark.
Kommentieren
Die Autorin ist Geschäftsführerin bei Sanofi-Aventis Deutschland GmbH und Aufsichtsratsvorsitzende beim Technologiekonzern Euromicron. Quelle: Sanofi
Evelyne Freitag

Die Autorin ist Geschäftsführerin bei Sanofi-Aventis Deutschland GmbH und Aufsichtsratsvorsitzende beim Technologiekonzern Euromicron.

(Foto: Sanofi)

Was waren das noch für schöne Zeiten, als Angela Merkel und Emmanuel Macron sich im November 2018 händchenhaltend und flüsternd in Compiègne trafen. Historisch sei es, jubelten die Medien, dass die einstigen Erzfeinde hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auf diese Weise ein Zeichen der Versöhnung setzten.

In seiner Rede mahnte der französische Präsident jedoch, das Errungene nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. „Nationaler Egoismus“ und „Faszination für Abschottung“ seien eine große Gefahr. Der amerikanische Präsident war der Feier demonstrativ ferngeblieben. Weil die Europäer die Souveränität der blinden Gefolgschaft vorziehen.

Im Mai 2017 und im November 2018 setzten die beiden Spitzenpolitiker auf europäische Stärke. Die Europäer begannen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Doch jetzt? Deutschland und Frankreich liegen immer wieder im Clinch. Man ist uneins bei Rüstungsexporten, es gab Irritationen bei der Berufung des neuen EU-Kommissionspräsidenten und auch im Hinblick auf den Brexit vertreten Berlin und Paris unterschiedliche Positionen.

Jeweils sind es innenpolitische Manöver, die außenpolitisch zu unterschiedlichen Positionen führen. Es ist, als wenn der nationalistische Geist der Spaltung nunmehr auch die binationale Freundschaft vergiftet. Es droht nicht Krieg, sondern Zerfall. Was nicht weniger gefährlich ist. Denn bekanntlich freut sich, wenn zwei streiten, der Dritte. Oder der Vierte. Oder der Fünfte.

Vom uneinigen Europa profitieren derzeit viele: Die USA und China wetteifern ungestört im Handelsstreit um die Vormachtstellung der künftigen digitalen Welt. Und Russland verlängert seine Vormachtstellung vergangener fossiler Zeiten. Ob Gaspipeline, angedrohte Zölle, Seidenstraße oder das neuste Mobilfunknetz – die Europäer lassen sich durch jede wirtschaftsrhetorische Finte ins politische Bockshorn jagen.

Streitereien ums Klein-Klein kosten Nerven und vor allem Zeit. Während die Europäer noch am Feldrand mögliche Spielregeln diskutieren, zieht die globale Konkurrenz regellos und feixend vorbei. Für die europäische Wirtschaft ist das ein Desaster. Europa hat die Ideen, China und die USA bringen sie auf die Straße.

Je mehr wir uns in Diskussionen verstricken, desto schwerer wird es, Schritt zu halten und den Vorsprung der anderen aufzuholen. Deutschland und Frankreich müssen möglichst schnell die Spaltungen überwinden und die Kraft der Gemeinsamkeit wiederentdecken, damit sie als Motor Europas wirken können. Natürlich gibt es Differenzen zwischen den beiden Ländern.

Zugang zu digitaler Transformation

Doch gerade diese Unterschiede könnten im – strategisch abgestimmten! – Teamspiel den entscheidenden Vorteil bringen. Statt die verschiedenen Traditionen im Buhlen um die Gunst der nationalen Wähler gegeneinander auszuspielen, ist es an der Zeit, sie im Wettstreit der Welt in gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik zu übersetzen.

Die global agierende, aber dennoch kulturell in Europa beheimatete Wirtschaft braucht dringend Programme, um der alten Industrie Zugang zur Finanzierung digitaler Transformation zu verschaffen – und zwar ohne dass man das Tafelsilber ausländischen Investoren überlässt, denen deutsche wie französische Werte gleichermaßen egal sind.

„Wir lassen uns nicht plündern!“ fordert die französische Großindustrie und weiß, staatliche Einmischung nicht als Störung, sondern als Schutz gegenüber ausländischen Investoren wertzuschätzen. Auch der starke deutsche Mittelstand ist längst kein Hidden Champion mehr, sondern weckt weltweit offene Begehrlichkeiten von Investoren, die sich die innovativen Weltmarktführer gern einverleiben möchten.

Eine zentral geführte europäische Wirtschaftspolitik könnte hier eine schützende Rechtsordnung schaffen, die den allzu leichten Zugriff finanzstarker Käufer und ihre „Plünderungsinvestitionen“ verhindern könnte. Häufig werden das französische und das deutsche Modell als unvereinbar gegenübergestellt.

Doch beide Länder sind komplementär und können voneinander lernen. Frankreich hat mehr zu bieten als Luxusgüter und Savoir-vivre; Deutschland mehr als Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit. Statt die jeweils andere Industriekultur in falsch verstandener Rivalität zu verhöhnen, sollten wir in Kooperation zum Motor der EU-Wirtschaft werden.

Nicht nur die europäischen Bürger verlangen einen starken Schutz durch die EU, auch die europäische Wirtschaft. Ja, Unternehmen brauchen staatliche Unterstützung – jedoch nicht als Almosen, sondern als Förderung disruptiver Technologien und sozialer Innovationen.

Die gemeinsame europäische Datenschutzverordnung (DSGVO) hat vorgemacht, wie sich demokratische Bürgerrechte und wirtschaftliche Interessen unter einen Hut bringen lassen. Doch es irrt, wer meint, es brauche nun mehr vom Gleichen. Der nächste Schritt ist nicht die akribische Implementierung rechtlicher Kleinstparagrafen, sondern der Aufbau einer europäischen Dateninfrastruktur.

Das ist sogar wichtiger als die – richtige, aber eben nicht ausreichende – gemeinsame Batteriezellenfertigung deutsch-französischer Automobilindustrie. Die wirtschaftliche Zukunft entscheidet sich derzeit nicht an der Ladesäule, sondern beim Zugriff auf den wertvollsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts: Daten.

Es muss schnellstmöglich gelingen, die über Jahrzehnte gesammelten aber stark fragmentierten Daten unterschiedlichster Unternehmen in einer gemeinsamen europäischen Plattform anonymisiert wiederum jedem einzelnen beteiligten Unternehmen zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. Nur so werden auch mittelgroße Unternehmen – egal ob französisch, deutsch, griechisch oder polnisch – die Vorteile Künstlicher Intelligenz nutzen können.

Andernfalls wird jedes einzelne europäische Unternehmen durch übertriebene Regulierungen vor einem wertlos fragmentierten Datenhäufchen sitzen und in wenigen Jahren als analoge Schnecke den KI-Leoparden in Ost und West hinterherkriechen. Es braucht zudem staatliche Unterstützung nicht nur technischer Produktinnovationen bei Forschung und Entwicklung wie zum Beispiel in Frankreich mit der „Steuergutschrift für Forschungszwecke“ (Crédit d’impôt recherche), sondern auch sozialer Innovationen.

Familienkultur kann überleben

Stichwort: New Work! Das traditionell gewachsene duale Bildungssystem und die sozialen Errungenschaften von Mitbestimmung sind in Deutschland gut eingeübte Mechanismen, die auch in einer auf Kooperation, Eigenverantwortung und Gemeinwohl setzenden digitalen Wirtschaftswelt gebraucht werden.

Die wertorientierte deutsche Familienkultur wird souverän überleben, wenn es gelingt, den Geist der Gemeinschaft historischer Blutsverwandtschaft in einen respektvollen und dennoch agilen Rahmen zu überführen, der Egoismus und wettbewerbswidrige Abschottung auch im Zeitalter digitaler Individualität unmöglich macht.

Dasselbe gilt ebenfalls für die große Herausforderung der Neuzeit: den Klimawandel. Europa hat alle Talente, Kompetenzen und Möglichkeiten, eine Industriezone zu werden, die sich langfristig durch ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit durchsetzt. Das zukunftsweisende globale Klimaabkommen wurde nicht zufällig in Paris unterzeichnet. Ein ökologisches Bewusstsein ist – trotz aller Anfeindungen durch Rechtspopulisten – nach wie vor in Europa zu Hause.

Staatliche Förderung könnte es auch für die über Jahrzehnte geübte demokratischen Verfahren geben. In puncto soziale Gerechtigkeit könnten Deutschland die betriebliche Mitbestimmung und Frankreich ein staatlich reguliertes Lohnverhältnis („CEO-Pay-Ratio“) in eine gemeinsame europäische Regulierung einbringen. Beides wird von Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen als Instrumente der Fairness empfunden.

Bei der Wahl zwischen dem Staatskapitalismus Chinas und dem Finanzmarkt-Kapitalismus der USA sollten wir uns für einen europäischen Kapitalismus entscheiden, der unsere Vision und unsere Werte widerspiegelt. Europäische Champions sind nicht zwangsläufig große Konzerne oder gar Monopolisten; sie können auch als Holding oder Konsortium agieren. Europas größte Stärke ist seine Vielfalt.

Diversität fördert Kreativität und stärkt die Resilienz in Krisenzeiten. Gemeinsam verfügen wir über einen Werkzeugkasten voller Instrumente, um ein verantwortungsvolles Wirtschaftssystem zu etablieren, das Effizienz und Gerechtigkeit sowie Wachstum und Umweltschutz in Einklang bringt. Doch die Zeit läuft. Wir brauchen unternehmerischen Tatendrang in der Politik, und zwar mehr denn je und jetzt!

Mehr: Die DSGVO ist ein Beleg für politische Handlungsfähigkeit im digitalen Markt. Doch statt diese Chancen zu ergreifen, wirkt die Bundesregierung kopflos.

Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Schluss mit dem Streit zwischen Deutschland und Frankreich

0 Kommentare zu "Gastkommentar: Schluss mit dem Streit zwischen Deutschland und Frankreich"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.