Gastkommentar: Start-ups stehen vor einer neuen Blütezeit
2021 wurden rund 106 Milliarden Euro in europäische Start-ups investiert.
Foto: IMAGO/MASKOTWenn wir uns aktuell die Nachrichten aus der Start-up-Szene ansehen, könnte man meinen, es gäbe kein Morgen mehr: Massenentlassungen bei (Fin-) Tech-Start-ups – laut „State of European Tech“ haben in der europäischen Tech-Szene rund 14.000 Menschen bereits ihren Job verloren.
Dazu kommen Inflation, geschwächte Kaufkraft im E-Commerce, der unbeständige Aktien- und Kryptomarkt und Zurückhaltung bei Investitionen in die Start-up-Branche.
Aber wie dramatisch ist die Situation? Während institutionelle Investoren in den vergangenen Jahren neuen Geschäftsideen sehr offen gegenüberstanden und im Jahr 2021 sogar rund 106 Milliarden Euro in europäische Start-ups investierten, wurde 2022 in der ersten Jahreshälfte nach Angaben von Pitchbook ungefähr die Hälfte investiert.
In der zweiten Jahreshälfte 2022 investierten Venture-Capital-Investoren 659 Millionen Euro in deutsche Fintechs. Die Statistiken zeigen allerdings auch, dass 2021 ein besonders gutes Jahr war: In der zweiten Jahreshälfte 2021 konnten Fintechs etwa 2,36 Milliarden Euro Risikokapital einsammeln.
Machen wir also zu viel Wind um nichts? Nein, das würde ich so nicht sagen. 2022 war ein herausforderndes Jahr. Für alle, nicht nur für die Start-up-Szene. Es gibt dieses abgedroschene Sprichwort: In jeder Krise steckt auch immer eine Chance. Aber es stimmt – ich glaube, dass wir aktuell die Chance auf nachhaltige, zukunftsorientierte Businessmodelle haben.
Wir brauchen mehr Wachstums- und Risikokapital
Besonders in schwierigen Zeiten zeigt sich, welche Geschäftsmodelle echten Inhalt haben und wirklich gebraucht werden und nicht nur leere Blasen sind. Erstere werden sich durchsetzen, und das sehe ich als einen großen, positiven Nebeneffekt dieser aktuellen Krise.
Denn: Der Sinn und Zweck von Start-ups ist ja nicht, Fundingrekorde zu brechen, sondern wirkliche Probleme zu lösen und Marktlücken zu schließen. Also lasst uns nicht nur über Gelder aus Venture-Capital (VC) sprechen, wenn wir über die Start-up-Szene sprechen. Es gibt schließlich Start-ups, die sich ganz ohne institutionelles VC-Geld zu erfolgreichen Unternehmen entwickelt haben.
Ich glaube, es ist wichtig, „die Blütezeit deutscher Start-ups“ neu zu definieren. Wir brauchen mehr nachhaltige Lösungen und zukunftsrelevante Innovationen. Ich glaube, dass die Unternehmen, die Zukunftsfähigkeit in ihrem Geschäftsmodell und ihrer Unternehmenskultur verankert haben, diese schwierige Zeit gut überstehen werden. Zukunftsfähigkeit definiert sich meiner Meinung nach über den Pfad zur Profitabilität, über die langfristige Kundennachfrage und den Mehrwert des Produkts.
Die Krise hat die Branche auf jeden Fall wachgerüttelt, und wir haben jetzt die Möglichkeit zu hinterfragen, wie wir schaffen, was wirklich wichtig ist: Unternehmen, die das Ziel haben, sich selbst zu tragen. Wir dürfen nicht in eine Schockstarre verfallen und uns jetzt alle fest ans Geld klammern. Es muss weiter Kapital fließen, da ohne Innovationen und Investitionen kein Wirtschaftswachstum möglich ist.
Um den Zugang zum Kapitalmarkt zu erleichtern, gerade wenn Investoren vorsichtiger mit ihren Finanzierungen sind, muss der Einsatz von Wachstums- und Risikokapital erhöht und beschleunigt werden. Aber wir müssen auch auf weitere Probleme der Unternehmen reagieren. Dazu gehört nicht nur Kapital.
Wir sollten europäische Tech-Start-ups als Vorbilder etablieren
Gezielte Forderungen können einem Brandbrief von 15 Szeneköpfen aus der Start-up-Branche an die deutsche Bundesregierung entnommen werden. Eine Forderung unter anderem: ein ESOP – Employee Stock Option Plan–, sprich ein Programm, mit dem Mitarbeitende Anteile am eigenen Unternehmen erwerben können.
Auch Fachkräfte-Visa zur Vorbeugung des Facharbeitermangels und Finanzierungen für Start-ups sind dringend erforderlich, um Firmen und Unternehmen am Leben zu erhalten. Die 15 Unternehmerinnen und Unternehmer fordern einfache und unbürokratische Wege, um Fachkräfte aus dem Ausland beschäftigen zu können. Damit dies gelingen kann, müsste jedoch die Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen schneller und effizienter erfolgen.
Wie genau die Zukunft aussehen wird, ist ungewiss. Fakt ist: Wirtschaftliche Krisen gab es immer wieder, „ups and downs“ der Aktienmärkte ebenfalls. Hinzu kommen jedoch vermehrt Faktoren wie menschengemachte Krisen, die uns vor neue Herausforderungen stellen.
Mein Vorschlag wäre, erfolgreiche Tech-Start-ups als europäische Player und Vorbilder zu etablieren und somit neue Perspektiven aufzuzeigen. Die daraus resultierenden Innovationen brauchen wir, um in der Krise bestehen zu können.
Wenn wir alle gemeinsam anpacken, können wir die Krise überwinden, fit für die Zukunft werden und einen neuen Mittelstand schaffen.
Die Autorin: Miriam Wohlfarth hat die Fintechs Ratepay und Banxware gegründet und sitzt im Aufsichtsrat von Daimler Mobility AG, der freenet AG und des Jobvermittlers talentsconnect.