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Gastkommentar Strukturschwache Regionen brauchen Innovationen statt Bedenken

Uns fehlt es an wagemutigen und innovativen Konzepten für strukturschwache Regionen. Die Politik unter John F. Kennedy könnte als Inspiration dienen.
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Der Autor ist war Personalvorstand der Deutschen Telekom und ist Bundestags- abgeordneter der FDP.
Thomas Sattelberger

Der Autor ist war Personalvorstand der Deutschen Telekom und ist Bundestags- abgeordneter der FDP.

Sechs Jahrzehnte lang hat der Niedergang der Steinkohle das Ruhrgebiet gequält. 140 Bergwerke, mehr als eine halbe Million Beschäftigte im Jahr 1956. Diverse misslungene Versuche, Konzerne zu Leitinvestitionen zu locken, neue Medienunternehmen aufzubauen.

Im Süden gelang die Transformation einigermaßen mit einem Netzwerk aus IT-, Logistik- und Kulturzentren, Forschungseinrichtungen, neuen Hochschulen und attraktiver Stadtentwicklung. Im Norden kämpfen die Menschen bis heute mit den Folgen des Strukturwandels. Haben wir unsere Lektion gelernt angesichts des Braunkohle-Exitus spätestens 2038? Betroffene Regionen in NRW, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt können fit werden für eine Zukunft ohne Braunkohle. Nötig ist allerdings mehr als „Zuschütten mit Milliarden“. Innovation tut not. 

Schauen wir gen USA, wo Innovationsgeist seit Pioniertagen lebt. Etwa nach dem Sputnik-Schock, als die Sowjetunion die USA beim Wettrennen in den Weltraum plötzlich überholt hatte. Mit aufgekrempelten Ärmeln hat US-Präsident John F. Kennedy 1962 gerufen: „We choose to go to the moon.“  Bis zu Neil Armstrongs erstem Fußabdruck auf dem Mond vergingen knapp sieben Jahre. Innovation first, Bedenken second! Fachleute nennen so was „Mission Driven“.

Mission Nr. 1: Brandenburg war schon mal dicht dran. 1996 gründete Carl-Heinrich von Gablenz die Cargolifter AG, um Mega-Zeppeline zu bauen für bis zu 160 Tonnen Fracht. 1998 entstand in Brandenburg die Werfthalle, 107 Meter hoch. Das größte freitragende Gebäude der Welt, heute die äußere Hülle des Freizeitparks Tropical Islands. Insolvenz 2002, gescheitert nicht an mangelnder Nachfrage oder technischer Machbarkeit. Sondern am fehlenden langen Atem der Wagniskapitalgeber und an einer mutlosen Landesregierung. Was würde JFK heute tun als brandenburgischer Ministerpräsident? „We choose to reinvent the Luftschiff“, würde er rufen – und damit nicht nur seine Landeskinder begeistern, sondern auch Tausende Ingenieure und Entwickler. Warum hebt niemand dieses visionäre Projekt erneut aus der Taufe? Cargolifter ist keine Utopie. 

Mission Nr. 2: Brandenburg produziert heute mit Wind- und Solarenergie einen beträchtlichen Stromüberschuss, der weder genutzt noch gespeichert werden kann. Was würde JFK sagen? „We choose to build Brandenburg as Germany’s Stromspeicher!“ Warum formuliert niemand diese Mission und fordert Entrepreneure, Wasserstoff- und Batterietechnologen aus der Lausitz und aller Welt heraus?

Ich denke sogar an eine Energie-Uni in Brandenburg als einem Herzstück Deutschlands in der Energieforschung: überlebenswichtig gerade für eine Region mit geringer industrieller Basis. Ja, die Kritiker, Traditionalisten und Bedenkenträger jaulen schon. Aber, liebe Freunde: Transformation und Zukunft – so was gelingt nur, wenn wir Herzen gewinnen! Ich bin sicher: JFK im Himmel und die Atlantikseglerin Greta Thunberg würden mir zustimmen. 

Mission Nr. 3: Wie binden wir Brandenburgs Randregionen infrastrukturell an? Die Bahn stemmt es nicht. JFK würde sagen: „We choose to hyperloop from Frankfurt/Oder via Berlin to Magdeburg!“ 250 Kilometer. 

Mit der Vision, irgendwann Paris von Berlin aus in einer knappen Stunde zu erreichen. Energieneutraler Transport von Personen und Gütern. 1.200 Stundenkilometer schnell und in einer Vakuumröhre. Kapselfolge und Fahrplandichte: quasi unbegrenzt. 

Elon Musk macht es in den USA vor. In Europa will die Schweiz mit dem Zukunftsprojekt „Cargo sous terrain“ ab 2030 ihre großen Zentren für den Güterverkehr unterirdisch verbinden. Wegweisende Entwicklungen werden meist ideell und finanziell initiiert von mutigen, hartnäckigen Persönlichkeiten voller Zukunftsaspiration. Von Politikern wie JFK und Unternehmern wie Elon Musk oder United-Internet-Gründer Ralph Dommermuth. Mutige Schritte brauchen übrigens nicht nur die Braunkohle-Regionen. So wie der Kohle kann es in wenigen Jahren unserem Auto gehen.

Doch wer Visionen realisieren will, muss über Legislaturperioden und kurzfristige, populistische Wahlkampfversprechen hinausdenken können. Wer jetzt vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen am 1. September vor allem für Vermögensteuer, Wohnungsenteignung und Familiendarlehen wirbt, macht dieses Land nicht zukunftsfest. Wir brauchen grundlegend neue Geschäftsmodelle, damit unser Sozialstaat künftig noch etwas verteilen kann. Nicht nur die beiden Innovationskontinente Nordamerika und Asien nehmen uns in die Zange. Beim Thema Innovation liegen wir auch weit zurück hinter der Schweiz, Norwegen, Belgien und Dänemark. 

Ein letztes Mal: Was würde JFK tun im Jahre 2019? Nicht Grönland kaufen, sondern Future-Labs aufbauen, in denen Menschen zusammenkommen zum Moonshot-Thinking: Unternehmer, Gründer, Tüftler, Rebellen, Regionalentwickler, Politiker, Wissenschaftler, die gemeinsam ganz neue, mutige Ansätze diskutieren. Und dann aus Visionen Wirklichkeit machen. Wie JFK beim Moonshot.

Mehr: Etliche Regionen in Deutschland drohen den Anschluss zu verlieren. Landespolitiker fordern nach den Debatten endlich Taten wie Sonderwirtschaftszonen.

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